DOMRADIO.DE: Über Ihren Song "Wind of Change", der bekanntlich zur Hymne des Mauerfalls und des Endes des Kalten Krieges wurde, gibt es Tausende von Legenden. Welche stimmt?
Klaus Meine (Leadsänger der Rockband Scorpions): Wir haben in all den Jahren nur Songs geschrieben, die eigentlich immer das Leben "on the road" (unterwegs, d. Red.) widergespiegelt haben. Damals in den 80ern war es nicht anders: Alle diese Erlebnisse, die wir zwischen Leningrad 1988 und ein Jahr später in Moskau bei einem Festival hatten, wo das Gefühl entstand, dass sich die Welt gerade vor unseren Augen verändert. Es war in den Stadien und vor über 100.000 Fans, die nicht nur aus Russland, sondern auch den Ostblockstaaten und aus der damaligen DDR angereist waren, um dieses russische Woodstock mitzuerleben. Das war die Inspiration für den Song "Wind of Change".
Für uns war das als deutsche Band eine besondere Geschichte. Wir waren ein Jahr vorher in Leningrad und haben gesagt: 'Unsere Eltern sind mit Panzern gekommen, wir kommen mit Gitarren'. Und dass dieses Festival ein Jahr später in Moskau stattfinden konnte, hing natürlich mit dem Mann zusammen, der im Kreml saß, und der hieß damals Michael Gorbatschow.
Als ich zurück war im September 1989, entstand dann dieser Song wie ganz von selbst. Er reflektierte einfach nur das, was wir in Moskau und ein Jahr zuvor gerade erlebt hatten.
DOMRADIO.DE: Heute ticken die Uhren bekanntlich anders. Wir stecken in Konflikten und Kriegen. Was ist das für ein Gefühl zu wissen, dass heute die Verbindung zu Russland abgebrochen ist?
Meine: Es ist traurig zu sehen, dass in dieser Welt nach so vielen Jahren die Uhr wieder zurückgedreht wird. Dass 1989 und 1990 das Fenster ganz weit offen war für Frieden und Freiheit und für eine friedliche Zukunft miteinander: Das war so ein großartiger Moment für uns alle.
Umso trauriger ist es, zu sehen, dass nach über 35 Jahren die Zeit wieder zurückgedreht wird. Den Text von "Wind of Change" habe ich mittlerweile geändert, weil ich das Gefühl hatte, dass wir den Song nicht einfach so weiterspielen können. Daraus entstand ein Statement, das unsere Solidarität mit der Ukraine ausdrücken sollte.
DOMRADIO.DE: Müssten Musiker eine noch viel bedeutendere Rolle in der Welt spielen, wenn sie sich für Frieden und Freiheit einsetzen?
Meine: Sich für Frieden und Freiheit einzusetzen – das bringt es mit sich, wenn man eine globale Bühne bespielt. Wir haben immer versucht, mit Musik Brücken zu bauen. Umso bedrückender ist es, zu sehen, wo wir heute stehen. Es ist Zeit für einen neuen "Wind of Change", damit sich die Welt hoffentlich in eine friedliche Zukunft entwickelt.
DOMRADIO.DE: Sie haben sich rockige Titel für "Meine Playlist" ausgewählt, auch aus den 1960ern. Waren für Sie die Beatles prägend?
Meine: Ja, absolut. Ich meine, uns alle hat doch diese New Wave of British Rock Anfang der 60er inspiriert und mitgerissen. Es waren nicht nur die Beatles. Es waren die Stones, es waren The Who, die Kinks und so viele andere Bands, die uns mit ihrer Musik begeistert haben. So hat alles angefangen.
DOMRADIO.DE: Die Scorpions sind weltberühmt. Sie machen auf mich trotzdem einen sehr bodenständigen Eindruck. Trifft das zu?
Meine: Wir kommen aus Niedersachsen, da bin ich aufgewachsen. Die Niedersachsen und Hannoveraner sind sturmfest und verwachsen. Es ist immer wieder gut, nach dem alljährlichen Wahnsinn und dem Rock'n-Roll-Zirkus da draußen wieder zurückzukommen. Die familiäre Umgebung sorgt dafür, dass man mit den Füßen auf dem Boden bleibt.
