Staubexperte wagt einen besonderen Blick zu Aschermittwoch

"Bedenke, Mensch, dass du Staub bist"

"Denn Staub bist du und zu Staub musst du werden", so steht es im Alten Testament. Am Aschermittwoch wird Christen ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Doch was ist Staub? Jens Soentgen hat ein Buch darüber geschrieben.

Autor/in:
Johannes Schröer
Gottesdienstbesucher mit Aschekreuz
 / © Harald Oppitz (KNA)
Gottesdienstbesucher mit Aschekreuz / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Stimmt es, dass Sie im letzten Jahr an Karneval als Staubfluse gegangen sind? 

Prof. Jens Soentgen (Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt an der Universität Augsburg und Autor des Buches "Staub / Alles über fast nichts"): Augsburg ist ja für Karnevalisten eine Diaspora, aber es wird auch Karneval gefeiert. Auf einer Privatparty bin ich tatsächlich als Staubfluse gegangen. Ich hatte einen Filzumhang und habe dann mit Baumwolle alle möglichen riesigen Zotteln dran gemacht. Und so ging ich ganz fröhlich als Staubfluse.

Jens Soentgen / © Martin Hangen (dtv Verlag)

DOMRADIO.DE: Was ist denn eigentlich Staub?

Soentgen: Da kann ich den Heiligen Isidor von Sevilla zitieren, dass der Staub all das ist, was durch die Kraft des Windes hochgehoben werden kann und dann auch eine Weile lang in der Luft schwebt. Und so erleben wir es ja auch. Es kann zwar auch ein Ast von dem Wind hochgehoben werden, aber der bleibt nicht so lange in der Luft.

Den Staub zeichnet auch aus, dass er eine ganz schön lange Verweildauer haben kann. Also manchmal bis hin zu Wochen, wenn es ganz feine Partikelchen sind. Das macht ihn aus, dass diese Partikelchen schweben und fliegen und irgendwie mit der Luft und dem Wind im Bunde sind.

DOMRADIO.DE: “Denn Staub bist du und zu Staub musst du werden”, heißt es am Aschermittwoch. Was ist denn dran an diesem Bibelzitat? Werden wir alle zu Staub werden?

Soentgen: Das ist unsere christliche Tradition. Schon in der jüdischen Tradition ist der Staub in erster Linie etwas Negatives, was an die Vergänglichkeit erinnert, dann vor allem gesteigert in der Gestalt der Asche. 

Aber der Staub ist nicht nur negativ. In der Natur hat der Staub auch vielfach sein Gutes. Wenn Sie zum Beispiel an die Pflanzen denken, die sich über den Staub, über die Pollen vermehren, da hat der Staub eine positive Funktion.

DOMRADIO.DE: Für den Philosophen Leibniz war Staub eine Zustandsveränderung, bei der nichts verloren geht. So geht dann ja auch nichts verloren, wenn wir zu Staub werden?

Soentgen: Leibniz war bekanntlich ein großer Optimist. Er war auch ein Zeuge der ersten Mikroskop-Entdeckungen. Daraus hat er geschlossen, dass in den sichtbaren Welten dann noch wieder andere Welten zu finden sind, die kleiner und verborgen sind. Seiner Meinung nach stehen diese kleineren Welten unserer sichtbaren Welt an Schönheit in nichts nach, und im Tode werden wir, so dachte Leibniz, den Übergang in diese kleinen Welten vollziehen. 

Das ist natürlich eine erhebende Perspektive auf den Tod. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Es geht natürlich schon etwas Großes verloren, wenn man sich in diese ganz kleinen Welten verwandelt.

DOMRADIO.DE: Ist denn überhaupt Asche auch Staub?

Soentgen: Asche ist Staub, der übrig bleibt, wenn etwas verbrennt. Das ist dann die totale Zerstörung. Das lässt sich durch keine Macht der Welt – im Grunde nur durch übermenschliche, übernatürliche Mächte – wiederherstellen, so wie es vorher war.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt denn Staub sonst in der Bibel?

Symbolbild Asche für das Aschekreuz / © Harald Oppitz (KNA)
Symbolbild Asche für das Aschekreuz / © Harald Oppitz ( KNA )

Soentgen: Im Alten Testament, bei dem Prediger Salomo, ist der Staub ein Vanitas-Symbol. Der Staub steht da für alles, was vergänglich ist. Und im Neuen Testament heißt es in der Apostelgeschichte, man soll den Staub von den Füßen schütteln, wenn man irgendwo nicht freundlich aufgenommen wird. Da ist Staub in erster Linie etwas Negatives. Das kann man auch verstehen, wenn man sich die Lebenswelt in Jerusalem und Umgebung anschaut. Das ist eine sehr trockene, wasserarme Zone, wo der Staub durchaus etwas Negatives ist. 

Aber er kann auch etwas sehr Fruchtbares sein. Aus dem Staub wird auch das Getreide gemacht. Gerade im Rheinland gibt es ja diese Staubböden, also die Lössböden, auf denen Getreide besonders gut wächst. Der Staub hat durchaus auch seine positiven Kräfte, die das Leben fördern. Er hat seine kreativen Potenziale.

