DOMRADIO.DE: Vom 16. Jahrhundert an haben die Päpste eine Tiara bei ihrem Amtsantritt getragen, entweder geschenkt oder selbst angefertigt, bis Papst Paul VI. seine Krone im Jahr 1964 symbolisch "den Armen dieser Welt" geschenkt hat. Danach hat kein Papst mehr eine solche Krone aufgesetzt. Wofür steht so eine Tiara?
Ulrich Nersinger (Journalist und Vatikan-Experte): Vielleicht kann man das am einfachsten mit den Krönungsworten erklären, mit denen die Päpste diese Tiara aufgesetzt bekamen. Da heißt es nämlich: "Empfange die mit drei Kronen geschmückte Tiara und wisse, dass du der Vater der Fürsten und Könige bist, der Lenker der Welt, der Statthalter unseres Heilandes Jesu Christi auf Erden, dem Ruhm und Ehre sei, in Ewigkeit. Amen."
Das klingt natürlich sehr bombastisch und ist auch mit einem großen Anspruch der Päpste verbunden, den sie in der Welt und in der Kirche einnehmen wollen. Das war eigentlich auch der Sinn der Krönung, dass man vor Augen aller klar machte, was der Papst seit dem Mittelalter ja war: einer der höchsten Herrscher oder der höchste weltliche Herrscher in der christlichen Welt. Dann natürlich auch vor allen Dingen der Lenker der Welt, wie es heißt, sowie der Statthalter unseres Heilandes Jesu Christi auf Erden; das betrifft also die religiöse Dimension.
Das hat man damit ausdrücken wollen und das ist natürlich mit der Zeit schwierig geworden, das den Gläubigen, aber auch der ganzen Welt klar zu machen. Ich denke, das war auch ein Grund, warum Paul VI. mehr oder weniger auf die Tiara verzichtet hat. Er hat übrigens nie für seine Nachfolger verzichtet. Er hat ein Dekret erlassen für die Papstwahl und darin heißt es tatsächlich noch im Jahr 1975, dass der Papst nach der Wahl nach einer gewissen Zeit gekrönt werde.
DOMRADIO.DE: Darf denn eigentlich jeder dem Papst eine solche Krone schenken?
Nersinger: Es ist natürlich die Frage, ob so etwas sinnvoll ist und ob so etwas angebracht ist, aber Sie können das eigentlich niemandem verbieten.
DOMRADIO.DE: Was könnte hinter dem Wunsch der amerikanischen Katholiken stehen, dem Papst so eine Tiara zu schenken?
Nersinger: Ihre Intention müsste man noch genauer erforschen, um herauszufinden, was dahintersteht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es eine Erinnerung ist, vielleicht auch ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, dass man sich mehr für die Tradition und für ein Geschichtsbewusstsein einsetzt.
DOMRADIO.DE: 1964 hat Papst Paul VI. seine Tiara abgegeben, um sie den Armen der Welt zu schenken. Da ist sie aber nie angekommen. Was ist denn mit ihr passiert?
Nersinger: Ich würde nicht sagen, dass sie nicht angekommen ist. Sie konnte natürlich nicht verkauft werden. Das ist selbst einem gewieften Kardinal Spellman, der sich in Finanzsachen sehr gut auskannte, nicht gelungen. Sie ist dann zum Nationalheiligtum der US-Katholiken in Washington gebracht worden und ist dort in der Unterkirche ausgestellt.
Dort erfüllt sie in gewisser Weise ihren Zweck: In den 80er-Jahren war ich in Washington und stand vor der Tiara. Dort ist ein kleines Schild angebracht, das die Gläubigen auffordert, für die Armen zu spenden. Ich sprach mit einem Verantwortlichen und er sagte mir, es käme Jahr für Jahr doch eine beträchtliche Summe an Spenden zusammen. Damit hat die Tiara doch in gewisser Weise ihren Zwecke als Agape für die Armen erfüllt.
DOMRADIO.DE: Jetzt wollen US-amerikanische Katholiken wieder eine Tiara bei einem Juwelier aus Malta anfertigen lassen und dann Papst Leo XIV. schenken. Aber ist das nicht auch ein bisschen zynisch?
Nersinger: Das muss nicht sein. Es kommt natürlich darauf an, welche Intentionen die US-amerikanischen Katholiken haben, die dies vorhaben. Man muss sich das einmal genau anschauen. Ich könnte mir vorstellen, dass mit dieser Gabe auch irgendein Projekt, ein Hilfsprojekt für die Armen oder für die Umwelt verbunden ist. Das fände ich ganz gut, wenn man das irgendwie koppeln würde.
Das Geschenk einer Tiara ist auch ein geschichtliches Moment: Es zeigt einen Blick in die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft. Denn den Anspruch, den früher diese Krönungsworte hatten, kann man ja auch positiv deuten, dass der Papst in der Welt eine größere Verantwortung übernimmt, gerade jetzt in einer Welt, die sich zwischen Krieg und Frieden entscheiden muss. Auch im religiösen Bereich wünschen sich viele einen Papst, der die christlichen Kirchen eint. Ich denke, man kann da sehr viele positive Momente herausfinden und muss das gar nicht so zynisch oder als reine Machtdemonstration sehen.
DOMRADIO.DE: Würde Papst Leo diese Krone auch annehmen?
Nersinger: Ich denke, ja, denn seine beiden Vorgänger haben das auch gemacht. Man hat auch Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus jeweils eine Tiara geschenkt. Ich kenne die Aufnahmen von diesen Überreichungen und da sehe ich keinen Papst, der das widerwillig annimmt. Es muss natürlich den Schenkenden auch bewusst sein, dass er eine solche Insigne nicht mehr aufsetzt, dass es ein historisches Relikt ist. Aber ich denke, Leo wird das höflich und freundlich entgegennehmen. Vielleicht findet er auch Worte, die diesen Akt in die richtige Richtung deuten.
Das Interview führte Annika Weiler.