Schnell noch letzte Fotos, dann decken die Archäologen Gabriele Castiglia und Simone Schiavone ihren Arbeitsplatz der letzten Wochen sorgfältig ab. Die Mauerreste, aus dem frühlingshaft grün überzogenen Boden der sogenannten Hirtenfelder gegraben, gehen in den Sommerschlaf.
Wenn im September die Temperaturen wieder auf angenehme Grade absinken, werden sich die Forscher des Päpstlichen Instituts für Christliche Archäologie (PIAC) in Rom erneut auf den Weg machen: nach Beit Sahour, wo nach biblischer Überlieferung ein Engel Hirten die Geburt Jesu verkündigte.
Neben der historischen ist es die spirituelle Bedeutung, die das Ausgrabungsgelände so besonders macht, erklärt Castiglia, an der PIAC Experte für die Topografie des "altchristlichen Erdkreises".
Die Ergebnisse ihrer Arbeit sollen in den Wallfahrtsort integriert werden, als Bereicherung für Pilger und um für Solidarität mit der einheimischen Bevölkerung zu werben, die mit einer schwierigen politischen Situation und den damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen hat.
Die neuen Ausgrabungen ermöglichten eine Wiederbelebung historischer Orte und trügen zu einem besseren Verständnis der Geschichte der Stätte bei, ergänzt Simone Schiavone. Der italienische Franziskaner ist Doktorand der christlichen Archäologie. Auch Studierende der Universität Bethlehem sind entsprechend einer Vereinbarung involviert an dem Geschehen.
"Fürchtet euch nicht"
Seit frühchristlicher Zeit kommen Menschen an diesen Ort, an dem sie das im Lukasevangelium überlieferte "Fürchtet Euch nicht" des Engels an die Hirten verorten.
Im 4. Jahrhundert entstand hier vermutlich ein Kloster, das im 6. Jahrhundert erheblich ausgebaut wurde, bevor es im Zusammenhang mit der Invasion der Perser 614 n. Chr. und wahrscheinlich der islamischen Eroberung der Region verlassen wurde.
Das Gedächtnis an den Ort blieb, auch wenn über Jahrhunderte wohl keine Massen herpilgerten. Arculf, fränkischer Bischof und Heiliglandpilger, berichtete im 7. Jahrhundert vom Feld der Hirten und den drei Gräbern der Hirten; die Mönche Bernhard und Epiphanius erwähnten im 9. Jahrhundert ein den "heiligen Hirten" geweihtes Kloster. Petrus Diaconus, Abt der Benediktinerabtei Montecassino, nennt in seinem Buch über die heiligen Orte im Heiligen Land 1137 die Kirche "Ad Pastores", zu den Hirten.
In franziskanischem Besitz
Ende des 19. Jahrhunderts kauften die Franziskaner das Gelände, das heute am nördlichen Rand von Beit Sahour in den Ausläufern des judäischen Berglands liegt, Luftlinie knapp 1,5 Kilometer von der Geburtskirche entfernt. Die Ausgrabungen sind mit dem Namen Virgilio Corbo verbunden, dem italienischen Franziskanerpater und Archäologieprofessor am franziskanischen "Studium Biblicum" in Jerusalem.
Anfang der 1950er Jahre legte er die Überreste eines Gehöfts aus dem ersten Jahrhundert und eines terrassenförmig angelegten Klosters aus byzantinischer Zeit frei. Corbo fand eine Kirche mit zwei Apsiden aus den beiden Bauphasen, dem 4. und 6. Jahrhundert. Weitere Funde belegen Viehzucht, die Produktion von Öl und Wein, möglicherweise auch von Brot. Keramiken deuten darauf hin, dass die Klostergemeinschaft einen Überschuss produzierte, der ihnen den Handel erlaubte.
Heute Pilgermagnet
Ebenfalls in den 1950ern erfolgte der Bau der "Der heiligen Engel an die Hirten"-Kapelle durch den italienischen Architekten Antonio Barluzzi, dessen eklektische Bauten zum Markenzeichen vieler heiliger Stätten in franziskanischer Obhut wurden. Bis heute gehören die Hirtenfelder und ihre oft improvisiert wirkenden oder in die Jahre gekommenen Gebetsplätze zum Standardprogramm vieler Pilger, nicht nur an Weihnachten. Über Corbos Funde hingegen wuchs mit der Zeit Gras. Wortwörtlich.
Drei Wochen lang habe man im Frühjahr 2023 das Grabungsgelände von Bewuchs gesäubert, sagt Gabriele Castiglia. Bestandsaufnahme, Instandsetzung und eine Potenzialanalyse für mögliche weitere Grabungen standen auf dem Programm.
Im Herbst 2023 ging die Mission weiter. Das alte Grabungsgelände wurde mithilfe modernster Technik wie Laser- und Bildmessung eine genaue Kartografie jener Strukturen erstellt, die unter der Kirchenruine lagen, Zisternen etwa, und ein weit verzweigtes Tunnel- und Höhlensystem. Grabungen in von Corbo unangetasteten Bereichen der Kirche förderten einen alten Steinbruch zutage. Möglicherweise, so die Archäologen, stammen die Steine der ersten Phase des Klosterbaus von hier.
Kriegsbedingt erschwertes Arbeiten
Der vom Hamasangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöste Krieg, der die Archäologen in Bethlehem überraschte, erschwert die Mission.
Erst im Mai 2025 konnten sie die Arbeit wieder aufnehmen. Bis heute kämpfe man gegen logistische Schwierigkeiten wie bei der Einfuhr von Messinstrumenten, so Castiglia. Auch die Pflege der frischgesäuberten Anlage musste kriegsbedingt vernachlässigt werden. Längst hat das Grün begonnen, sich den Raum um die steinernen Zeugen zurückzuerobern.
Die Corbo-Ausgrabungen müssten in einem nächsten Schritt restauriert werden, sagt Gabriele Castiglia. Auch ein kleines Museum mit Keramik- und weiteren Funden soll entstehen. Vor allem aber wollen Castiglia und Schivone weitergraben. Unter anderem suche man die Wohnanlage der Mönche, aber auch den Friedhof. Sondierungen deuteten darauf hin, dass die Anlage erheblich größer sei als bisher angenommen.
Überraschende Knochenfunde
Auf dem Stück Land, das sich Schivone und Castiglia im Januar 2026 vorgenommen haben, fanden sie Mauern aus verschiedenen Bauphasen, den Keramikfunden zufolge vermutlich aus dem 6. und 7. Jahrhundert. "Als wir in diesem Abschnitt einige Knochen fanden, dachten wir, wir haben den Friedhof gefunden", so die Archäologen.
Der vermeintliche Friedhof entpuppte sich als eine Grube voller Knochen, "etwa 21 oder 22 Individuen, und auch einige Tierknochen. Die Verbindung zwischen den menschlichen und den tierischen Knochen ist einzigartig". Eine Analyse der Knochen am berühmten Weizmann-Institut soll Gewissheit bringen, ob die Hypothese der Forscher stimmt: Die Erbauer könnten auf einen älteren Friedhof gestoßen sein und die Knochen in der Grube zusammengelegt haben. Man müsse also erst "noch herausfinden, was wir eigentlich gefunden haben", sagt Gabriele Castiglia. Auf jeden Fall gehörten die Mauern zum Kloster.