Für viele sind sie ein rätselhaftes Phänomen: Stigmatisierte – also Menschen, die die Wundmale Christi tragen. Regelmäßig bluten sie an Händen, Füßen und auch im Brustbereich. Franz von Assisi war der erste; 100 von ihnen wurden allein im 20. Jahrhundert verzeichnet. Therese Neumann, genannt "Resl von Konnersreuth", war die wohl umstrittenste von ihnen. Vor 100 Jahren, am 5. März 1926, begannen bei ihr die Stigmatisierungen.
Betroffene nehmen zunächst kleine, rötliche Hautveränderungen wahr – an Händen, Füßen und im oberen Brustbereich, also dort, wo Jesus laut Bibel bei der Kreuzigung verletzt wurde. Diese eckigen Male beginnen von Zeit zu Zeit zu bluten, häufig freitags – dem Tag der Kreuzigung – und in der Karwoche.
Zuvor spüren Betroffene nach eigenem Bekunden ein Kribbeln. Bei manchen tauchen auch Schrammen am Kopf auf; aus ihnen tritt das Blut heraus wie einst beim Träger der Dornenkrone. Häufig bleiben die Male sehr lange offen, ohne sich jemals zu entzünden. Medizinisch lassen sie sich nicht behandeln.
Beweise und Gegenbeweise
Bei der Oberpfälzer Bauernmagd traten die Wundmale Christi regelmäßig auf; in Ekstase durchlebte sie dann das Leiden Christi. In Visionen soll sie Aramäisch gesprochen haben, also die Muttersprache Jesu. Als die wundersamen Vorkommnisse ab 1926 regelmäßig auftraten, setzte eine internationale Wallfahrtsbewegung nach Konnersreuth ein. Ärzte, Theologen und Journalisten nahmen sich der Prüfung der Echtheit an, führten Beweise und Gegenbeweise an.
War "Resl" eine gottbegnadete Mystikerin – oder eher eine fromme Betrügerin? Die Kontroverse füllt ein Bücherregal. Kritiker vermuten, dass sich Stigmatisierte die Wunden selber zufügen – doch Ärzte widersprechen dieser Meinung. Echte Male bluteten nicht so heftig und seien leicht von selbst beigebrachten Verletzungen zu unterscheiden.
Ausdruck tiefer Religiosität
Unbestritten ist, dass Stigmatisierungen als Ausdruck tiefer Religiosität verstanden werden. Die Betroffenen identifizierten sich besonders stark mit dem Leiden Christi. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind es fast immer Menschen mit einer starken Vorstellungskraft, sehr sensibel und nervlich wenig belastbar. Psychologen verweisen darauf, dass die Seele in der Lage sei, unbewusst körperliche Veränderungen hervorzurufen – ein Ersatzmechanismus für tief verdrängte Wünsche, etwa die Aufmerksamkeit und Nähe anderer Menschen. So wird die Haut zum Spiegel der Seele.
Für den Jesuiten und Psychiater Eckhard Frick sind Thereses Stigmatisierungen "ein psychosomatischer Ausdruck einer Leidensmystik", wie er auch bei Franz von Assisi vorgekommen sei. Bei Therese habe das Auftreten der Wundmale jeweils in Verbindung mit Festtagen wie dem Karfreitag gestanden, aber auch mit biografischen Faktoren wie dem Brand eines Stadels in der Nachbarschaft und der Heimkehr ihres Vaters aus dem Krieg. Zugleich sei die Frau "eine ganz handfeste Person mit gesundem Menschenverstand und Humor" gewesen, so der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Menschen zum Glauben führen
"Resl von Konnersreuth" soll jahrzehntelang ohne Wasser ausgekommen sein und nur vom Empfang der täglichen Kommunion gelebt haben. Frick deutet diese wundersamen Begebenheiten nicht als unerklärlich, sondern als etwas, "das den Glauben trägt und stützt". Die Vorstellung, dass Gott außerhalb der Naturgesetze wirke, sei überholt. "Wir sind ständig in einer von Ausnahmen durchzogenen Natur." Diese führten allerdings niemanden zum Glauben.
"Das tut das Zeugnis eines authentischen Lebens. Therese von Konnersreuth hatte offenbar eine große Ausstrahlung", stellt der Psychoanalytiker fest. "Leute sind scharenweise zu ihr gepilgert, die Nazis hatten große Angst vor ihr." Ein Wunder ist für Frick dieses "mystische Einswerden mit dem Leiden Christi, wenn es Menschen zu mehr Glauben führt".
Inspiration für Widerstand gegen die Nazis
Bei "Resl von Konnersreuth" war das der Fall – immer mehr Menschen hörten von den wundersamen Ereignissen und besuchten sie. Und obwohl sie nur über eine einfache Volksschulbildung verfügte, versammelte die Magd Ende der 1920er Jahre einen Intellektuellenzirkel um sich und inspirierte ihn zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten.
Einer von ihnen, der Münchner Publizist Fritz Gerlich, war 1927 eigentlich nach Konnersreuth gefahren, um den "Schwindel" dort aufzudecken. Doch unter dem Eindruck der Begegnung mit Therese Neumann verwandelte er sich zu einem ihrer glühendsten Verteidiger und konvertierte zum katholischen Glauben. Mehr noch: Wichtige Lebensentscheidungen traf er seither nicht mehr, ohne die "Resl" zu befragen, wobei er in Antworten die Stimme Gottes zu vernehmen glaubte.
Personenkult und Kommerzialisierung
Auch wenn viele Träger von Wundmalen heiliggesprochen sind – die katholische Kirche bewertet Stigmata inzwischen mit Vorsicht. Auch weil – wie bei Pater Pio – ein Personenkult und Kommerzialisierung damit einhergehen können. Viel wichtiger sei das religiöse Vorbild. Das unterstreicht auch Psychologe Frick: "Kriterium muss doch sein, was zu Glaube, Hoffnung und Liebe führt – und nicht, was irgendwelche Ärztebüros für unerklärlich halten."