DOMRADIO.DE: Sie haben schon Blütenstaub zitiert, dann gibt es noch den Sternenstaub. Der Staub ist also viel besser als sein biblischer Ruf?

Soentgen: Ich glaube, dass er in der Bibel zu schlecht wegkommt, als ein recht einseitiges Symbol. Er ist natürlich etwas, was mit der Erde, mit unserem Erdendasein sehr eng zusammenhängt. Er ist in erster Linie etwas ganz Positives. Wenn man sich tiefer mit ihm einlässt, wie ich es nun über viele Jahre getan habe, dann lernt man den Staub auch lieben. Der Sternenstaub, der kosmische Staub, ist ein gutes Beispiel für einen doch sehr positiven, interessanten Staub, durch den man auch sehr viele Informationen über die Zustände des Weltalls bekommt. Deswegen wird er ja auch von den Astrophysikern gesammelt.

DOMRADIO.DE: Es ist auch toll, wenn man sieht, wie sich das Licht durch den Staub bricht und ganz vielfältig und bunt wird.

Soentgen: Das kennen viele bei Nebel und anderen atmosphärischen Zuständen. Da ist natürlich auch Staub in der Luft, also feine Partikelchen. Und dann haben wir diese sehr schönen atmosphärischen Erscheinungen beim Morgen- und Abendrot. Das würde alles entfallen, wenn die Atmosphäre blitzeblank sauber wäre und überhaupt keinen Staub enthielte. Dann würden wir doch in einer etwas trübsinnigen Welt leben. Insofern möchte ich eine Lanze für den Staub brechen.

DOMRADIO.DE: Im kleinsten Staubkorn spiegelt sich das Größte. Kann man das so sagen?

Soentgen: Im kleinsten Staubkorn spiegelt sich auch eine größere Welt, das kann man auf jeden Fall so sagen.

DOMRADIO.DE: Für viele ist es aber eine eher unangenehme Vorstellung, dass wir jede Minute ungezählte Staubpartikel einatmen.

Soentgen: Das ist die gesundheitliche Seite des Staubes. Es kommt natürlich auf den Staub an. Also, wenn Sie jetzt Salzpartikel an der Küste einatmen, kann das sehr wohltuend sein. Deswegen sind ja auch viele, die Lungenprobleme haben, in diese Gegenden unterwegs. Aber wenn das feine Splitterchen sind, die dann tief in die Lunge kommen, wie im Bergbau und anderswo, dann ist der Staub natürlich ein Gesundheitsrisiko.

DOMRADIO.DE: Denn Mikroplastik ist ja auch Staub – und ein Umweltgift.

Soentgen: Mikroplastik ist ein neueres Reich des Staubes. Das Staubreich ist unendlich groß und das ist etwas, was sich auch in unseren Wohnungen immer mehr anreichert, weil unsere Kleidung zunehmend aus Plastikfasern besteht. Nicht mehr aus Wolle, nicht mehr aus Leinen, sondern zunehmend aus synthetischen Fasern. Entsprechend besteht dann auch der Staub, der sich bei uns in der Ecke als Wollmaus mästet, mindestens zur Hälfte aus solchen Synthetikfasern.

Inwieweit das jetzt für uns beim Einatmen ungesünder ist, ist eine noch offene Frage. Das wird noch erforscht.

DOMRADIO.DE: Und am Ende bleibt eigentlich nur der Staub übrig. Auch wenn der Mensch verschwunden ist, der Staub bleibt. Kann uns diese Erkenntnis nicht ein bisschen demütiger machen?

Unterschiedliche Insekten sind für die Bestäubung wichtig / © Katho Menden (shutterstock)
Unterschiedliche Insekten sind für die Bestäubung wichtig / © Katho Menden ( shutterstock )

Soentgen: Der Staub wird uns jedenfalls alle überleben. Der Staubs ist nicht mehr kaputtzukriegen. Durch seine Kleinheit kommt er überall hin. Seine Wege lassen sich im Grunde auch nicht so richtig verfolgen. Also man bekommt ihn nie ganz weg, und so wird er uns alle überleben. Der Staub hat eine sehr gute Prognose.

DOMRADIO.DE: Der Staub ist eine fantastische Metapher, mit der man vieles über das Leben und Vergehen ausdrücken kann.

Soentgen: Ja, das ist eine vielsagende Metapher, die man auch poetisch immer mal wieder in der Literatur als Spiegelbild findet – in vielen Gedichten zum Beispiel. Er steht auch für die Komplexität der Welt, in der wir leben, die sich im Staub widerspiegelt. 

Wenn ich ihn als Person charakterisieren müsste, dann würde ich sagen, der Staub ist ein Nomade, er ist ein Anarchist, weil er im Grunde die ganzen Regeln unserer üblichen Welt ein bisschen auf den Kopf stellt und macht, was er will. Er ist sozusagen der Fehler im System.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Quelle:
DR

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