Heilige Spiele sind in der Kirche weit verbreitet. Sie machen Glaubensinhalte anschaulich und erlebbar und ermöglichen es, dass Menschen direkt in das Geschehen eintauchen können. Schon im Mittelalter wurden biblische Geschichten szenisch dargestellt, damit auch Menschen ohne Lesekenntnisse die Heilsgeschichte verstehen konnten.
Bis heute hat sich ein solches Heiliges Spiel im oberpfälzischen Dietfurt erhalten: In der Pfarrei im Bistum Eichstätt wird seit Beginn der Fastenzeit wieder das traditionelle Ölbergspiel gepflegt. "Das Ölbergspiel ist ein Highlight des Kirchenjahres, da es schon lange besteht und sich dadurch auch Familien wieder in Dietfurt treffen", sagt Bruder Johannes Matthias Tumpach. Er ist der Obere im Dietfurter Franziskanerkloster, in dessen Kirche die Ölbergandachten stattfinden. Auch im nahegelegenen Berching gibt es solch ein Spiel.
Erste Ursprünge im 15. Jahrhundert
Dabei haben die Andachten eine sehr lange Geschichte: Schon 1486 gab es in Dietfurt die sogenannte "Angst"-Andacht. Sie fand am Donnerstagabend statt und erinnerte an die Todesangst, die Jesus am Ölberg erlitten hatte. Ab dem Jahr 1680 ist auch ein Ölbergspiel in der Franziskanerkirche nachgewiesen.
Die Barockzeit war dafür bekannt, Heilige Spiele in den Kirchen zu fördern. Vieles, was sich bis heute als Inszenierung des biblischen Geschehens erhalten hat, ist in der Barockzeit entstanden oder wurde zu dieser Zeit gefördert. Darunter fallen nicht nur die Krippen, sondern auch die Heiligen Gräber, die in den Kartagen vielerorts noch aufgestellt werden.
Die Ölbergspiele haben sich sehr viel Archaisches aus dieser Ursprungszeit bewahrt. Ein kleines Oberammergau im Altmühltal darf man jedenfalls nicht erwarten. Denn bei allem Spiel steht vor allem die Botschaft im Mittelpunkt. Und diese ist am Gründonnerstag eine sehr ernste.
Das Ölbergspiel nimmt den Zuschauer mit hinaus auf den Jerusalemer Ölberg. Dorthin, wo sich Jesus nach dem Letzten Abendmahl zurückzieht, um in Todesangst auf seine bevorstehende Verhaftung zu warten. In Schriftlesungen, Betrachtungen und Fürbitten begibt sich die versammelte Gemeinde mit hinaus auf den Ölberg.
Nur der Engel ist lebendig
Die Bühne für das Ölbergspiel bildet der Hochaltar der Dietfurter Franziskanerkirche. Die ganze Kirche wird mit schwarzen Vorhängen abgedunkelt. Plötzlich hebt sich das Altarblatt nach oben und dahinter erscheinen die schlafenden Jünger sowie Maria. In der Mitte kniet der Heiland, eine bewegliche und bekleidete Figur. Mittels einer Mechanik fällt Christus unter der Last des Kreuzes mehrfach zu Boden.
Der einzige lebendige Darsteller der Szene ist der Engel, der dreimal mit einem Aufzug in das Bühnenbild herunterfährt, um Jesus zu trösten. Beim dritten Mal reicht der Engel ihm den Kelch, um ihn zu stärken, seinem Leidensweg entgegenzugehen. Geeignete Darsteller für den Engel zu finden, ist dabei gar nicht so einfach: Neben einer guten Gesangsstimme gehört auch ein bisschen Mut dazu, auf den Aufzug zu vertrauen, der den Engel in den Garten Getsemani hinunterbringt. Doch für jeden Dietfurter Jungen ist es eine große Ehre, einmal im Leben den Engel spielen zu dürfen.
Kirche ist "brechend voll"
Die Ölbergspiele in Dietfurt finden in der Fastenzeit an jedem Donnerstagnachmittag statt. Zur Vorbereitung wird der Rosenkranz gebetet, ehe die Andacht beginnt, die mit einer besonderen Predigt verbunden ist. Nach dieser Ansprache beginnt das eigentliche Ölbergspiel, dessen Texte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach überarbeitet und angepasst wurden. Geblieben sind jedoch die uralten Liedtexte, die vor allem im 18. Jahrhundert entstanden sind.
Jedes Mal ziehen die Dietfurter Ölbergspiele wieder zahlreiche Menschen an. 2005 wurden sie sogar mit dem Kulturpreis der Oberpfalz ausgezeichnet. Bruder Johannes Matthias erklärt sich die große Anziehungskraft so: "Viele Dietfurter waren schon selbst Teil des Ölbergspiels als Engel oder Sänger und leben dieses Brauchtum. Auch die Predigten sind Impulse zum Innehalten und zur Neuausrichtung." Und so verwundert es kaum, dass die Franziskanerkirche zur Dietfurter "Pfinstapredigt", wie das Schauspiel im Volksmund auch genannt wird, wieder brechend voll ist.