KNA: Eine Krebserkrankung hat Sie aus Ihrem gewohnten Alltag gerissen. Statt Terminen, Predigten und Leitungsaufgaben standen plötzlich Krankenhauszimmer und medizinische Behandlungen auf dem Plan. Was hat der Rollenwechsel mit Ihnen gemacht?
Bischof Michael Gerber (Bischof von Fulda): Ich würde gar nicht von einem Rollenwechsel sprechen. Ich habe mich auch als Patient weiterhin als Bischof erlebt. Für mich war das eine starke Erfahrung: Die eigene Berufung hängt nicht nur an den Aufgaben, die man sichtbar erfüllt. Sie kann sich auch anders ausdrücken – etwa im Gebet für die Menschen, die mir anvertraut sind, oder in Gesprächen, die ich in dieser Zeit geführt habe. Das hat viel mit meinem Verständnis von Berufung zu tun. Die Berufung ist nicht einfach die Summe dessen, was ich tue. Wenn sich die Situation verändert, kann sie sich auf andere Weise zeigen.
KNA: "Berufung" klingt sehr groß. Woran haben Sie das im Krankenhaus konkret festgemacht?
Gerber: Ich glaube, dass jeder Mensch einen persönlichen Auftrag hat. Etwas, das er in diese Welt einbringen soll. Dieser rote Faden bleibt, auch wenn sich die Aufgaben ändern. Im Krankenhaus habe ich gemerkt: Obwohl ich äußerlich von meinen bisherigen Tätigkeiten weg war, etwa keine Predigten mehr halten konnte, war ich innerlich sehr nah an meinem Auftrag, die Frohe Botschaft zu verkünden.
So gab es viele Gespräche mit Menschen, in der Klinik oder über Whatsapp-Nachrichten, in denen wir gemeinsam noch einmal neu nach Gott gefragt haben. Das hat mein Lebensgefühl in dieser Zeit stärker geprägt als die medizinische Behandlung.
KNA: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Gerber: Menschen haben sich bei mir gemeldet, die selbst in schwierigen Situationen waren. Sie hatten das Gefühl: Da ist jemand, der gerade selbst existenziell herausgefordert ist, mit dem kann ich anders sprechen. In diesen Gesprächen ist sehr viel Offenheit entstanden. Wir haben über Glauben gesprochen, über Zweifel, über Angst. Und ich habe gemerkt: Auch in dieser Situation bin ich als Seelsorger gefragt, nur eben anders als sonst.
KNA: Sie waren aber auch Patient. Für Kranke gibt es die Klinikseelsorge. Hat sich Ihr Blick auf diese Form von Seelsorge geändert?
Gerber: Ich habe noch einmal gesehen, wie wichtig sie ist. Kurz vor meiner Diagnose war ich einen Tag mit Gefängnisseelsorgern unterwegs, danach selbst im Krankenhaus. In beiden Situationen habe ich erlebt: Wenn Menschen in einer Krise begleitet werden, achtsam und ohne Druck, dann kann sich neu die Frage nach Gott stellen. Nicht immer, aber oft. Dafür braucht es Seelsorgerinnen und Seelsorger mit viel Sensibilität. Menschen, die mit Krisen umgehen können und die auch mit Menschen im Gespräch sind, die außerhalb kirchlicher Milieus leben. Das gilt auch für die Militär- oder Polizeiseelsorge.
KNA: Mitunter gilt diese Arbeit als Abstellgleis für Menschen, die andernorts nicht einsetzbar waren. Teilen Sie das?
Gerber: Überhaupt nicht. Gerade im Krankenhaus oder Gefängnis braucht es besonders geeignete Leute. Man muss mit Menschen sprechen können, die in Ausnahmesituationen sind, und zugleich mit der eigenen Verletzlichkeit umgehen können. Ich kenne eine Reihe von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die selbst Krisen erlebt haben. Wo Menschen sich intensiv mit ihrer Krise auseinandergesetzt haben, ist das für die Seelsorge ein großer Mehrwert. Menschen spüren sehr genau, ob ihr Gegenüber eigene Grenzen kennt. Gerade das macht glaubwürdig.
