DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie die humanitäre Situation in Afghanistan?
Henrike Bittermann (Afghanistan Referentin bei Caritas international): Die humanitäre Situation in Afghanistan ist weiterhin extrem schwierig. Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die medizinische Versorgung ist nicht ausreichend ausgebaut. Wir sind zum Beispiel im Bereich Mutter-Kind-Gesundheit tätig. Es gibt kaum noch Möglichkeiten, Mütter und Kinder direkt in ihren Wohnungen zu erreichen, und die Wege zu medizinischer Versorgung sind oft weit.
DOMRADIO.DE: Wie geht es besonders den Frauen und Mädchen? Wie schränken die Taliban ihre Rechte ein?
Bittermann: Frauen in Afghanistan haben kaum noch Rechte, die sie aktiv nutzen können. Zuletzt war in der Presse zu lesen, dass ihnen sogar das Wort verboten wurde. Auf den Straßen in Kabul sieht die Situation teilweise anders aus. Man kann Frauen sehen, die sich bewegen, auch ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds, auch wenn das eigentlich Vorschrift ist. In manchen Provinzen wird das strikter oder weniger strikt durchgesetzt.
Generell ist die Lage der Frauen extrem hart. Jede Bewegung und jedes Wort, das in die falsche Richtung gehen könnte, kann schlimme Folgen haben.
DOMRADIO.DE: Welche Projekte betreut Caritas international mit ihren Partnerorganisationen?
Bittermann: Wir haben Projekte im Bereich der humanitären Hilfe und versorgen Menschen mit Nahrungsmitteln. Wir sind auch in der Erdbebenhilfe tätig. Im vergangenen August und November gab es starke Erdbeben, bei denen wir Menschen mit Nahrungsmitteln und Unterkünften unterstützt haben.
Ein weiteres großes Feld ist die medizinische Hilfe. Dazu gehören Rehabilitationsmaßnahmen wie Prothesenversorgung, die Arbeit mit Menschen mit körperlichen Behinderungen, Mutter-Kind-Gesundheit, allgemeine medizinische Unterstützung und psychologische Beratung.
DOMRADIO.DE: Können Sie unter den Einschränkungen der Taliban frei arbeiten?
Bittermann: Wir haben klare Arbeitsprämissen. Zum einen arbeiten wir nur, wenn wir Frauen erreichen können und sie auch Mitarbeitende sein können. Zum anderen versuchen wir, so fern wie möglich von den Taliban zu arbeiten. Wir benötigen aber Arbeitsgenehmigungen.
DOMRADIO.DE: Wie schätzen Sie die Situation der Afghanen ein, die eine Aufnahmezusage der Bundesregierung haben?
Bittermann: Diese Menschen sind weiterhin bedroht. Die Taliban haben deutlich gemacht, dass sie diese Menschen beobachten. Wir hatten das Glück, unsere Ortskräfte zu Beginn der erneuten Taliban-Herrschaft aus dem Land zu bringen. Alle, die nach Deutschland kommen wollten, konnten das tun. Die Aufnahmezusagen für viele Menschen, die derzeit in Pakistan warten oder teilweise schon wieder nach Afghanistan zurückgeschoben wurden, sollten auf jeden Fall eingehalten werden, um diese Menschen zu schützen.
DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie in die Zukunft? Was braucht Afghanistan?
Bittermann: Es ist wichtig, dass Afghanistan nicht aus dem Fokus gerät. Von außen muss weiterhin auf das Land geschaut werden. Wir müssen sehen, was passiert, Missstände benennen und ansprechen. Für mich ist es besonders, zu sehen, wie meine Kollegen jeden Tag für die Menschen kämpfen. Wenn Frauen jeden Tag Gefahren auf sich nehmen, um zur Arbeit zu gehen und zu zeigen "Wir sind noch hier", dann ist das für mich der Grund, diese Arbeit weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Das Interview führte Johannes Schröer.