Am heutigen Weltfrauentag lenken gesellschaftliche Akteure, Organisationen und Aktivistinnen nicht selten den Blick auf die Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten, unter denen Frauen bis in die Gegenwart leiden. Ein Beispiel: Wer weiblichen Geschlechts ist, erhält für die gleiche berufliche Tätigkeit im Durchschnitt weniger Lohn als ein Mann. Doch für ein Land auf der Welt gilt das nicht – den Vatikan.
"Der Vatikan ist meines Wissens der einzige Staat, in dem Männer und Frauen gleiches Geld für gleiche Arbeit verdienen", sagt Gudrun Sailer. Die österreichische Journalistin weiß aus erster Hand, wovon sie spricht, denn sie ist selbst Vatikan-Angestellte. Die langjährige Redakteurin bei Radio Vatikan erklärt sich die durchgängig gleiche Bezahlung von Frauen und Männern damit, dass der Vatikan ein "Beamtenstaat" sei. Alle Mitarbeiter des Vatikan werden nach festen Tarifen unabhängig von ihrem Geschlecht bezahlt. Je nachdem, wie man den Begriff "Lohnlücke" definiert, könnte man den Vatikan daher als einziges Land der Welt ohne "Gender Pay Gap" bezeichnen.
Im Vatikan arbeiteten zum Jahresende 2024 knapp 5.500 Angestellte – mehr als 1.300 davon Frauen. Das entspricht nahezu einem Viertel aller Vatikan-Mitarbeiter. Die meisten weiblichen Angestellten arbeiten in mittleren bis gehobeneren Positionen. Während des Pontifikats von Papst Franziskus rückten die Frauen auch in Spitzenpositionen in der römischen Kurie auf. Noch im Januar 2025 – nur wenige Monate vor seinem Tod am 21. April – ernannte Franziskus die Ordensschwester Simona Brambilla zur Präfektin des Ordensdikasteriums. Damit leitete erstmals eine Frau eine Vatikanbehörde.
Eine neue Epoche in der Kurie
Die italienische Ordensfrau hatte zuvor bereits knapp zwei Jahre als Sekretärin – sozusagen als "Nummer zwei" des Dikasteriums – an der Leitung dieses vatikanischen "Ministeriums" mitgewirkt. Franziskus hat während seines Pontifikats Frauen in Leitungsämtern des Vatikan gefördert. Von 16 Dikasterien wird derzeit zwar nur eines von einer Frau geleitet, weshalb man nicht von einer echten Gleichberechtigung der Geschlechter im Vatikan sprechen kann.
Doch die Ernennung von Brambilla zur Präfektin war eine Personalie, die eine neue Epoche in der Kurie einleitete. Seitdem könnte praktisch fast jedes Dikasterium von einer Präfektin geführt werden. Doch Veränderungen brauchen in der Kirche viel Zeit, was sich auch an Brambillas Ernennung zeigte: Denn Franziskus hatte ihr mit Kardinal Ángel Fernández Artime einen Pro-Präfekt zur Seite gestellt. Dieses Amt war eigens für diese neue Personalkonstellation geschaffen worden und es stand die Frage im Raum, ob die Ordensschwester von einem Kardinal überwacht werden sollte.
Auch wenn der argentinische Pontifex mit Blick auf die Geschlechterfrage nur langsam Veränderungen im Vatikan vorantreiben konnte, so tat er es doch kontinuierlich. Mit Wirkung zu März 2025 ernannte Franziskus Schwester Raffaella Petrini zur Präsidentin des vatikanischen Governatorats. Damit wurde die Ordensfrau aus Italien zur Regierungschefin der Vatikanstadt. Die Regierungsgeschäfte des Vatikan hatte zuletzt im 16. Jahrhundert eine Frau geführt: Der Renaissance-Papst Alexander VI. hatte damals zeitweise seiner Tochter Lucrezia Borgia die Regierungsgeschäfte des Kirchenstaates anvertraut.
Erste Frau mit Stimmrecht in Synode
Ebenfalls unter Franziskus erhielt mit Schwester Nathalie Becquart erstmals eine Frau volles Stimmrecht in der Bischofssynode. 2021 trat sie das Amt der Untersekretärin der Synode an und bekam damit qua Amt die Möglichkeit, bei Abstimmungen mitzuwirken. Auch weitere höhere Positionen in Kurienbehörden wurden von Papst Franziskus mit Frauen besetzt.
Sein Nachfolger Leo XIV. geht diesen Weg weiter, weiß Vatikan-Expertin Gudrun Sailer: "Eine seiner ersten prominenteren Ernennungen galt einer Frau, Schwester Tiziana Merletti." Die Italienerin wurde zur Sekretärin des Ordensdikasteriums ernannt. Dass gerade diese Vatikanbehörde eine Vorreiterin bei der Geschlechtergerechtigkeit an der Kurie ist, überrascht nicht. Schließlich sind drei Viertel aller Ordensangehörigen der katholischen Kirche Frauen. Bereits in seiner Zeit als Missionar und Bischof in Peru förderte Papst Leo, damals noch Robert Prevost, Frauen in der Pastoral und Organisation von Kirchengemeinden.
Ein neues Buch über Leo XIV. hebt hervor, dass er als Bischof der peruanischen Diözese Chiclayo zwischen 2016 und 2022 mehrere weibliche Laien an die Spitze von Organisations- und Ausbildungsaufgaben in der Seelsorge berief. Dem Buch zufolge prägten vor allem zwei Prinzipien die Arbeit Prevosts: Mitverantwortung und Würde. Frauen sollten in der Kirche nicht nur unterstützend tätig sein, sondern eigenständig an der Gestaltung des kirchlichen Lebens mitwirken.
Zehn Jahre "Frauen im Vatikan"
Bei der Weltsynode, die von 2021 bis 2024 stattfand, kristallisierte sich heraus, dass sich die Gläubigen in allen Teilen der Kirche mehr Verantwortung für Frauen wünschen. Damit ist nicht unbedingt die Öffnung des Weiheamtes für Frauen gemeint, wie oft in Deutschland gefordert wird. Aber die Ernennungen von weiblichen Führungspersonen in der vatikanischen Verwaltung zeigen in diese Richtung – wenn auch in einem nicht besonders schnellen Tempo. Diese Veränderungen will der Verein "Donne in Vaticano" ("Frauen im Vatikan") begleiten. Die Vereinigung veranstaltet kulturelle, soziale und spirituelle Initiativen und hilft Frauen in schwierigen Lebenslagen. Die Mitgliedschaft steht allen weiblichen Angestellten des Papstes offen.
Ein Gründungsmitglied von "Donne in Vaticano" ist Gudrun Sailer, die auch Teil des Vorstands ist. 2016 wurde der Verein ins Leben gerufen. Zum zehnjährigen Bestehen planen die Frauen etwas Besonderes, wie Sailer verrät: "Wir haben eine Audienz bei Papst Leo angefragt."