Gewaltwelle nach Tod von Drogenboss "El Mencho" erschüttert Mexiko

Kirche hatte Kurswechsel der Regierung angemahnt

Bei einer Polizeiaktion werden Mexikos meistgesuchter Drogenboss und weitere ranghohe Bandenmitglieder getötet. Das Kartell nimmt blutige Rache und versetzt das Land in Angst und Schrecken. Die Kirche fordert einen Kurswechsel.

Autor/in:
Tobias Käufer
Drogenkrieg in Mexiko / © Armando Solis/AP (dpa)
Drogenkrieg in Mexiko / © Armando Solis/AP ( dpa )

Nur mit Mühe schaffte es eine Frau, aus dem brennenden Inferno zu entkommen. Mitglieder der Drogenmafia hatten einen Brandsatz in einen Supermarkt geworfen – obwohl noch Kunden und Belegschaft darin waren. Der Laden ging in Flammen auf, so wie Dutzende weitere Supermärkte in ganz Mexiko. Helfer zogen erschrockene Überlebende schließlich aus dem Flammenmeer.

Ein ausgebrannter Supermarkt während des Drogenkriegs in Mexiko / © Alfredo Valadez/AP (dpa)
Ein ausgebrannter Supermarkt während des Drogenkriegs in Mexiko / © Alfredo Valadez/AP ( dpa )

Im Laufe des Sonntags verbreiteten sich immer mehr Bilder des Schreckens aus Mexiko in den Social-Media-Netzwerken: Rauchsäulen über den Städten, angezündete Tankstellen, abgefackelte Busse, Panik auf den Flughäfen. Airlines sagen Flüge ab und lassen ihre Piloten gleich wieder umdrehen.

Auslöser des Chaos war eine spektakuläre Polizeiaktion, bei der Nemesio Oseguera Cervantes, alias "El Mencho", tödlich verletzt wurde. Er galt als Kopf des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación, das im Bundesstaat Jalisco gegründet wurde. Laut mexikanischen Medienberichten kamen mindestens sechs weitere ranghohe Bandenmitglieder ums Leben.

Hilfe aus Washington

Claudia Sheinbaum spricht während einer Veranstaltung auf dem Zocalo, um ihren Sieg bei den Präsidentschaftswahlen zu feiern. / © Jair Cabrera Torres (dpa)
Claudia Sheinbaum spricht während einer Veranstaltung auf dem Zocalo, um ihren Sieg bei den Präsidentschaftswahlen zu feiern. / © Jair Cabrera Torres ( dpa )

Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte noch vor wenigen Wochen ein solches Vorgehen kategorisch ausgeschlossen. "Eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen ist keine Option", sagte sie damals. Eine solche Politik führe letztlich in den Faschismus. Nun hat sich Sheinbaum offenbar doch für eine härtere Gangart gegen die organisierte Kriminalität entschieden. Dafür bekommt sie Hilfe aus dem Weißen Haus in Washington: Sprecherin Karoline Leavitt erklärte am Sonntagabend, dass die USA nachrichtendienstliche Unterstützung bei einer Operation in Jalisco geleistet hätten.

Kardinal Carlos Aguiar Retes, Erzbischof von Mexico City / © Paul Haring  (KNA)
Kardinal Carlos Aguiar Retes, Erzbischof von Mexico City / © Paul Haring ( KNA )

Wenig später meldete sich die katholische Kirche in Mexiko zu Wort. "Wir sind uns der schwierigen Zeiten bewusst, mit denen wir es als Gesellschaft zu tun haben", hieß es in einer Erklärung von Kardinal Carlos Aguiar Retes. Der Erzbischof von Mexiko-Stadt rief – spürbar beunruhigt – zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit im Land auf. Wie dramatisch die Kirche die Lage einschätzt, zeigt ein von der Zeitung "El Universal" veröffentlichter Notfallplan der Mexikanischen Bischofskonferenz. Vorgesehen ist demnach, eine Art Risikokarte zu erstellen, um Behörden zu alarmieren und Schutzmaßnahmen für Gemeindemitglieder und Priester zu ergreifen.

Streit mit der Kirche

Zwischen der Kirche und den mexikanischen Linksregierungen von Andrés Manuel López Obrador (2018-2024) und Claudia Sheinbaum (seit 2024) hatte es in den vergangenen Jahren Streit über die richtige Sicherheitspolitik gegeben. Wegen der zunehmenden Macht der Kartelle, die Gesellschaft und Politik unterwandert hätten, sei ein Kurswechsel notwendig, so die Forderung der Kirche. Zugleich machte sie Dutzende Vorschläge für eine Verbesserung der Lage. Doch Sheinbaum ging damals auf Distanz: "Ich teile die pessimistische Einschätzung der aktuellen Situation nicht." Ihr Amtsvorgänger López Obrador hatte eine Politik unter dem Motto "Umarmungen statt Schüsse" verfolgt. Doch nach sechs Jahren wurde mit fast 200.000 Todesdelikten ein neuer Rekord verzeichnet.

Die jüngsten Vorfälle bekommen zusätzliche Brisanz, weil in weniger als vier Monaten 13 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko stattfinden sollen. So tragen Gastgeber Mexiko und Europameister Spanien Spiele in Guadalajara aus. Der Spielort ist die Hauptstadt der Unruheprovinz Jalisco. Örtliche Medien berichten, der Gewaltausbruch habe den WM-Spielort in eine Geisterstadt verwandelt, weil sich die Menschen nicht mehr auf die Straße trauten.

Kirche in Mexiko

Mexiko ist nach Brasilien das größte katholische Land der Welt. Nach Vatikanangaben sind mehr als 90 Prozent der rund 120 Millionen Mexikaner Katholiken. Andere Quellen nennen etwas niedrigere Zahlen.

Unter den spanischen Eroberern erfolgte die Christianisierung der indianischen Urbevölkerung im 16. Jahrhundert oft unter Zwang und mit brutaler Gewalt. Die Methoden wurden von der Inquisition weitgehend gebilligt oder auch angeordnet.

Kathedrale in Mexiko City / © Victor SG (shutterstock)
Quelle:
KNA