Schavan sieht in Europa eine große spirituelle Kraft

"Drei Religionen machen Europas Identität aus"

Annette Schavan ist Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung, früher war sie Deutschlands Vatikan-Botschafterin und Bundesbildungsministerin. Entsprechend hat sie eine hohe Meinung von der Rolle und der Kraft der Religion in Europa.

Eine Frau mit einer Europa-Fahne / © encierro (shutterstock)
Eine Frau mit einer Europa-Fahne / © encierro ( shutterstock )

Die frühere CDU-Spitzenpolitikerin Annette Schavan (70) sieht in Europa eine große spirituelle Kraft. Für sie machen die abrahamitischen Religionen die europäische Identität aus, also Judentum, Christentum und Islam, wie die Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung der "Augsburger Allgemeinen" sagte.

Die frühere deutsche Vatikan-Botschafterin und Bundesbildungsministerin ergänzte: "Ich bin zum Beispiel gerade erst in Pompeji gewesen. Da ist mir erst richtig klar geworden, wie sehr das Christentum in der Antike eine Irritation war. Etwas komplett Neues. Anfangs fanden manche: Das ist eine große Spinnerei. Die sagen tatsächlich: Jeder Mensch hat die gleiche Würde – etwas bis dahin Unvorstellbares." Danach habe es etwa jene Zeiten gegeben, als die Benediktiner-Klöster Europa mit kultiviert hätten.

(ARCHIV) Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und die frühere Vatikan-Botschafterin Deutschlands Annette Schavan bei Leos Vorgänger Papst Franziskus. / © Cristian Gennari (KNA)
(ARCHIV) Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und die frühere Vatikan-Botschafterin Deutschlands Annette Schavan bei Leos Vorgänger Papst Franziskus. / © Cristian Gennari ( KNA )

"Wenn ich heute lese, dass in den allerersten Tagen, in denen die Reliquien von Franz von Assisi besucht werden können, 160.000 Menschen kamen, merkt man wieder, dass dieser Kontinent bei allen säkularen Entwicklungen eine große spirituelle Kraft hat", so Schavan. "Das weist weit über Institutionelles hinaus, ist eine große geistige und geistliche Tradition." Gleichwohl stecke in der Religion auch die Kraft der Zerstörung, die Kraft, es nicht miteinander auszuhalten, fügte Schavan hinzu. Sie verwies als Beispiel auf die Konfessionskriege zwischen Katholiken und Protestanten.

Kritik an Asylpolitik

Weiter sagte Schavan, sie kenne keinen zweiten Kontinent, auf dem die Vielfältigkeit von Sprachen, Kulturen, Landschaften so positiv gesehen werde. "Eben als Quelle, als Potenzial. Und spätestens seit es diesen Unionsgedanken gibt, die EU, kann man auch sagen, gibt es ein Bewusstsein dafür, dass es ohne die anderen nicht geht. Das ist die Grundidee der EU-Gründerväter – alle Katholiken übrigens – nach den zwei Weltkriegen gewesen."

Um die EU zu erhalten, müssten die Europäer über die gemeinsame Identität reflektieren. Schavan erklärte: "Was bedeutet 'Nicht ohne den anderen' in den nächsten zehn Jahren? Denn klar ist doch: Nichts hält ewig, ohne dass daran gearbeitet wird." In diesem Zusammenhang kritisierte Schavan die EU-Asylpolitik. Auf die Frage, ob sich Abschottung mit den religiösen Wurzeln des Kontinents vertrage, sagte sie: "Schwerlich. Sie schwächt uns."

Annette Schavan

Die in Jüchen bei Grevenbroich geborene und in Neuss aufgewachsene CDU-Politikerin war von 1995 bis 2005 Kultusministerin in Baden-Württemberg. Von 2005 bis 2013 war als enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundesministerin für Bildung und Forschung. In ihre Amtszeit fallen zahlreiche Reformen wie die Hightech-Strategie und die Exzellenzinitiative. Der Hochschulpakt und der Pakt für Forschung und Innovation wurden geschlossen.

Annette Schavan / © Laurence Chaperon (lc)
Annette Schavan / © Laurence Chaperon ( lc )
Quelle:
KNA