Der Stuttgarter Stadtdekan hat sich für eine Aufhebung der verpflichtenden Ehelosigkeit (Zölibat) für katholische Priester ausgesprochen. "Der Zölibat ist kein göttliches Gesetz, kein Dogma, sondern ein einfaches Kirchengesetz, das wir leicht ändern können", sagte der leitende katholische Pfarrer der baden-württembergischen Landeshauptstadt am Donnerstag im SWR-Videopodcast "Zur Sache intensiv".
Hermes sprach von einer "ungesunden, langen religiösen Tradition, Sexualität als etwas Böses" zu begreifen. Kontrolle über Sexualität sei dabei immer als ein Mittel genutzt worden, um Macht über Menschen auszuüben. Kirche habe sich zu lange als Herrscherin über die Gewissen aufgespielt, kritisierte er. Der Beichtvater, bei dem die Katholiken ihre Sünden bekennen sollen, sei somit zum Richter geworden.
"Wir sind keine Schnüffeltruppe"
Hermes betonte, er engagiere sich in der katholischen Kirche für ein anderes, positiveres Bild von Sexualität. "Wir haben nichts verloren in den Schlafzimmern der Leute, wir sind eine Religionsgemeinschaft und keine voyeuristische Schnüffeltruppe." Vertuschung und mangelnde Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch in der Kirche bezeichnete Hermes als grundlegende Gefahr für die Kirche.
"Wenn einer Glaubensgemeinschaft nicht mehr geglaubt wird, dann ist sie in ihrer Existenz bedroht." Vertrauen könne nur durch Offenheit und Ehrlichkeit neu wachsen, sagte Hermes.
Er sehe die katholische Kirche in Deutschland – im Unterschied zu anderen europäischen Ländern – dabei inzwischen auf einem guten Weg.
"Radikaler Veränderungsprozess"
Sorgen, dass es in wenigen Jahrzehnten keine Kirche und keine Katholiken in Deutschland mehr geben könnte, macht sich der Stadtdekan nicht.
"Aber wir sind mitten in einem radikalen Veränderungsprozess." Es sei absehbar, dass Mitgliederzahlen und Finanzmittel weiter zurückgehen. "Wir werden sehr viel kleinere Brötchen backen in Zukunft, aber wichtig ist, dass wir Brötchen backen, und dass sie gut sind", sagte Hermes. Er hatte zum Gespräch mit SWR-Moderatorin Alexandra Gondorf selbstgebackene Seelen mitgebracht.