Warum ein bulgarischer Bauernjunge jetzt wohl Opernsänger wird

Operation Oktavsprung

Bald singt Rumen Marinov den Jesus in Bachs Johannespassion. Im Schulchor entdeckt, beeindruckt der 20-Jährige heute mit seinem stimmgewaltigen Bass. Wie die klassische Musik ihm neue Welten erschließt, erklärt er bei Himmelklar.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Rumen Marinov / © Hilde Regeniter (DR)
Rumen Marinov / © Hilde Regeniter ( DR )

"Ich war immer von allem zu viel", erzählt Rumen Marinov. "Zu dick, zu laut, zu intellektuell." Dass er sich mittlerweile so akzeptiert wie er eben ist, beschreibt er als Ergebnis einer "langen Reise, die auch noch nicht zu Ende ist". Klar eigentlich, dass jemand mit gerade einmal 20 Jahren noch nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen ist, sondern eher mittendrin steckt.

Begonnen hat diese Entwicklung auf einem abgelegenen Bauernhof in Bulgarien, wo der Junge bis zu seinem siebten Lebensjahr bei den Großeltern aufwuchs, während die Mutter sich als Hilfsarbeiterin in verschiedenen europäischen Ländern verdingte. Das Laptop, auf dem er mit der Mutter skypte, war damals sein Fenster zur Welt, über YouTube-Videos brachte er sich früh Englisch bei. 

Als er endlich eingeschult wurde, erinnert sich Rumen Marinov, blühte er auf. Er liebte es zu lernen und er liebte es schon in der Grundschule, vor anderen Kindern zu sprechen. Im Rückblick wohl eine frühe Erscheinungsform dessen, was ihm heute seine erste und noch immer aktuelle Gesangslehrerin Nicole Ferrein bescheinigt: einen "unbedingten Ausdruckswillens" nämlich. 

Er selbst attestiert sich zudem einen "unbedingten Willen zur Teilhabe", der ihm ein paar Jahre später sehr bei der Integration in Deutschland helfen sollte. Denn als der damals 11-jährige Rumen mit Mutter und Großmutter in die Bundesrepublik übersiedelte und am Mönchengladbacher Hugo-Junkers-Gymnasium eingeschult wurde, sprach er bis auf wenige Worte, wie beispielsweise "Wurst", kein Deutsch. 

Dank intensiven Deutsch-als-Fremdsprache-Unterrichts und viel Eigeninitiative lernte er innerhalb weniger Monate, sich einigermaßen zu unterhalten und in den Schulstunden mitzukommen. In der Oberstufe belegte er dann schon Deutsch als Leistungskurs, gab sogar deutschen Schülern Nachhilfe in Deutsch. 

Fast noch wichtiger aber war, dass der Musiklehrer damals auf ihn aufmerksam wurde und ihn einlud, in den Schulchor zu kommen. Für Rumen, der sich bis dahin oft als Außenseiter gefühlt hatte, brachte das neben der Freude am Singen selbst auch endlich gute Kontakte mit Gleichaltrigen. "Aus deiner Stimme wird mal was!", prophezeite ihm ein wenig später der britisch-kanadische Singer-Song-Writer Paul O’Brien und riet ihm dringend, Gesangsunterricht zu nehmen. "Wow", dachte wiederum Rumen, "da glaubt jemand an etwas in mir, das ich selbst noch nicht geahnt habe".

Und so begleitete Rumen kurz darauf eine Freundin zu deren Gesangsunterricht an der Musikschule der Stadt Mönchengladbach. Als der damals 14-Jährige gegen Ende der Stunde einen Ausschnitt aus einem Musical vorsang, erkannte die Lehrerin sofort das Ausnahmetalent. "Du kannst mein Schüler sein", bot ihm die Kölner Sopranistin Nicole Ferrein an, mitten im Schuljahr, außerplanmäßig. Seitdem arbeiten die beiden zusammen. 

"Ich verdanke ihr so viel", sagt der Nachwuchssänger, der damals noch keine Noten lesen konnte. Folklore-Lieder waren ihm aus seiner Kindheit in Bulgarien vertraut, in seiner Familie gab es sogar mehrere Folklore-Sängerinnen und -Musiker. Mit Klassik aber war der Teenager bis dahin nicht in Berührung gekommen und so gab es im Gesangsunterricht viel nachzuholen. 

Sopranistin Nicole Ferrein und Michael Veltman, Organist der Kunst-Station St. Peter / © Hilde Regeniter (DR)
Sopranistin Nicole Ferrein und Michael Veltman, Organist der Kunst-Station St. Peter / © Hilde Regeniter ( DR )

Rumen Marinov sog alles in sich auf und dufte bald Arien interpretieren, zunächst noch als Sopran. Während des Stimmbruchs konnte er zeitweise sogar vier Oktaven gleichzeitig bedienen, weil Sopran und Bass parallel da waren, alles dazwischen auch. Diese enorme Bandbreite ermöglichte dem jungen Sänger, mit verschiedensten Rollen und Stimmlagen zu experimentieren.

Beim Singen, sagt Rumen, spürt er seinen Körper eher nicht, hat vielmehr das Gefühl, über sich und den Dingen zu schweben. Gleichzeitig arbeite er intensiv daran, sich in die zu interpretierenden Rollen einzufühlen, ihre Stimmungen und Motivationen genau zu verstehen und wiederzugeben. 

Als "musikalischen Instinkt, der sich nur schwer erlernen lässt", bezeichnet das Lehrerin Ferrein, die ihren begabten Schüler bereits vor dem Abitur mit Professor Thomas Heyer an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Kontakt brachte. Dort wird Rumen Marinov sich nach sehr gut bestandener Hochschulreife im Sommer zum zweiten Mal vorstellen, nachdem ein Blackout in einer theoretischen Teilprüfung ihm die Aufnahme letztes Jahr in letzter Minute vermasselte. "Das war der schlimmste Tag meines Lebens", sagt er, und dass er schon aufgeben wollte. Aber jetzt will er es im Juli noch einmal wissen. 

Rumen Marinov

"Es ist eine große Ehre, den Jesus zu interpretieren."

Ebenfalls auf Vermittlung seiner Lehrerin hat Rumen inzwischen mehrere Solo-Parts in klassischen Konzerten gemeistert, zum Beispiel als Bassist im Mozart-Requiem. Auch wenn er sich in seinem tiefsten Inneren oft noch immer als bulgarischer Bauernjunge fühlt, weiß Sänger Marinov, dass die klassische Musik und auch das Reden darüber ihm schon jetzt viele Türen und Herzen geöffnet haben. 

"Wenn ich mich zum Beispiel über die Darstellung von Kunst in den 'Meistersängern' von Wagner unterhalten kann, gehöre ich in bestimmten Kreisen einfach dazu." Außerdem eröffne ihm das Eintauchen in die einzelnen Rollen und Charaktere jedes Mal das Eintauchen in eine neue Welt. 

Ganz sicher auch, wenn er nun bald den Jesus gibt. Bei der Aufführung von Bachs Johannespassion in Altenkirchen im Westerwald Mitte März. "Natürlich ist es für mich etwas ganz Besonderes, diese tragende Rolle zu übernehmen", sagt Rumen Marinov. "Es ist eine große Ehre, den Jesus zu interpretieren."

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Himmelklar (DR)
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Quelle:
DR

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