DOMRADIO.DE: Am Freitag hat es im Vatikan eine feierliche Zeremonie gegeben. König Felipe von Spanien und seine Frau Letizia waren zu Besuch. Felipe wurde der Titel eines Protokanonikers verliehen. Herr Nersinger, was ist das für ein Titel?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Das ist eine sehr wohlklingende, aber auch etwas fremd klingende Bezeichnung. Es ist die höchste Position in einem Domkapitel und eine besondere Auszeichnung. Felipe ist der Erste des Domkapitels und hat damit eine ganz besondere Verantwortung.
DOMRADIO.DE: Welche Verpflichtungen sind damit verbunden?
Nersinger: Es ist vor allen Dingen eine besondere Ehre, in der wichtigsten Marienbasilika Roms diese Position zu erfüllen. Denn in dieser Basilika sind als Autoritäten der Kardinal-Erzpriester und das Domkapitel vertreten. Aber es ist natürlich auch eine Verpflichtung, sich um diese Basilika in besonderer Weise zu kümmern; sei es durch das Gebet, aber auch unter Umständen durch finanzielle Unterstützung oder andere Möglichkeiten.
DOMRADIO.DE: Warum hat die Zeremonie in der Papst Basilika Santa Maria Maggiore stattgefunden?
Nersinger: Weil Santa Maria Maggiore eine besondere Beziehung zum spanischen Königshaus und zu Spanien generell hat. Diese geht zurück ins späte 15. Jahrhundert. Damals war Kardinal Rodrigo Borgia, den wir als Papst Alexander VI. kennen, Erzpriester dieser Basilika und hat einiges für dieses Gotteshaus getan. Wenn wir in der Basilika sind und hochschauen, sehen wir eine prachtvolle Ausstattung der Decke. Diese ist auf Initiative von Alexanders VI. entstanden. Die Vergoldung dieser Decke hat eine besondere Bedeutung: Es ist im Grunde das erste Gold, das aus Amerika nach Rom kam und von König Ferdinand II. und Königin Isabella dem Papst geschenkt wurde.
DOMRADIO.DE: Wie ist generell das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem spanischen Königshaus?
Nersinger: Sehr gut. Wir haben ja schon gehört, dass seit dem 15. Jahrhundert eine enge Bindung besteht zwischen dem Heiligen Stuhl, der Basilika und Spanien. Das ist im Jahr 1603 auch schriftlich festgelegt worden. Da haben der Papst und das Kapitel von Santa Maria Maggiore beschlossen, dass der jeweilige König von Spanien der Protokanoniker der Kirche ist. Das hat sich über die ganzen Jahrhunderte gezogen, ist immer wieder erneuert und bestärkt worden. Es gibt aus der jüngeren Vergangenheit etwas besonderes zu berichten: 1953 hat Papst Pius XII. angeordnet, dass das Kapitel von Santa Maria Maggiore dreimal im Jahr in besonderer Weise für Spanien zu beten hat.
DOMRADIO.DE: Üblicherweise tragen weibliche Gäste bei einer Papst-Audienz schwarze Schleier. Die Mitglieder des spanischen Königshauses dürfen aber weiß tragen. Warum
Nersinger: Es gibt das besondere Privileg katholischer Fürsten- und Königshäuser, das gilt neben Spanien so beispielsweise auch für Belgien und Monaco, dass die jeweilige Gattin des Fürsten oder Königs weiß tragen darf. Das ist eine besondere Auszeichnung und soll auch die enge Bindung dieser katholischen Fürsten und Könighäuser an den Papst ausdrücken. Es ist etwas, das ins Auge fällt und immer wieder beachtet und ansprochen wird.
Das Interview führte Marcus Poschlod.