Bodenradar erfasst älteste Synagoge von Rothenburg ob der Tauber

Überraschende Entdeckung

Die mittelalterliche Stadt Rothenburg ob der Tauber ist bekannt für ihre Fachwerkbauten und den sie umschließenden Wehrgang. Einst gab es dort auch eine bedeutende jüdische Gemeinde. Deren Synagoge wurde nun überraschend entdeckt.

Blick auf Rothenburg ob der Tauber. / © canadastock (shutterstock)
Blick auf Rothenburg ob der Tauber. / © canadastock ( shutterstock )

Eine der größten Synagogen des Hoch- und Spätmittelalters ist einst im fränkischen Rothenburg ob der Tauber gestanden. Deren Fundamente waren im vergangenen Jahr überraschend bei Grabungsarbeiten aufgetaucht und lieferten damit den ersten archäologischen Nachweis für bis dahin nur schriftlich belegte Quellen. Das teilte das Landesamt für Denkmalpflege am Freitag in München mit. 

Knapp ein halbes Jahr später ist demnach das Baudenkmal komplett erforscht. Mittels eines Bodenradars, einer Art Röntgenaufnahme der obersten Erdschichten, seien die Ausmaße der Synagoge genau erfasst worden.

Schematische Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Rothenburg ob der Tauber mit Saalbau, Bima und Annex für den Thoraschrein, sowie der südlich anschließenden Frauenabteilung. / © Grafik: Roland Linck (BLfD), Drohnenfoto: Stadt Rothenburg.
Schematische Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Rothenburg ob der Tauber mit Saalbau, Bima und Annex für den Thoraschrein, sowie der südlich anschließenden Frauenabteilung. / © Grafik: Roland Linck (BLfD), Drohnenfoto: Stadt Rothenburg.

Die etwa einen Meter dicken Mauern der Synagoge bilden den Angaben zufolge einen rechteckigen Rundriss von 16 auf rund 11 Meter. Dies entspreche einem typischen Verhältnis von etwa 3 zu 2 für aschkenasische Synagogen der Romanik, wie sie auch in Köln, Worms oder Speyer zu finden waren. 

Der einschiffige Saalbau besaß mit rund 180 Quadratmetern eine beträchtliche Dimension. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass die jüdische Gemeinde Rothenburgs im Heiligen Römischen Reich eine bedeutende Rolle gespielt haben müsse.

Platz für über 300 Personen

Mit insgesamt 210 Quadratmetern im Innenraum, Saalbau und südlich anschließender Frauenabteilung fasste der Bau zwischen 320 und 380 Personen und damit einen Großteil der jüdischen Gemeinde der Stadt. Um so deutlicher werde damit auch die Dimension der Gewalt, die deren Mitglieder beim Pogrom von 1298 erfahren haben, heißt es. Damals wurden mehr als 450 Jüdinnen und Juden ermordet, die jüdische Gemeinde Rothenburgs fast vollständig ausgelöscht.

Die Messergebnisse zeigten, dass die Synagoge freistehend auf dem heutigen Kapellenplatz errichtet wurde und ihre Ausrichtung wohl auf die umliegende Bebauung Bezug nahm. An der Ostseite lässt sich ein vorspringender, rechteckiger Annex erkennen, welcher der Aufnahme des Thoraschreins gedient haben dürfte, wie dies in Frankfurt am Main, Rufach in Frankreich, Speyer und Worms bekannt ist. 

Roland Linck (BLfD) bei den Vermessungsarbeiten der ehemaligen Synagoge in Rothenburg ob der Tauber mit dem Bodenradar. / © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Roland Linck (BLfD) bei den Vermessungsarbeiten der ehemaligen Synagoge in Rothenburg ob der Tauber mit dem Bodenradar. / © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Die Existenz dieses Annexes lässt vermuten, dass das Bauwerk in die Zeit vor 1300 zu datieren ist, da derartige Anbauten anschließend nicht mehr belegt sind. Exakt im Mittelpunkt der Synagoge erkennt das Bodenradar eine rechteckige Struktur von vier auf drei Metern; dabei dürfte es sich um die Fundamentreste der ehemaligen Bima, des Lesepultes, handeln.

Umbau zur christlichen Kapelle

Auch der im frühen 15. Jahrhundert durchgeführte Umbau des Gebäudes in eine christliche Kapelle ist durch die Messungen nachzuvollziehen, wie es heißt. Demnach blieb der Kernbau der Synagoge erhalten und diente fortan als Langhaus. An die Ostseite wurde ein mehreckiger Chor im gotischen Stil angesetzt. Der erfasste Grundriss der Marienkapelle stimmt mit den überlieferten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert überein.

Juden in Deutschland

Jüdisches Leben auf dem Gebiet der Bundesrepublik gibt es seit mehr als 1.700 Jahren. Der älteste schriftliche Nachweis stammt aus dem Jahr 321 aus Köln. Vor der nationalsozialistischen Machtergreifung lebten 1933 auf dem Gebiet des Deutschen Reiches rund 570.000 Juden. In der Folge des Holocaust wurden etwa 180.000 von ihnen ermordet, sehr viele flohen. 1950 gab es nur noch etwa 15.000 Juden in Deutschland. Eine Zukunft jüdischen Lebens im Land der Täter schien unwahrscheinlich und war innerjüdisch umstritten.

Ein jüdischer Mann mit einer Kippa / © Nelson Antoine (shutterstock)
Ein jüdischer Mann mit einer Kippa / © Nelson Antoine ( shutterstock )
Quelle:
KNA