Hamburger Erzbischof blickt auf Ostern, Krisen und Kirche im Wandel

"Christen stehen auf der Seite des Lebens"

Ostern in Zeiten von Krieg und Angst? Für Erzbischof Heße ist das Fest ein Zeichen der Hoffnung. Er warnt vor Spaltung, fordert mehr Menschlichkeit und erzählt, welche Kindheitserinnerungen er mit Ostern verbindet.

Erzbischof Stefan Heße / © Maximilian von Lachner (DBK)
Erzbischof Stefan Heße / © Maximilian von Lachner ( DBK )

KNA: Was bedeutet Ostern für Sie in diesem Jahr – angesichts von Kriegen, Krisen und gesellschaftlicher Unsicherheit?

Erzbischof Stefan Heße (Erzbischof von Hamburg): Ostern ist das Fest des Lebens. Gerade in einer Zeit, in der wir viel Zerstörung, Tod und Krieg erleben – etwa im Nahen Osten oder in der Ukraine -, ist die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod besonders wichtig. Sie gibt Halt und zeigt: Christen stehen auf der Seite des Lebens.

KNA: Viele Menschen erleben derzeit eher Angst als Hoffnung. Hat die christliche Botschaft heute noch die Kraft, gesellschaftlich etwas zu verändern?

Heße: Diese Botschaft hat enorme Kraft. Entscheidend ist, ob wir ihr Raum geben und sie leben. Ich habe in diesem Jahr wieder die Freude, einige Erwachsene taufen zu dürfen. Wenn ich ihre Lebensgeschichten höre, dann wird deutlich: Sie haben etwas von Jesus gehört, das sie fasziniert hat, und dann gemerkt, dass das ihrem Leben Halt gibt und es verändert. Diese Erfahrung zeigt, welche Kraft in dieser Botschaft steckt.

Stefan Heße

"Zudem werden etwa beim Thema Migration häufig einfache Schuldzuweisungen vorgenommen - das wird den Menschen nicht gerecht."

KNA: Was gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt derzeit am meisten?

Heße: Ich nehme eine starke Zuspitzung von Themen wahr. Der Ton wird rauer, Debatten werden schärfer geführt. Das führt eher zu Spaltung als zu Zusammenhalt. Zudem werden etwa beim Thema Migration häufig einfache Schuldzuweisungen vorgenommen – das wird den Menschen nicht gerecht.

KNA: Meinen Sie damit konkret auch die AfD?

Heße: Ich wollte das nicht auf eine Partei verengen. Aber natürlich mache ich mir mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Sorgen, wie gut demokratische Kräfte künftig noch zusammenarbeiten können. Ich frage mich auch, was das für kirchliche Institutionen wie die Caritas, die Jugendarbeit oder die Schulen bedeutet und wie sie in Zukunft finanziert werden können. Da könnten schwierigere Zeiten auf uns zukommen.

KNA: Kanzler Friedrich Merz hat gesagt, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer in den nächsten drei Jahren in ihr Heimatland zurückkehren sollen. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Heße: Die humanitäre Lage in Syrien ist weiter äußerst prekär. Natürlich werden Menschen gebraucht, um das Land wieder aufzubauen – und das werden vor allem Syrerinnen und Syrer selbst sein.

Gleichzeitig sind viele hier gut integriert und leisten wichtige Beiträge, etwa im Gesundheitswesen. Sie werden also auch in Deutschland dringend gebraucht. Eine pauschale Rückkehrquote von 80 Prozent halte ich deshalb für wenig sinnvoll. Solche Fragen müssen mit Augenmaß entschieden werden, nicht anhand fixer Zahlen.

KNA: Immer weniger Menschen gehören in Deutschland noch einer der großen Kirchen an. Was ist aus Ihrer Sicht der Hauptgrund dafür?

Heße: Es ist ein Bündel von Gründen. Die Missbrauchsskandale wirken bis heute nach und haben Vertrauen zerstört. Gleichzeitig erleben wir tiefgreifende Strukturveränderungen: Gemeinden werden zusammengelegt, Standorte aufgegeben - das trifft viele Menschen konkret vor Ort. Dazu kommt ein allgemeiner Säkularisierungsschub. Es gibt Menschen, die sagen, diese Botschaft spricht mich nicht mehr an.

Das muss man respektieren. Gleichzeitig sehe ich auch eine andere Bewegung: Menschen, die neu zum Glauben finden, sich taufen lassen oder wieder eintreten. Gerade bei ihnen ist der Glaube oft sehr bewusst gewählt.

Ein Kind schützt sich mit ausgestreckter Hand.   / © MaLija (shutterstock)
Ein Kind schützt sich mit ausgestreckter Hand. / © MaLija ( shutterstock )

KNA: Viele Katholiken erwarten Reformen, etwa beim Umgang mit Frauen oder Homosexuellen. Wie weit darf und kann sich Kirche verändern?

