Der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, hat das Vorgehen israelischer Sicherheitskräfte gegen den Lateinischen Patriarchen Kardinal Pierbattista Pizzaballa am Palmsonntag scharf kritisiert. "Was heute passiert ist, ist wirklich ein Skandal und in meinen Augen auch ein Verstoß gegen Artikel 18 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", erklärte Schnabel am Sonntagnachmittag mit Blick auf das Recht auf Religionsfreiheit.
Pizzaballa war gemeinsam mit dem Franziskanerkustos Francesco Ielpo von der israelischen Polizei am Zugang zur Grabeskirche gehindert worden, wo sie die Palmsonntagsliturgie feiern wollten. Nach Angaben des Lateinischen Patriarchats handelte es sich um eine kleine, zuvor angemeldete Gruppe ohne Prozession. Schnabel betonte, es sei lediglich um "eine Gebetsgemeinschaft, die wirklich weit unter den gesetzlichen 50 Personen ist" gegangen. Insgesamt hätten nur zwölf Geistliche teilnehmen wollen.
Seit Beginn des Krieges Ende Februar seien zentrale heilige Stätten in der Jerusalemer Altstadt weitgehend gesperrt, so der Abt. Dies betreffe die Westmauer, den Haram al-Sharif mit der Al-Aqsa-Moschee sowie die Grabeskirche und auch die Dormitio-Abtei. Zwar gebe es Ausnahmen für kleinere Versammlungen, doch werde die Grabeskirche besonders restriktiv behandelt.
Für den Benediktiner ist das Vorgehen nicht zu verstehen: "Es ist schwer nachzuvollziehen, dass fünf Personen, die zu sieben stoßen wollen, ein Sicherheitsproblem darstellen." Besonders schwer wiege, dass einem Bischof trotz vorheriger Absprachen der Zugang zu seiner Kathedrale verweigert worden sei. Die Behörden hätten damit zugesagte Vereinbarungen nicht eingehalten.
Wie sieht es mit der Religionsfreiheit aus?
Der Abt sieht darin ein alarmierendes Signal: "Das lässt nichts Gutes erahnen, was das Thema Religionsfreiheit in Israel betrifft." Zugleich verwies er auf eine wachsende Feindseligkeit gegenüber Christen. Besonders besorgniserregend sei die zunehmende Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland, die sich zuletzt verstärkt gegen das christlich geprägte Dorf Taybeh richte.
Unterstützung erhielt Schnabel indirekt auch von jüdischer Seite. Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, habe auf der Plattform X auf die politische Verantwortung für die Sicherheitslage hingewiesen.
Die israelische Polizei begründete ihr Vorgehen mit Sicherheitsbedenken angesichts des Krieges und verwies auf fehlende Schutzräume sowie erschwerte Rettungswege in der Altstadt. Die Religionsfreiheit bleibe gewahrt, allerdings unter notwendigen Einschränkungen.
Internationale Reaktionen ausgelöst
International löste der Vorfall deutliche Reaktionen aus. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete den verhinderten Zutritt als "Beleidigung nicht nur für die Gläubigen, sondern für jede Gemeinschaft, die Religionsfreiheit anerkennt". Außenminister Antonio Tajani kündigte an, den israelischen Botschafter einzubestellen, um "Klarheit über die Entscheidung zu erhalten". Damit erreichte die Kritik auch die diplomatische Ebene und unterstrich die internationale Brisanz des Vorfalls am Beginn der Karwoche.
"Ein schlimmer Verstoß" kommentierte so auch der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel (CDU), den ungewöhnlichen Vorgang in einem Post auf X.
"Wir stehen bei jeder Bedrohung seines Existenzrechts Israel bei, aber dem Kardinal den Zugang zur heiligsten Stätte der Christenheit zu verweigern, ist inakzeptabel", betonte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Armin Laschet (CDU): "Dies ist reine Schikane ohne jedes Gespür und ohne jeden Verstand."
Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf X: "Ich verurteile diese Entscheidung der israelischen Polizei, die zu der besorgniserregenden Zunahme von Verstößen gegen den Status der Heiligen Stätten in Jerusalem beiträgt. Die freie Religionsausübung in Jerusalem muss für alle Religionen gewährleistet sein."
Präsident Herzog spricht von "bedauerlichem Vorfall"
Von einem "bedauerlichen Vorfall" sprach unterdessen der israelische Präsident Isaac Herzog. Der Vorfall sei auf Sicherheitsbedenken aufgrund iranischen Raketenbeschusses zurückzuführen, erklärte er laut Mitteilung des Präsidialamtes vom Sonntagnachmittag. In einem Anruf bei dem Lateinischen Patriarchen, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, habe er sein Bedauern über den Vorfall ausgedrückt.
Präsident Herzog bekräftigte das Bekenntnis Israels zur Religionsfreiheit für alle Religionen ebenso wie zur Wahrung des überlieferten Status quo an den heiligen Stätten.
Netanjahu sichert nun Zugang zu
Nach dem Eklat an Palmsonntag erhält der Lateinische Patriarch, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, nun doch unverzüglich vollen Zugang zur Grabeskirche in Jerusalem. Das schrieb Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montagmorgen auf der Plattform X. Er habe den zuständigen Behörden eine entsprechende Anweisung erteilt.
Netanjahu rechtfertigte die Entscheidung und begründete sie mit Raketenangriffen durch den Iran. "Bei einem Angriff schlugen Raketenfragmente nur wenige Meter von der Grabeskirche entfernt ein", hieß es in der Mitteilung. Zum Schutz der Gläubigen habe Israel Angehörige aller Religionen gebeten, vorübergehend auf Gottesdienste an den christlichen, muslimischen und jüdischen heiligen Stätten in der Jerusalemer Altstadt zu verzichten.
Kardinal Pizzaballa sei aus besonderer Sorge um seine Sicherheit gebeten worden, keine Messe in der Grabeskirche zu feiern. Dennoch wolle man ihm nun die Feier eines Gottesdienstes nach seinen Wünschen ermöglichen.