Priester sollen für das Schreiben ihrer Predigten keine Künstliche Intelligenz nutzen – das hat Papst Leo XIV. vor einigen Wochen klar formuliert. Die Praxis sieht aber anders aus: Viele Priester nutzen gelegentlich oder sogar regelmäßig ChatGPT und Co. für das Erstellen ihrer wöchentlichen Predigt. Hat der Papst ihnen damit nun einen Riegel vorgeschoben?
Was Leo XIV. nun genau mit seiner Aussage gemeint hat, ist für Tanja Köglmeier klar: "Fertige Predigten aus der KI sind ein NoGo". Sie ist Leiterin der Fachstelle "Medien und Digitalpastoral" im Bistum Regensburg und Expertin für die Themen KI und Kirche. "Der Papst hat einer solchen Nutzung von KI den Riegel vorgeschoben, die das eigene Denken oder den eigenen geistigen Spürsinn an eine Maschine auslagert", so Köglmeier.
Bei der Entstehung einer Predigt müsse aber gerade der menschliche Geist zum Tragen kommen – und im besten Falle auch der Heilige Geist. Der Wert einer Predigt liegt laut der KI-Expertin darin, dass sie eigene Gottes- oder Glaubenserfahrungen und die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort einbezieht und zum Dialog darüber einlädt.
Predigt sei immer auch Beziehungsgeschehen zwischen Predigenden und Gemeinde. Künstliche Intelligenz hingegen könne keine solchen Erfahrungen machen. Köglmeier findet es deswegen gut und richtig, dass der Papst diesem Handeln ein Verbot erteilt hat, denn "wer hört schon gerne eine Predigt, die nur mit einer Maschine entstanden ist".
Generelles Verbot?
Aber dürfen Priester ab sofort gar keine KI mehr für ihre sonntäglichen Predigten nutzen? Das sieht Köglmeier anders. Sie versteht unter der Papst-Aussage ein Verbot, sich eine fertige Predigt generieren zu lassen. Es gebe aber noch weitere Anwendungsmöglichkeiten, die die Entstehung einer Predigt durchaus bereichern könnten. Denn die eigenen Erfahrungen müsse man in einer guten Predigt auch in die passenden Worte kleiden, damit sie bei der Zielgruppe ankommen.
"Man könnte also zur Vorbereitung einer Predigt nach bestimmten Beispielen suchen, die die Lebenssituation der Gottesdienstbesucher beschreiben", schlägt Köglmeier vor. Außerdem helfe die KI dabei, theologische Begriffe in eine einfachere Sprache übersetzen zu lassen. Man könne die fertige Predigt am Ende auch noch einmal "roasten", also überprüfen lassen, ob die Botschaft auch wirklich bei den Hörerinnen und Hörern ankommt.
Als Hilfsmittel zum Erstellen einer Predigt hat Tanja Köglmeier einige Prompts entwickelt, wie: "Bitte prüfe folgenden Predigt-Text kritisch auf Konsistenz, auf die Dramaturgie und auf verständliche Sprache. Die Zielgruppe ist eine katholische Gemeinde im Erzbistum Köln, die eine theologische Grundbildung hat, aber lieber mit Alltagsbegriffen als mit theologischen Fachbegriffen umgeht."
Wie sieht die Praxis aus?
Aus zahlreichen Gesprächen mit Priestern weiß Tanja Köglmeier, dass viele von ihnen bereits Künstliche Intelligenz nutzen – insbesondere als Assistenztool, um beispielsweise die Sprache zu verfeinern, die Predigt zu straffen oder manche Gedanken noch einmal auf den Punkt zu bringen. Öffentlich zugeben wollen es aber die wenigsten, aus Angst vor Kritik.