Heße: Die Kirche ist immer in Veränderung. Das sieht man etwa am Pontifikat von Papst Franziskus, der wichtige Impulse gesetzt hat, auch bei den genannten Themen. Der Synodale Weg in Deutschland hat viele Fragen aufgeworfen und diskutiert, und die Weltsynode zeigt, dass diese Themen weltweit relevant sind. Es sind also keine deutschen Sonderdebatten. Manches hat sich bereits bewegt, manches ist offener geworden; aber es ist auch noch viel Luft nach oben.

KNA: Sehen Sie also durchaus noch die Möglichkeit etwa eines Diakonats der Frau?

Heße: Eine Kommission in Rom, die sich zuletzt mit dem Thema beschäftigt hat, hat pari pari abgestimmt. Ich habe also den Eindruck, dass noch Spielraum da ist. Den sollte man nutzen und weiter ausfalten. Mich als Diaspora-Bischof bewegt die große Not, dass wir in Zukunft viel zu wenig Priester haben werden. Deshalb erhoffe ich mir, dass Papst Leo die Impulse von Franziskus weiterführt.

KNA: Leo XIV. ist jetzt fast ein Jahr im Amt. Gelingt es ihm aus Ihrer Sicht, die unterschiedlichen Strömungen in der Kirche zusammenzubringen?

Heße: Mein Eindruck ist, dass er nach den vielen Impulsen seines Vorgängers zunächst für eine gewisse Beruhigung sorgt. Er wirkt eher als überlegter Typ, nicht als jemand für schnelle Entscheidungen.

Wichtig ist, dass er den Weg der Synodalität weiterführt, also Entscheidungen im gemeinsamen Ringen trifft. Dabei muss es aber auch zu Ergebnissen kommen. Gleichzeitig zeigt er bei Personalentscheidungen, dass er die weltweite Dimension der Kirche im Blick hat.

KNA: Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer?

Heße: Ich bin dankbar, dass er diese Aufgabe übernimmt. Er steht vor großen Herausforderungen. Ich erlebe ihn als einen Beziehungsmenschen, der eher über persönliche Verbindungen wirkt als über pointierte öffentliche Positionen. Ich glaube, er wird der Konferenz einen stärkeren geistlichen Impuls geben. Das kann helfen, das Miteinander zu stärken. Es ist immer besser, geeint aufzutreten als ungeeint.

KNA: Angesichts von Personal- und Geldmangel wollen Sie im Erzbistum Hamburg mit fünf sogenannten Basisstationen die Seelsorge neu aufstellen. Dort sollen künftig unter anderem Ehrenamtliche für den Einsatz in den Gemeinden fit gemacht werden. Bedeutet das einen schleichenden Rückzug der Kirche aus der Fläche?

Heße: Nein, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter präsent sein, aber anders organisiert. Angesichts weniger Priester und Hauptamtlicher müssen wir stärker auf die Verantwortung aller Getauften setzen. Die geplanten Basisstationen sollen Orte sein, wo man sich Hilfe holen, sich vernetzen kann, wo verlässlich Eucharistie gefeiert werden soll und die Fülle des katholischen Lebens gewährleistet ist. Die eigentliche Musik spielt weiter vor Ort in den Gemeinden. Das ist ein großer Veränderungsprozess, der auch Sorgen auslöst; aber viele sehen auch, dass es notwendig ist.

Ökonomen und Politiker diskutieren über Feiertage / © Hendrik Schmidt (dpa)
Ökonomen und Politiker diskutieren über Feiertage / © Hendrik Schmidt ( dpa )

KNA: Gibt es eine Kindheitserinnerung oder einen besonderen Brauch, den Sie mit Ostern verbinden?

Heße: Ich erinnere mich vor allem an das gemeinsame Ostereier-Suchen mit anderen Familien. Mein Vater hat die Eier im Garten versteckt, und wir Kinder haben sie gesucht – manchmal wurden sie danach einfach wieder neu versteckt. Ich komme aus einer Bäckerei; deshalb gehörten auch viele süße Dinge zu Ostern:

Osterlämmer, Marzipan oder Schokoladeneier. Und eine sehr prägende Erinnerung ist für mich, dass ich als Jugendlicher in Köln am Gründonnerstag nach etlichen Jahren wieder zur Beichte gegangen bin. Das war für mich so bewegend, dass mich das Beichtsakrament seitdem nicht mehr losgelassen hat. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum das so gewesen ist. Das ist eines der Wunder in meinem Leben.

Das Interview führte Michael Althaus .

Quelle:
KNA