Renas Sido hat definitiv viel geschafft. Er spricht sehr gut Deutsch, arbeitet Vollzeit bei einem gemeinnützigen Verein und fühlt sich längst in der Bundesrepublik zu Hause. "Ich bin als syrischer Kurde hergekommen, jetzt bin ich fast mehr ein deutscher Kurde", sagt der 32-Jährige.
Seit über zehn Jahren wohnt er mit Eltern und Geschwistern am Niederrhein. Nach seiner syrischen Heimatstadt Afrin ist ihm Neuss zur zweiten Heimatstadt geworden. Zusätzlich zu seiner kurdischen Mutter hat er hier auch eine "deutsche Mutter", Ines Kolender von der "Aktion Neue Nachbarn" nämlich, der Flüchtlingshilfe im Erzbistum Köln.
Sie hat ihm am Anfang sehr geholfen und Deutsch mit ihm gebüffelt, als er mit seiner Familie noch im Flüchtlingsheim war. Als er später während der Ausbildung in eine tiefe Krise stürzte, stand sie ihm ebenfalls zur Seite und vermittelte ihm einen Psychologen.
Später schrieb sie gemeinsam mit ihm die Geschichte seiner Flucht aus Syrien und seines Ankommens in Deutschland auf. Aus diesem therapeutischen Schreiben wurde mehr: Ein Verlag druckte Renas Sidos Erfahrungsbericht unter dem Titel "Wo sind meine Olivenbäume. Auf Umwegen von Syrien ins Rheinland".
In der Folge wurde der junge Mann immer wieder zu Lesungen eingeladen und erzählte vor Publikum, wie das damals war im so genannten Flüchtlingssommer 2015 und danach, als er sich in der neuen Kultur zurechtfinden und integrieren musste. Er sei aber, das betont Renas Sido immer wieder, auf keinen Fall so etwas wie ein Vorzeigeflüchtling.
So viele andere Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan, aus Eritrea, der Ukraine oder sonst woher arbeiteten doch auch in Deutschland und fühlten sich hier zu Hause. "Wer soll denn eure Pakete ausliefern, eure Kranken pflegen und eure Taxis fahren? Und wer soll euch Schawarma zubereiten, wenn die Geflüchteten und Migranten nicht mehr da sind?"
Dass sich die Willkommenskultur von 2015 über die Jahre immer mehr in Richtung einer Abwehrkultur entwickelt hat, schmerzt ihn sehr. "Wir haben das damals doch zusammen geschafft", sagt Renas Sido, "wir Geflüchtete und wir Deutsche!" Dass heute einzelne von Geflüchteten begangene schwere Straftaten herangezogen würden, um eine ganze Gruppe zu diskreditieren, findet er unredlich.
Als er damals mit anderen Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof mit Applaus und so viel Freundlichkeit empfangen wurde, sei er tief bewegt gewesen, erzählt Renas Sido. "Da habe ich sofort gedacht, dass ich hierbleiben möchte. Und dass ich diesem Land etwas zurückgeben will."
Seit neun Jahren zahle er nun Steuern wie jeder normale Bürger auch, erst als Auszubildender in der Logistikbranche, mittlerweile als Referent beim Düsseldorfer Verein Akzeptanz Vertrauen Perspektive. Dort macht er Familienberatung in mehreren Sprachen, arbeitet im Programm XChange für eine inklusive Gesellschaft und geht im Rahmen der "Jugenddialoge zum Nahostkonflikt" als Moslem gemeinsam mit einem jüdischen Kollegen in Schulklassen und Jugendgruppen.
So wie ihm in seiner ersten Zeit als Geflüchteter in Deutschland geholfen wurde, so hilft Renas Sido heute anderen Geflüchteten und vielen mehr. Es sei doch eigentlich ganz einfach. "Du bekommst etwas Gutes und gibst es zurück. Wenn alle das tun, bleibt kein Platz mehr für das Böse."