Erzbischof Gänswein verteidigt Predigt-Mitschnitte von Benedikt XVI.

"Redliche Absicht"

Ein neues Buch mit bislang unveröffentlichten Predigten von Benedikt XVI. erschien kürzlich beim Verlag Herder. Ohne Benedikts langjährigen Privatsekretär Georg Gänswein und seine Vorarbeiten wäre das nicht möglich gewesen.

Erzbischof Georg Gänswein / © Harald Oppitz (KNA)
Erzbischof Georg Gänswein / © Harald Oppitz ( KNA )

Erzbischof Georg Gänswein hat den Mitschnitt privater Predigten von Benedikt XVI. verteidigt. "Die Predigten wurden nicht heimlich mitgeschnitten, sondern diskret aufgenommen", betonte Benedikts langjähriger Privatsekretär in einem am Wochenende in der "Schwäbischen Zeitung" veröffentlichten Interview.

Darin äußerte sich Gänswein, der heute Papstbotschafter in Litauen ist, zu dem unlängst vom Verlag Herder veröffentlichten Band "Der Herr hält unsere Hand". Dieser enthält bisher unveröffentlichte Predigten von Benedikt XVI., die er während seiner Amtszeit als Papst aber auch in den ersten Jahren nach seinem Rücktritt im kleinen Kreis hielt.

Alles aus guter Absicht

Er habe die vier Frauen, die sich um den Haushalt von Benedikt XVI. kümmerten und die bei den Gottesdiensten stets dabei waren, gebeten: "Wenn Benedikt predigt, nehmt bitte die Predigt diskret auf; ich weiß zwar im Augenblick noch nicht wofür – aber eines Tages wird es wertvoll sein", so Gänswein. "Ich hatte keine hinterlistige, sondern eine redliche Absicht im Sinn, die mich diese Entscheidung treffen ließ."

Der verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. / © Domenico Stinellis (dpa)
Der verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. / © Domenico Stinellis ( dpa )

Zugleich räumte der Erzbischof ein, dass er Benedikt XVI. nicht gefragt habe, ob er mit den Aufnahmen einverstanden sei. "Und warum nicht? Ganz einfach, weil ich die Sorge hatte, er könnte aus Bescheidenheit 'nein' sagen - und damit wäre dieser Schatz nie zu heben gewesen."

Kein "Rottweiler Gottes"

Die nun veröffentlichten Texte werfen laut Gänswein, der zu dem Buch ein Geleitwort besteuerte, ein neues Licht auf Benedikt XVI. "Das öffentlich gezeichnete Bild war allzu oft einseitig und schief", beklagte der Erzbischof. "Man sah in ihm zu sehr den Theologen, den Präfekten, den Papst, auch den brillanten Denker. Aber man übersah etwas Wesentliches: den überzeugten und überzeugenden Verkünder des Evangeliums. Dieses Markenzeichen kommt in den Predigten eindrucksvoll zum Ausdruck."

Der langjährige Vertraute Benedikts verwahrte sich im Interview der "Schwäbischen Zeitung" gegen die stereotype Wahrnehmung, wonach der junge, progressive Professor Joseph Ratzinger konservativ geworden sei, um kirchliche Karriere zu machen. Wer die Schriften des jungen Theologen und danach jene von Kardinal Ratzinger oder Papst Benedikt lese, werde feststellen: "Da gibt es keinen Bruch, da gibt es eine unübersehbare Kontinuität sowohl im theologischen Schrifttum wie auch in der kirchlichen Verkündigung", sagte Gänswein. "Dem Klischee vom 'Panzerkardinal' oder 'Rottweiler Gottes' steht die Realität eines menschlich noblen, milden, gescheiten und geistlich tiefen Mannes gegenüber."

"Ohne ihn wäre ich ein anderer."

Im Interview sagte Erzbischof Georg Gänswein ebenfalls, dass er sich immer noch mit Benedikt XVI. verbunden fühlt. Bereits zu Beginn seines Theologiestudium in Freiburg 1977 habe er die Schriften des damaligen Theologieprofessors Joseph Ratzinger verschlungen.

Papst Benedikt erklärt seinen Rücktritt / © Osservatore Romano/Romano Siciliani (KNA)
Papst Benedikt erklärt seinen Rücktritt / © Osservatore Romano/Romano Siciliani ( KNA )

Am 11. Februar 2013 hatte Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt. Erzbischof Georg Gänswein erklärte im Interview mit der "Schwäbischen Zeitung", dass Benedikt diesen Tag bewusst gewählt habe. An diesem Tag werde in Rom an die Lateranverträge aus dem Jahre 1929 erinnert. 

Die Lateranverträge beendeten den langen Konflikt zwischen dem Papsttum und dem jungen italienischen Staat – und begründeten den Staat der Vatikanstadt als kleinstes Land der Welt. Der von Benedikt XVI. angekündigte Rücktritt wurde am 28. Februar 2013 wirksam, es war der erste eines Papstes seit dem Mittelalter.

Die wichtigsten Leitlinien des Denkens von Joseph Ratzinger

Benedikt XVI. war der erste Papst der Neuzeit, der freiwillig sein Amt abgab. Dabei berief er sich auf sein Gewissen - obwohl er dieser Instanz stets misstraute und theologisch ganz andere Schwerpunkte setzte. Wie wohl kein Papst vor ihm ist Benedikt XVI. auch auf dem Stuhl Petri ein Theologe geblieben.

Bereits als junger Wissenschaftler gehörte er zu den führenden deutschen Dogmatik-Professoren, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) prägten. Später entfremdete er sich immer mehr von seinen Kollegen.

Papst em. Benedikt XVI. am Schreibtisch / © Osservatore Romano/Romano Siciliani (KNA)
Papst em. Benedikt XVI. am Schreibtisch / © Osservatore Romano/Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
KNA