Auch auf mehrere Anfragen von DOMRADIO.DE hin wollte sich nur ein Prediger öffentlich dazu äußern. Pater Max Cappabianca steht dazu, dass er regelmäßig KI beim Erstellen seiner Predigten nutzt. "Am Anfang war ich auch dagegen, weil ich dachte: Das ist doch nicht menschlich. Aber ich muss sagen, das Ergebnis zählt." Inzwischen sieht der Dominikanerpater die KI wie einen Sparring-Partner, einen intelligenten Gesprächspartner.
Wenn Pater Max eine Predigt vorbereitet, meditiert und betet er zunächst über den Bibeltext und notiert sich erste Gedanken. Dann liefert er der KI mehrere Informationen: Was ist die Bibelstelle? Was soll seine Kernaussage sein? Welche persönlichen Erlebnisse oder Geschichten sind ihm dazu eingefallen? "Ich muss sagen, ich bin wirklich baff, was für einen konsistenten Text die KI daraus macht."
Predigt schreiben ist wie Autofahren
Für Pater Max ist wichtig, dass die Texte auch wirklich nach ihm klingen und seine Haltung vertreten. Deswegen diskutiert er immer wieder mit dem Chatbot, macht Einwände und lässt die KI am Text feilen. "Am Ende kommt etwas raus, bei dem die Leute sagen: Das ist eine tolle Predigt. Entscheidend ist, dass es persönlich und echt ist. Mit KI ist das nur möglich, wenn man sich wirklich selbst einbringt und die Maschine gut beherrscht, also weiß, wie man richtig promptet", betont der Berliner Dominikaner.
Jungen Theologen würde Pater Max aber dennoch den Tipp geben, erst einmal ohne KI zu lernen, eine Predigt zu schreiben. Das sei wie Autofahren: "Lerne erst einmal, mit der Gangschaltung umzugehen, sonst kannst du später nur mit Automatik fahren."
KI kann die Predigt besser machen
Markus Höyng, leitender Pfarrer von St. Thomas Morus in Bonn, nutzt KI bisher noch nicht für seine Predigten. Er predigt immer frei und nah am biblischen Urtext. "Die Gedanken müssen schon aus meinem eigenen Herzen kommen, und das tun sie Gott sei Dank immer noch", sagt der langjährige Priester.
Aber Höyng findet KI nicht grundsätzlich schlecht. Er hört immer wieder davon, dass manche Predigten seiner Kollegen nicht sehr beliebt seien. "Vielleicht würden sie ja durch KI besser, das weiß ich nicht", scherzt er. Insbesondere für Priester, die nicht in ihrer Muttersprache predigen, könne die KI eine Hilfe sein, ihren Text noch einmal grammatikalisch überarbeiten zu lassen.
Unterstützung in der Pastoral
Nicht nur bei der Predigt, sondern in der gesamten Pastoral könne KI eine Unterstützung sein, findet die KI-Expertin Tanja Köglmeier. Beispielsweise für Gemeinde- und Pastoralreferenten oder -referentinnen, die zum wiederholten Male einen Seniorennachmittag gestalten müssten und denen die Ideen ausgingen.
Sie könnten die KI zum Brainstormen nutzen. Oder auch dafür, ihren Text an diese bestimmte Zielgruppe anzupassen, zu der sie ja selbst noch nicht gehören. "Da kann KI als Assistenz den eigenen Horizont erweitern und andere Perspektiven mit einbringen", so die Leiterin der Fachstelle "Medien und Digitalpastoral" im Bistum Regensburg. Köglmeier hat einige Prompts zusammengestellt, die die pastorale Arbeit erleichtern können.
Wichtig ist der Expertin, dass KI in der Pastoral nicht aus Effizienzgründen genutzt wird, sondern zur Verbesserung der Qualität. Dabei müsse den Nutzenden immer bewusst sein, dass die KI zwar fließend Glaubenssprache spreche, aber "sie selbst kann sich nicht auf eine Transzendenz, nicht auf Gott beziehen. Letztendlich ist das Sprechen über Gott seitens einer KI leer", so Köglmeier. "Egal wie eloquent die KI ist, eben diese Glaubenserfahrung macht das Miteinander in der Pastoral aus."