Wer früher abends über den Petersplatz schlenderte, konnte immer wissen, ob der Papst noch arbeitet. Waren die drei rechten Fenster auf der dritten Etage des Apostolischen Palastes beleuchtet, saß der Papst noch am Schreibtisch oder war anderweitig in seiner Wohnung beschäftigt. Über Jahrzehnte war das eine Binsenweisheit unter Pilgern und Touristenführern in der Ewigen Stadt.
Als Papst Franziskus nach seiner Wahl 2013 entschied, nicht in den Papstpalast zu ziehen, sondern im Gästehaus Santa Marta wohnen zu bleiben, zollten ihm Stimmen aus der ganzen Welt Respekt für diesen Schritt der Demut und Zurückhaltung. Hinter vorgehaltener Hand hörte man vom ein oder anderen Römer doch ein wenig Wehmut, dass die drei Fenster oben rechts am Petersplatz ab jetzt dunkel bleiben würden.
Auch wenn es der Name suggeriert, der Apostolische Palast ist keine Herrschaftsresidenz eines Kirchenfürsten. Der Gebäudekomplex mit über 1.000 Räumen und 55.000 Quadratmetern ist seit Jahrhunderten der Verwaltungssitz der katholischen Weltkirche. Hier residiert unter anderem das Staatssekretariat, in dem die Beziehungen zu den Staaten verwaltet werden, Korrespondenz aus der ganzen Welt gesichtet wird oder Staatsgäste empfangen werden. Die päpstliche Wohnung im rechten Flügel des Gebäudes nimmt nur einen Bruchteil der Fläche ein.
Franziskus' sonntägliche Stippvisite
Franziskus wohnte hier zwar nicht, trotzdem wurden die Räumlichkeiten von ihm genutzt. Gäste empfing er gern in der päpstlichen Bibliothek. Und jeden Sonntag um 12 Uhr sprach er wie gewohnt das Angelusgebet vom (sonst ungenutzten) Arbeitszimmer der Päpste. Spitze Zungen behaupteten in dieser Zeit, dass sich nur eine schmale, staubfreie Spur von Fußabdrücken durch das über zehn Jahre lang ungenutzte Zimmer zog – wenn Franziskus jeden Sonntag einmal von der Tür zum Fenster schritt, um das Gebet zu sprechen.
Das Arbeitszimmer werde von Leo bereits seit einigen Monaten genutzt, berichtete die italienische Zeitung "La Repubblica" bereits im Januar. Das heißt, entstaubt wurde wohl anscheinend schon vorher. Die Zeitung weiß allerdings ebenso von erheblichen Wasserschäden zu berichten, die in den ungenutzten Räumen seit 2013 entstanden seien. Zehn Monate lebte Papst Leo deshalb weiterhin in seiner Kardinalswohnung im Gebäude der Glaubenskongregation, auf der gegenüberliegenden Seite des Petersplatzes.
WG oder keine WG?
Das zwischenzeitlich entstandene Gerücht, der Papst wolle eine Art WG im Apostolischen Palast einrichten, wurde in der Zwischenzeit auch wieder entkräftet – zum Teil zumindest. Leo wolle mit wenigen engen Mitarbeitern, unter anderem seinen zwei Privatsekretären, in die Wohnung einziehen und plane, in absehbarer Zeit noch ein paar peruanische Ordensschwestern ins Haus zu holen, die er bereits aus seiner Zeit als Bischof in dem südamerikanischen Land kannte. Die sollen in Zukunft für die Führung des Haushalts verantwortlich sein.
Die Privatgemächer des Papstes, die Leo nach Angaben des Vatikans am vergangenen Samstag bezogen habe, befinden sich noch eine Etage über dem Arbeitszimmer. Wirklich einzusehen sind die von außen nicht. Es bleibt also abzuwarten, ob die Römer in Zukunft wieder anhand der drei erleuchteten Fenster im dritten Stock sehen können, ob der Papst spätabends noch wach ist, um die Geschicke der Kirche zu lenken.