KNA: Die Kirche muss sparen, Gemeinden werden kleiner. Wird die Kategorialseelsorge wichtiger?
Gerber: Wir müssen vom kirchlichen Auftrag her denken. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in "Lumen gentium", die Kirche sei "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit der ganzen Menschheit". Das klingt abstrakt, heißt aber ganz praktisch: Wir sind da, um Menschen zu helfen, in Beziehung zu bleiben - zu Gott, zu sich selbst und zu anderen. Krisen gefährden diese Beziehungen. Sie können auseinanderführen, sie können aber auch zu neuer Tiefe führen. Deshalb wird die Begleitung von Menschen in Krisensituationen wichtiger werden, sowohl in der kategorialen Seelsorge als auch in den Gemeinden.
KNA: Wie kann das im Alltag aussehen?
Gerber: Oft sind es kleine Situationen. Jemand deutet an, dass er schwere Monate hinter sich hat. Dann kann ich darüber hinweggehen, weil ich eigentlich ein anderes Thema habe. Oder ich sage: Wenn Sie möchten, können wir darüber sprechen. Nicht nachbohren, sondern einen Raum öffnen. Solche Situationen gibt es ständig – in der Gemeinde, im Beruf, unter Nachbarn. Im Sinne einer "Unterscheidung der Geister" treffe ich dann die Entscheidung: "Jetzt ist das dran." Entscheidend ist dann eine Haltung der Aufmerksamkeit. Nicht aus Neugier, sondern aus echtem Interesse am anderen.
KNA: Wie lässt sich das verankern? In der Sonntagspredigt dazu aufrufen?
Gerber: Es braucht Achtsamkeit und Sensibilität. Wir arbeiten im Bistum Fulda viel mit geistlicher Prozessbegleitung. In Gremien oder Teams nehmen wir uns bewusst Zeit, um wahrzunehmen: Welche Begegnungen haben mich in letzter Zeit berührt? Wenn man darüber spricht, merkt man plötzlich, was Menschen in einem Sozialraum wirklich beschäftigt. Und daraus ergeben sich oft andere Schwerpunkte, als wenn man nur auf Strukturen schaut. Das ist eine Frage der Kultur. Und Kultur verändert sich langsam.
KNA: Heißt das auch: Die Kirche muss achtsamer und verletzlicher werden?
Gerber: Ja, in gewisser Weise schon. Wir sind nicht mehr der starke gesellschaftliche Player wie früher. Aber darin kann auch eine Chance liegen. Wenn man in die Apostelgeschichte schaut, ist die Kirche in Krisen gewachsen. Entscheidend war, dass Menschen ihre eigene Unsicherheit ernst genommen haben und trotzdem Vertrauen hatten.
KNA: Sprechen Sie mit anderen Bischöfen über solche Erfahrungen?
Gerber: Mehr als ich erwartet hätte. Viele haben mich nach meiner Krankheit angesprochen. Daraus sind oft sehr persönliche Gespräche entstanden, auch über eigene Krisen. Ich habe da viel Offenheit erlebt.
KNA: Blick nach vorn: Wie wird Kirche in zehn Jahren aussehen?
Gerber: Ich glaube, wir müssen lernen, mit Unsicherheit zu leben. Wir kommen aus einer Zeit großer Stabilität, und die gibt es so nicht mehr. Selbst wenn wir Dinge ordnen, bleibt vieles vorläufig. Darum braucht es eine andere Form von Sicherheit – nicht einfach in Strukturen. Es geht um eine andere, tiefere Form der Sicherheit. Damit meine ich verlässliche Beziehungen, die gerade auch in Krisen tragen.
So werden wir als Kirche unserem Auftrag gerecht, Sakrament Gottes zu sein, der zum Menschen steht. Wir müssen in Qualität investieren. Ich habe das selbst in der Krankheit erlebt: Vieles war unsicher, aber ich habe gespürt, dass Menschen zu mir stehen. Und ich glaube, Menschen mit so einer inneren Sicherheit brauchen wir heute dringend – in der Kirche und in der Gesellschaft.
Das Interview führte Benedikt Heider.