Leitender Pfarrer in Stuttgart spricht sich gegen Zölibat aus

"Pflicht-Zölibat beenden"

Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes fordert eine Abkehr vom Pflichtzölibat und mehr Freiheit für Gläubige. Die Kirche habe in den Schlafzimmern nichts zu suchen. Nur durch radikale Offenheit könne mehr Vertrauen entstehen.

Viele junge Priester in Alben / © Guillaume Poli (KNA)
Viele junge Priester in Alben / © Guillaume Poli ( KNA )

Der Stuttgarter Stadtdekan hat sich für eine Aufhebung der verpflichtenden Ehelosigkeit (Zölibat) für katholische Priester ausgesprochen. "Der Zölibat ist kein göttliches Gesetz, kein Dogma, sondern ein einfaches Kirchengesetz, das wir leicht ändern können", sagte der leitende katholische Pfarrer der baden-württembergischen Landeshauptstadt am Donnerstag im SWR-Videopodcast "Zur Sache intensiv". 

Christian Hermes / © Harald Oppitz (KNA)
Christian Hermes / © Harald Oppitz ( KNA )

Hermes sprach von einer "ungesunden, langen religiösen Tradition, Sexualität als etwas Böses" zu begreifen. Kontrolle über Sexualität sei dabei immer als ein Mittel genutzt worden, um Macht über Menschen auszuüben. Kirche habe sich zu lange als Herrscherin über die Gewissen aufgespielt, kritisierte er. Der Beichtvater, bei dem die Katholiken ihre Sünden bekennen sollen, sei somit zum Richter geworden. 

"Wir sind keine Schnüffeltruppe" 

Hermes betonte, er engagiere sich in der katholischen Kirche für ein anderes, positiveres Bild von Sexualität.   "Wir haben nichts verloren in den Schlafzimmern der Leute, wir sind eine Religionsgemeinschaft und keine voyeuristische Schnüffeltruppe." Vertuschung und mangelnde Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch in der Kirche bezeichnete Hermes als grundlegende Gefahr für die Kirche. 

Sexualität: Darf die Kirche heutzutage noch unter die Decke gucken? / © Gengwit Wattakawigran (shutterstock)
Sexualität: Darf die Kirche heutzutage noch unter die Decke gucken? / © Gengwit Wattakawigran ( shutterstock )

"Wenn einer Glaubensgemeinschaft nicht mehr geglaubt wird, dann ist sie in ihrer Existenz bedroht." Vertrauen könne nur durch Offenheit und Ehrlichkeit neu wachsen, sagte Hermes. 

Er sehe die katholische Kirche in Deutschland – im Unterschied zu anderen europäischen Ländern – dabei inzwischen auf einem guten Weg. 

"Radikaler Veränderungsprozess" 

Sorgen, dass es in wenigen Jahrzehnten keine Kirche und keine Katholiken in Deutschland mehr geben könnte, macht sich der Stadtdekan nicht. 

"Aber wir sind mitten in einem radikalen Veränderungsprozess." Es sei absehbar, dass Mitgliederzahlen und Finanzmittel weiter zurückgehen. "Wir werden sehr viel kleinere Brötchen backen in Zukunft, aber wichtig ist, dass wir Brötchen backen, und dass sie gut sind", sagte Hermes. Er hatte zum Gespräch mit SWR-Moderatorin Alexandra Gondorf selbstgebackene Seelen mitgebracht.

Zölibat

Das Wort "Zölibat" kommt von dem lateinischen Ausdruck caelebs, was so viel bedeutet wie ehelos. Der Begriff "Zölibat" bezeichnet die von Priestern und Mönchen zahlreicher Religionen geforderte Ehelosigkeit und den Verzicht auf jede Form der sexuellen Betätigung. Begründet wird der Zölibat in erster Linie mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus selbst ehelos war und die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" für diejenigen empfahl "die es erfassen können" (Mt 19,12).

Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel (KNA)
Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel ( KNA )
Quelle:
KNA