Der anonyme Hilferuf aus einem kleinen Dorf irgendwo in Deutschland ist herzzerreißend. Die Mail kommt von einem Mädchen mit Schulproblemen. Die junge Frau findet sich zu dick. Sie geht kaum mehr aus dem Haus. Zu oft hat sie da draußen Mobbing von Mitschülern erlebt. In ihrer Familie fühlt sie sich nur noch wie das fünfte Rad am Wagen. "Es ist besser für alle, wenn ich mich einfach umbringe."
Sätze wie dieser erreichen das Team von "[U25]" jeden Tag. Allein 2025 hat das Netzwerk bundesweit rund 1.700 jungen Menschen geholfen, denen Suizidgedanken durch den Kopf gingen. Hier sind es Leute unter 25, die Hilfesuchenden per Mailwechsel Halt geben. Gleichaltrige, die ihre Lebenswelt kennen. Im Unterschied zum Krisentelefon für eine akute Gefahrenlage geht es dabei um längere Begleitung im Alltag. Beide Seiten nutzen Decknamen, um den geschützten Raum zu wahren.
Zuspruch für die, die nicht aus dem Haus gehen
Aline (23) hat sich der Initiative gerade erst angeschlossen. Die Helferin beginnt in wenigen Wochen an einem der drei neuen Standorte von "[U25]" in Rheinhessen. Das katholische Hilfswerk Caritas wird dann an bundesweit 14 Standorten Online-Suizidprävention anbieten. Denn die Nachfrage übersteigt das Angebot, wie die Caritas berichtet.
Aline, die soziale Arbeit studiert, möchte mit dieser ehrenamtlichen Tätigkeit als "Peer" etwas bewirken, auch wegen eigener Erfahrungen: "Ich hatte damals selber mal eine schlechte Zeit, in der ich Personen hatte, die mir zugehört haben und einfach da waren. Das hat mir auch geholfen. Ich dachte, ich will das irgendwie weitergeben."
Das Prinzip ist einfach und niedrigschwellig. Hilfesuchende melden sich über eine Caritas-Online-Beratungsplattform mit einem Decknamen an und senden eine erste Nachricht. Die erste Antwort erfolgt innerhalb von 48 Stunden. Danach antwortet der Berater oder die Beraterin regelmäßig weiter und ist Brücke zu weiterführenden Hilfen, wo nötig.
Über Tabu-Gedanken offen reden können
Die ebenfalls 23 Jahre alte Aileen, die auch gerade die Ausbildung für "[U25]" macht, arbeitet bereits ehrenamtlich im Jugendarrest. "Ich glaube, es steckt in mir, anderen Menschen zu helfen."
Ihr eigener Blick habe sich mit der Ausbildung verändert: "Weil ich gemerkt habe, dass es in der Gesellschaft und auch in mir immer noch teilweise ein Tabuthema ist, über Suizid und Suizidgedanken zu reden. In der Ausbildung fängt man an zu hinterfragen: warum eigentlich? So vielen Menschen wäre geholfen, wenn man ihnen einfach diesen Raum gibt, dass sie über ihre Gedanken offen reden können", sagt Aileen.
Wer heute jung ist, wächst in einer Welt voller ungelöster Krisen auf. Zuletzt hat Corona die Lebenswelt der jungen Leute zusätzlich verdunkelt. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind bedrückend: Selbsttötung ist bei den 10- bis 24-Jährigen in Deutschland häufigste Todesursache. Jeder 20. Mensch, der sich in unserem Land das Leben nimmt, ist unter 25. Und die katholische Kirche hat sich zur Thematik mühsam einen anderen Zugang erarbeitet als vor 50 Jahren, als etwa eine kirchliche Beisetzung für "Selbstmörder" als nicht statthaft galt.
Klassische Angebote "so weit weg wie der Mond"
Hubert Reise, Direktor des Caritasverbands Mainz, denkt zurück an die aufgeregte öffentliche Debatte, als 1981 die ZDF-Dramaserie "Tod eines Schülers" das Thema offensiv aufgriff. "Unverständnis über den Suizid und Tabuisierung dieses Themas waren durchaus vorherrschende Ansichten. Ich hoffe, dass wir in all diesen Jahren doch ein Stück weitergekommen sind." Warum sich die Mainzer Caritas um einen "[U25]"-Standort bewarb? "Ganz ehrlich? Weil wir gemerkt haben, dass unsere klassischen Beratungsstellen für einen 17-Jährigen oder eine 17-Jährige in einer akuten Krise oft so weit weg sind wie der Mond."
Die Anfänge des "[U25]"-Projekts liegen 25 Jahre zurück, man hat also viel Erfahrung gesammelt. Der Mainzer Caritas-Hauptamtliche Marius Rathke nennt die drei häufigsten Themen: "Das sind Einsamkeit, suizidale Krise und selbstverletzendes Verhalten." Und eine Krise sei selten allein. Die ehrenamtlichen "Peers" sprächen das Thema Suizid offen an. Sie versuchten herauszufinden, welche Krise gerade die drängendste sei. Falls sich abzeichnet, dass eine Verzweiflungstat schon konkret geplant ist, übernehmen Teams von Fachdiensten.
"Ich bin für Dich da!"
Was "[U25]" bietet, ist Unterstützung, Aufbau einer Beziehung. "Da ist jemand in der Krise und sucht eine Hand", beschreibt es Rathke. Man spreche die Themen offen an. "Denn wer redet schon gern über Suizid? Kann man es den Eltern sagen? Kann man es Freunden sagen? Kann man es in der Schule sagen? Meistens eher nicht. Denn die würden die Psychiatrie einschalten, auch wenn vielleicht nicht konkret was vorliegt. Wir schürfen tief." Die Probleme zu sortieren, könnten die "Peers" schriftlich gut leisten. Bewusst setze man dabei Pausen von sieben Tagen zwischen den E-Mails - "analog zu Therapie", so Rathke.
Auch im Fall des gemobbten Mädchens aus dem Dorf hat die Antwort von "[U25]" gleich mehrere der Probleme mit sehr persönlichen Worten aufgegriffen und erste Vorschläge gemacht, wie es denn weitergehen könnte. Aber der vielleicht wichtigste Satz lautet: "Hier ist auf jeden Fall Platz für Dich und ich bin sehr gerne für Dich da!"