DOMRADIO.DE: Über 160.000 Besucher haben in den ersten beiden Wochen den Sarg des heiligen Franziskus in Assisi besucht. Doch es gibt auch Kritik: "Absurd", "Störung der Totenruhe", "Man sei wieder im Mittelalter angekommen", heißt es auf Facebook. Ein Kommentar bezeichnet das Ausstellen der Reliquien gar als ein "Sakrileg". Wie begegnen Sie dieser Kritik?
Bruder Thomas Freidel OFM Conv. (Pilgerseelsorger in Assisi): Das wäre nicht die erste Sache auf der Welt, bei der es nicht mehrere Möglichkeiten der Beurteilung gäbe. Man kann so etwas auch kritisieren, aber niemand ist gezwungen, daran Anteil zu nehmen. Das, was wir hier jetzt drei Wochen erleben, ist etwas völlig anderes als das, was diejenigen, die diese Kommentare schreiben und die vermutlich nicht hier gewesen sind, von sich geben.
Ich habe noch nie so einen Kontrast zwischen dieser Außenwahrnehmung und dem, was wir hier erleben, mitbekommen. Tausende von Menschen kommen in eine Atmosphäre des Gebetes, der Besinnung, der Sammlung, der Ergriffenheit und der Freude hierher. Es ist unglaublich.
DOMRADIO.DE: Was sehen die Menschen denn in Assisi. Was löst es bei ihnen aus?
Br. Thomas: Man kann gar nicht erklären, was der tote Franziskus bei den Menschen auslöst. Franziskus ist nicht in diesen Knochen, sodass man ihn in seiner Totenruhe stören würde. Franziskus lebt in der ewigen Vollendung bei Gott. Er ist angekommen am Ziel des Pilgerwegs, zu dem wir alle Christinnen und Christen auf dem Weg sind. Seine sterblichen Überreste ehren wir, weil wir damit Gott ehren. Die Ehre gilt Gott, der an Franziskus Großes getan hat. Und Franziskus ist für viele Menschen ein Mutmacher, ein Wegbegleiter im Glauben. Deswegen hält man eben auch diese sterblichen Überreste in Ehren.
DOMRADIO.DE: Aber es gehen schon viele Bilder von Menschen um die Welt, die sich die sterblichen Überreste anschauen. Ist da nicht Sensationslust mit dabei?
Br. Thomas: Seit 800 Jahren bewahren wir ehrfürchtig die Überreste des Franziskus auf. Zum ersten Mal gibt es die Gelegenheit, dass man das Grab öffnet und die Knochen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich macht.
Das Problem sind vielleicht die Bilder, die in den letzten Wochen durch das Internet gegangen sind. Sie zeigen immer wieder Menschen, die vor dieser Plexiglashülle stehen und auf diese Gebeine schauen. Manche denken da vielleicht, dass nur "gegafft" werde. Aber die Wirklichkeit ist ganz anders. Die Menschen erleben das in Ergriffenheit und in einer ganz besonderen Atmosphäre. Der Kontrast zwischen diesen Aussagen und der Wirklichkeit ist unglaublich.
DOMRADIO.DE: Es ist jetzt zum ersten Mal überhaupt der Fall, dass die sterblichen Überreste des heiligen Franz von Assisi der Öffentlichkeit gezeigt werden. Warum ist das denn nicht schon längst in den vergangenen 800 Jahren geschehen?
Br. Thomas: 600 Jahre lang war das Grab ganz eingemauert. Seit 200 Jahren befindet es sich in einer Krypta in einem Steinsarkophag. Im Jahr 1987 hat man zum ersten Mal eine größere Untersuchung durchgeführt. Seitdem ist es noch zweimal zu Prüfungszwecken geöffnet worden. Aber man kam irgendwie noch nie auf den Gedanken, es für die Öffentlichkeit zu öffnen. Es war unsere Idee, dies im Jubiläumsjahr des 800. Todestages von Franziskus zu tun.
DOMRADIO.DE: Was wollen Sie mit diesem Schritt erreichen?
Br. Thomas: Wichtig ist, die Botschaft festzuhalten, die wir hier verkünden. Das Grab des Franziskus ist ein Ort des Lebens und nicht des Todes. Die sterblichen Überreste dieses Menschen sind auch ein Zeugnis. Es ist der Leib oder was davon übrig ist, mit dem er hier auf der Welt geliebt, gelebt und sich für die Menschen hingegeben hat.
Wissen wir, was wir mal denken werden, wenn wir alle in der Ewigkeit bei Gott sind? Ich weiß auch nicht, ob das in meinem Sinne wäre oder ich so etwas für mich wollte. Ich bekomme manchmal richtige Zweifel, wenn ich mir zum Beispiel anschaue, wie Franziskus seinen eigenen Tod inszeniert hat: Er hat sich nackt auf den Boden legen lassen, hatte noch eine Art Abendmahl mit seinen Brüdern gefeiert und alles bewusst inszeniert, um die Begegnung mit dem Tod hier zu erleben.
Es war schon etwas sonderbar, weil das auch für damalige Zeiten nichts Gewöhnliches war. Er hatte eben dieses besondere Verhältnis zu Gott, zur Schöpfung und zum Tod.
Deswegen muss man auch die kulturellen Unterschiede bedenken. In Süditalien ist man es gewohnt, dass man die Leiber der Heiligen sehen kann. Ich könnte Ihnen aus dem Stand fünf Wallfahrtsorte in der Umgebung nennen, wo man Heilige dauerhaft sehen kann. Franziskus spielt für die Mentalität hier vielleicht eine größere Rolle als in der nüchternen Welt nördlich der Alpen.
DOMRADIO.DE: Wie man Reliquien zeigt, ist häufig eine Geschmacksfrage. Ihre Entscheidung ist auf den Plexiglassarg gefallen. Warum genau?
Br. Thomas: Im Jahr 1987, als man die Reliquien noch einmal gesichtet hat, ging es um die gesicherte Aufbewahrung. Die Knochen lagen 600 Jahre lang ungeschützt im Steinsarkophag, 200 Jahre in einem Bronzesarg und jetzt noch einmal zum Schutz in Plexiglas. Dazu dient dieser Sarg aus Glas.
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.