Kirchenhistoriker hält das Zölibat historisch für wenig tragfähig

Ein Konstrukt des Hochmittelalters?

Der Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch sieht den Vatikan im Wandel. Er kritisiert veraltete Ansichten zu Ehe sowie Sexualität und hält den Zölibat für unhaltbar. Die Kirche habe ihre Positionen in der Geschichte oft rasch geändert.

Ein Priester in der Sakristei / © Julia Steinbrecht (KNA)
Ein Priester in der Sakristei / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Der britische Historiker Diarmaid MacCulloch (74) hält die kirchlichen Begründungen für Zölibat und das katholische Geschlechterbild für historisch wenig tragfähig. Der Vatikan wisse genau, wie schwach diese Argumente seien, sagte MacCulloch der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt". Die Priesterehe sei in der katholischen Kirche bis weit ins Mittelalter hinein die Norm gewesen.

Dem Vatikan würde er sagen, dessen Ansichten über Ehe und Sexualität seien ein Konstrukt des Hochmittelalters und nicht der Ewigkeit. Rom könne seine Ansichten rasch ändern, sagte MacCulloch. Das habe der Vatikan in der Geschichte mehrfach getan. "Vor dem Zweiten Vatikanum hieß es: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil – hinterher war das anders." 

Die Forderung zur Aufhebung des Pflichtzölibats flammt immer wieder auf / © Harald Oppitz (KNA)
Die Forderung zur Aufhebung des Pflichtzölibats flammt immer wieder auf / © Harald Oppitz ( KNA )

MacCulloch ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford. Sein neuestes Buch "Niedriger als die Engel" erschien im Februar. Der Historiker hoffe, dass auch konservative Leserinnen und Leser darin eine "subversive Botschaft" entdecken. 

Zölibat nicht haltbar 

Mit Blick auf verheiratete Geistliche anderer Konfessionen verwies MacCulloch darauf, dass diese zum Katholizismus übertreten und katholische Priester werden können. 

Er schätzt, dass rund ein Drittel der in England tätigen katholischen Geistlichen aus konvertierten, verheirateten anglikanischen Priestern besteht. "Das ist doch nicht haltbar gegenüber denjenigen, die man in den Zölibat zwingt", sagte er. Auch das Argument von Papst Johannes Paul II., die Kirche habe keine Autorität, Frauen zu Priestern zu weihen, überzeugt den Historiker nicht. 

Man wisse, dass es in der frühen Kirche Diakoninnen gegeben habe, mancherorts noch bis ins frühe Mittelalter hinein. "Ich bin von diesen scheinbaren Weihehindernissen – sei es Ehe, sei es Geschlecht – nicht beeindruckt. Martin Luther war es auch nicht." Der zentrale Gedanke der Reformation sei die Abschaffung des Zölibats gewesen, so MacCulloch. 

Luther habe betont, dass zwischen Klerikern und Laien kein grundsätzlicher Unterschied bestehen dürfe. "Er hielt das für einen großen Betrug und wollte selbst so auch nicht leben."

Zölibat

Das Wort "Zölibat" kommt von dem lateinischen Ausdruck caelebs, was so viel bedeutet wie ehelos. Der Begriff "Zölibat" bezeichnet die von Priestern und Mönchen zahlreicher Religionen geforderte Ehelosigkeit und den Verzicht auf jede Form der sexuellen Betätigung. Begründet wird der Zölibat in erster Linie mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus selbst ehelos war und die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" für diejenigen empfahl "die es erfassen können" (Mt 19,12).

Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel (KNA)
Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel ( KNA )
Quelle:
KNA