DOMRADIO.DE: Sie sind seit 1977 mit Ihrer Frau Gabi verheiratet. Sagt dies etwas in Bezug auf die Erdung über Ihre christliche Grundhaltung aus?
Meine: Die christliche Grundhaltung hat viel mit Nächstenliebe zu tun. Generell geht es darum, wie man miteinander umgeht und Menschen respektvoll behandelt. Das haben wir als Band einfach immer als oberstes Gebot gesehen: nämlich das Gegenüber und die andere Kultur zu schätzen, aufeinander zuzugehen und mit Respekt miteinander umzugehen.
Und ich bin sehr dankbar, dass ich einen starken Partner in meinem Leben gefunden habe, bevor der ganze Rock'n'-Roll-Wahnsinn losging, bevor der große Erfolg da war. Meine Frau und ich haben uns gemeinsam das aufgebaut.
DOMRADIO.DE: Man sagt Ihnen nach, dass Sie sich auch sehr stark sozial engagieren?
Meine: Es gibt so viele Anfragen, ich habe mir das eine oder andere zur Unterstützung auf die Fahnen geschrieben. Wie zum Beispiel die José-Carreras-Leukämie-Stiftung oder die Niedersächsische Krebsgesellschaft, für die ich als Schirmherr seit vielen Jahren fungiere.
Es ist so leicht, Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, zu unterstützen. Dafür bekommst du auch viel Liebe zurück. Die Beatles hatten es bereits gesagt: "The love you take is equal to the love you make."
DOMRADIO.DE: Für Frieden und Liebe setzt sich auch Papst Leo XIV. ein. Im Falle des Krieges in der Ukraine hatte er sich im vergangenen Jahr als Vermittler im Vatikan angeboten. Wie realistisch ist diese Idee?
Meine: Es liegt eigentlich auf der Hand, dass alle Personen, die im Kirchenbereich tätig sind, bis oben hin zum Papst, als Friedensbringer auftreten. Ich glaube, das sollte selbstverständlich sein.
DOMRADIO.DE: Sie gehen stramm auf die 80 zu. Wie blicken Sie in Ihrem Alter auf Religion?
Meine: Ich glaube, was den Glauben betrifft: Das trägt man tief in seinem Inneren. Das ist eine Einstellung und ein Lebensgefühl, etwas, was einen durchs Leben trägt, was dich begleitet. Ich glaube an Gott und lebe mein Leben! Es kommt unendlich viel Liebe von unserem Publikum, von den Fans, zurück. Und das ist, glaube ich, der Spirit und der Kraftstoff, der uns am Leben hält.
DOMRADIO.DE: Seit Neuestem sind Sie Opa. Herzlichen Glückwunsch! Haben Sie jetzt neben den Scorpions eine neue Aufgabe?
Meine: Eine vollkommen neue Aufgabe. Meine Person in der Familie steht nicht mehr an erster Stelle, das Baby ist jetzt der Mittelpunkt. Wir sind alle sehr glücklich.
DOMRADIO.DE: Papst Franziskus, der Vorgänger von Papst Leo, hat mal gesagt, Gebete würden erhört. Stimmen Sie dem zu?
Meine: Ich habe einen Song geschrieben zusammen mit Rudolf Schenker (Anmerkung der Redaktion: Gründer und Gitarrist der Scorpions): "Send me an angel". Der bringt dieses Gefühl ganz gut auf den Punkt. Ich denke, der Song hat für viele eine sehr starke Bedeutung, weil er eben diesen spirituellen Touch hat.
DOMRADIO.DE: Sie sind Weltstars als Rockband. Wenn Sie jetzt auf Ihr Leben zurückschauen: Kommt Ihnen das manchmal surreal vor?
Meine: Ja, total. Aber es ist schön zu wissen, dass diese Geschichte, durch alle Höhen und Tiefen gegangen zu sein, und dass unsere Freundschaft in der Band, die immer eine große Rolle gespielt hat, das alles ausgehalten hat. Das gibt es nicht in so vielen Bands. Wenn der Erfolg dann kam und der große Megaerfolg, galoppierten die Egos davon. Das blieb uns Gott sei Dank erspart.
DOMRADIO.DE: Sie sind "unkaputtbar". Was machen die Scorpions in der Zukunft?
Meine: Wir lassen das Ganze auf uns zukommen.
Das Interview führte Bernd Knopp.