Ein Blick hinter die Statistiken der beiden großen Kirchen

Zwischen Hoffen und Bangen

Die beiden großen Kirchen haben ihre Statistiken veröffentlicht. Zahlen und Daten sind das eine. Wie aber sieht es vor Ort aus in den Kirchengemeinden? Begegnungen mit Experten, Seelsorgern und Gottesdienstbesuchern.

Autor/in:
Joachim Heinz, Karin Wollschläger und Rainer Nolte
Gottesdienstbesucher im Essener Dom / © Rudolf Wichert (KNA)
Gottesdienstbesucher im Essener Dom / © Rudolf Wichert ( KNA )

Wenn die beiden großen Kirchen in Deutschland ihre jährlichen Statistiken veröffentlichen, dann richten sich die Blicke vor allem auf eine Zahl: die der Kirchenaustritte. 

Für das vergangene Jahr sieht die Lage laut den am Montag bekanntgegebenen Daten wie folgt aus: Rund 307.000 Menschen kehrten der katholischen Kirche den Rücken, 350.000 der evangelischen. Inzwischen gehören noch gut 36,6 Millionen Menschen einer der beiden Kirchen an – 19,2 Millionen der katholischen, 17,4 Millionen der evangelischen. Das entspricht einem Anteil von 23,0 und 20,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

"Wenn nicht mehr die große Mehrheit in der Kirche ist, dann wird der Kirchenaustritt enttabuisiert", stellte der Religionssoziologe Detlef Pollack unlängst in einem Interview der "Zeit" fest: "Früher war es so, dass man begründen musste, warum man austritt. Mittlerweile muss man begründen, warum man noch in der Kirche ist."

In Leipzig ist die Kirche voll

Was also hält Menschen in der Kirche? Wer kommt da an einem ganz gewöhnlichen Wochenende in den Gottesdienst? In die katholische Leipziger Propsteikirche, einen modernen Kirchbau von 2015 mitten im Stadtzentrum, zieht es jedes Wochenende mehrere hundert Menschen. Die Gottesdienste sind voll. Dabei sind Katholiken hier eine Minderheit von gerade mal vier Prozent. In den Kirchenbänken sitzt eine bunte Mischung von Alteingesessenen und Zugezogenen, viele Jüngere und Familien. Mit einem Altersdurchschnitt von 38 Jahren liegt die Pfarrei deutlich unter dem deutschen Durchschnitt.

Leipziger Propsteikirche (dpa)
Leipziger Propsteikirche / ( dpa )

Während der Messe lässt sich beobachten, dass eine Reihe jüngerer Gottesdienstbesucher die traditionelle Mundkommunion bevorzugt. Ein gleichgeschlechtliches Pärchen küsst sich zum Friedensgruß. Nach der Messe nutzen viele die Gelegenheit, noch zum Plaudern ins Kirchencafé zu gehen.

"Die Gemeinde ist sehr weltoffen und bietet Menschen mit unterschiedlichsten Lebensweisen ein Zuhause", sagt Kaplan Simon Hacker: "Ich glaube, wir geben den Menschen das Gefühl, dass es um ihr Menschsein geht und ihre Suche nach Gott - nicht um einen Teilaspekt ihrer Identität oder Lebensführung." Auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, ließen sich in der Propsteikirche blicken.

Taufen gegen den Trend

Und dann ist da noch etwas: Rund um Ostern gibt es Hacker zufolge allein in der Propstei 11 Erwachsenentaufen und 3 Konversionen. Und das, obwohl in der katholischen Kirche bundesweit die Zahl der Taufen 2025 im Vergleich zum Vorjahr zurückging – anders als es in jüngster Zeit etwa steigende Taufzahlen aus Frankreich oder Belgien zeigten. 

 Erwachsenentaufe
 / © Corinne Simon (KNA)
Erwachsenentaufe / © Corinne Simon ( KNA )

In Leipzig begleitet der 36-Jährige Hacker die Anwärter durch die mehrmonatige Vorbereitungszeit: "Die Menschen kommen mit unterschiedlichsten Hintergründen, aber bei allen ist eine starke Sehnsucht zu spüren und der Wunsch, den Glauben im Alltag zu leben und Lebensfragen und auch Lebenskrisen in und mit diesem Glauben zu meistern."

Den regen Gottesdienstbesuch führt der Dominikaner auch auf gute Vorbereitung zurück. Man lege viel Wert auf die musikalische Gestaltung und die Predigten: "Beides trägt dazu bei, dass unsere Gottesdienste von vielen als schön und bereichernd erlebt werden – und nicht nur als Erfüllung einer Sonntagspflicht", bilanziert der Ordensmann.

Sehnsucht nach Werten

Das scheint auch andernorts ein Kriterium für den Gang in die Kirche zu sein. "Ich freue mich, wenn es tiefgründig ist, auf Wortwahl geachtet und auch mal mit Worten gespielt wird", sagt beispielsweise Anja Ticheloven. Gemeinsam mit ihrer 10-jährigen Tochter ist sie an diesem Sonntag in die evangelische Jesus-Christus-Kirche in Alfter bei Bonn gekommen.

"Bei aller Kritik an den Kirchen – wichtig sind für mich die christlichen Werte, die dort vermittelt werden", sagt die 48-Jährige. Im Alltag fehle ihr im Zwischenmenschlichen oft ein respektvoller Umgang: "Es ist schön, dass in unserer Gemeinde christliche Werte gelebt werden und meine Tochter damit aufwächst."

Verlust macht sich bemerkbar

Religionssoziologe Pollack hielt im "Zeit"-Interview fest: "Wenn christliche Werte wie zum Beispiel der Gedanke der Nächstenliebe verloren gehen, glaube ich, ändern sich allmählich die gesellschaftlichen Umgangsformen." Das habe ganz konkrete Folgen: "Nehmen Sie den Ton aktueller Debatten, insbesondere in der AfD – da ist von Respekt oft nur wenig zu spüren."

Trotzdem: Hoffnung auf eine Trendwende bei den Mitgliederzahlen macht Pollack nicht. "Es gibt Prognosen, denen zufolge sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 noch einmal halbieren wird, aber ich kann mir vorstellen, dass das sogar noch schneller geht." Auch die neuesten Zahlen weisen genau in diese Richtung.

Kirchenstatistik 2025

Die Kirchenstatistik für das Jahr 2025 ist am 16. März 2026 von der Deutschen Bischofskonferenz und den 27 (Erz-)Diözesen der katholischen Kirche veröffentlicht worden. Wie vor einem Jahr handelt es sich zunächst um vorläufige Zahlen, die noch geringe Abweichungen erfahren können. In Deutschland machen die Katholiken 23 Prozent der Gesamtbevölkerung aus (19.219.601 Kirchenmitglieder).

Gottesdienstbesucher / © Felix Kästle (dpa)
Gottesdienstbesucher / © Felix Kästle ( dpa )
Quelle:
KNA