Nach dem offiziellen Abschluss des Synodalen Wegs lohnt es sich laut dem Fuldaer Bischof Michael Gerber, den begonnenen Weg weiterzugehen.
Die Kirche sei dort Salz der Erde, "wo sie selbstkritisch und zugleich selbstbewusst durch konkrete Initiativen mitwirkt an einer Kultur, die von der Achtung der Würde des Menschen und damit von Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Respekt durchdrungen ist", schrieb er am Dienstag in einem Gastbeitrag im Kölner Stadt-Anzeiger. Einen solchen Ansatz bilde seiner Meinung nach der Reformprozess Synodaler Weg.
Gerber betont, der Synodale Weg habe auf zentrale gesellschaftliche Herausforderungen reagiert. Dazu zähle angesichts aktueller Versuche von Russland und den USA, die eigene Geschichte umzuschreiben, ein bewusster Umgang mit der eigenen Geschichte.
Die katholische Kirche in Deutschland stehe weiter vor der Aufgabe, sich der eigenen Geschichte zu stellen, sich mit sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen und diese aufzuarbeiten: "Ignorieren, Relativieren und Umdeuten bis hin zur sogenannten Täter-Opfer-Umkehr waren über sehr lange Zeit klassische Reaktionen – leider auch im Raum der Kirche."
Die Bibel lehre anderes: Hier gebe es einen durchweg kritischen Umgang mit den Amtsträgern der eigenen Religionsgemeinschaft und kein Bestreben, sich selbst als Maß aller Dinge zu präsentieren. Und auch die deutsche Geschichte lehre, wie entscheidend der kritische Blick auf das Geschehen sei. Der Synodale Weg habe die "gefährliche Erinnerung" an die kirchliche Schuld-Geschichte gewagt. Diese sei hoffentlich heilsam für unmittelbar Betroffene, aber auch für alle Entscheidungsträger in Verantwortung für zukünftige Entwicklungen.
Begegnungen ermöglichen
Das Forschen nach den systemischen Ursachen von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch, das der Synodale Weg übernommen habe, sieht Gerber als notwendigen Verdienst des Reformprojekts, aber auch als Auftrag: "Wo ist heute ein geschärfter Blick auf mögliche systemische Faktoren gefordert – angesichts bedenklicher gesellschaftlicher und insbesondere politischer Entwicklungen in unserem Land? Hier müssen die Kirchen ihre Stimme erheben."
Strategien der Empathielosigkeit sieht Gerber weltweit auf dem Vormarsch. Damit stattdessen Empathie als Haltung wachsen könne, braucht es Erfahrungsfelder. Einen solchen Raum habe der Synodale Weg geboten. In vielen Gesprächen am Rande, mit Betroffenen sexualisierter Gewalt oder queeren Menschen, habe Verständnis füreinander wachsen können.
"Wo durchaus kontroverse Themenfelder mit konkreten Gesichtern und Biografien verbunden werden, kann dies der Anlass sein, eigene Haltungen und Einstellungen kritisch zu hinterfragen", schreibt der Bischof von Fulda. Er sieht die Kirche gefordert, angesichts von Polarisierungen solche Orte der Begegnung zu etablieren.