Wachsender Antisemitismus an Schulen seit Hamas-Überfall auf Israel

"Längst kein Randphänomen mehr"

Seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf israelische Zivilisten im Jahr 2023 spüren Juden in NRW eine Zunahme von Antisemitismus. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf wollte wissen, was dies für den Schulunterricht bedeutet.

Jüdischer Junge mit Kippa im Klassenzimmer / © Ilgov (shutterstock)
Jüdischer Junge mit Kippa im Klassenzimmer / © Ilgov ( shutterstock )

Antisemitismus an Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen in NRW hat seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nach Worten von Oded Horowitz "dramatisch zugenommen". Der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf blickte am Mittwochabend bei der Präsentation einer Untersuchung, die vom Demokratieforum NRW zusammen mit der Servicestelle Sabra der Jüdischen Gemeinde zwischen Herbst 2024 und Frühjahr 2025 durchgeführt worden war, vor allem alarmiert auf die Situation in Klassenzimmern.

Antisemitische Schmiererei (dpa)
Antisemitische Schmiererei / ( dpa )

Für die Untersuchung wurden den Angaben nach gut 800 Lehrkräfte an NRW-Schulen danach befragt, ob antisemitische Vorfälle an ihren Schulen seit dem 7. Oktober 2023 zugenommen hätten. Etwa 40 Prozent der Lehrkräfte erklärten, solche Vorfälle hätten etwas oder deutlich zugenommen. Auch Sachbeschädigungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen seien um rund 25 Prozent angestiegen. 

Drei bis vier Prozent der Lehrkräfte gaben zudem an, es habe seit dem Hamas-Überfall auch mehr Gewaltandrohung oder tätliche Gewalt gegenüber Mitschülerinnen und -schülern und Lehrkräften gegeben. Insgesamt wünschten sich viele Lehrkräfte mehr externe Unterstützung bei der schulischen Thematisierung von Antisemitismus und es fehle an Material, etwa zum Thema Nahost-Konflikt.

Schulunterricht zu Antisemitismus verläuft kaum noch ungestört

Befragte Lehrkräfte erklärten der Erhebung zufolge, dass das Thema Antisemitismus und dessen Bekämpfung "kaum noch ungestört im Unterricht durchgeführt werden" könnte, erläuterte Horowitz.

Sylvia Löhrmann

"Gar nicht auf antisemitische Vorfälle zu reagieren, ist das Schlimmste für die Schülerinnen und Schüler."

Antisemitismus sei auch in NRW an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen "längst kein Randphänomen mehr". Sorgen mache ihm besonders, dass "Antisemitismus auch dort ist, wo er eigentlich bekämpft werden sollte".

Sylvia Löhrmann / © Marius Becker (dpa)
Sylvia Löhrmann / © Marius Becker ( dpa )

Die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, sagte, seit dem Hamas-Überfall habe Antisemitismus auch in der Breite deutlich zugenommen. Dies zeige sich an höheren Zahlen bei Beschimpfungen von jüdischen Personen, bei Schmierereien an Schulen oder jüdischen Friedhöfen sowie bei tätlichen Übergriffen auf jüdische Personen.

Schulen und Bildungseinrichtungen seien besonders gefordert. Lehrkräfte dürften nicht neutral sein, sondern müssten "Haltung ausstrahlen", sagte Löhrmann. "Gar nicht auf antisemitische Vorfälle zu reagieren, ist das Schlimmste für die Schülerinnen und Schüler." Antisemitische Hetze dürfe in der Schule nicht unwidersprochen bleiben.

Die Untersuchung von Sabra baut auf einer vor fünf Jahren durchgeführten Untersuchung zu Antisemitismus in NRW auf, wonach bereits vor dem Hamas-Überfall eine Zunahme antisemitischer Vorfälle an Bildungseinrichtungen zu verzeichnen war. 

Die Lehrkräfte-Befragung zu der Situation seit dem 7. Oktober 2023 beschränke sich nicht auf Lehrkräfte einzelner Fächer, die eine größere inhaltliche Nähe zum Themenfeld Antisemitismus aufweisen, wie etwa Politik, Gesellschaftslehre oder Geschichte, hieß es. So sei es möglich gewesen, das allgemeine Klima an Schulen sowie im Unterricht besser abzubilden.

Meldestelle für antisemitische Vorfälle

Ein Jahr nach Beginn der Bundesförderung einer neuen deutschlandweiten Meldestelle für antisemitische Vorfälle haben die Verantwortlichen eine erste Bilanz gezogen. Zwischen Februar 2019 und Jahresende registrierte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Bundesverband RIAS) mit Sitz in Berlin 316 Meldungen, wie Projektmitarbeiter Alexander Rasumny sagte.

Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung / © Arne Dedert (dpa)
Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung / © Arne Dedert ( dpa )
Quelle:
epd