"Ein seltenes und besonderes Ereignis", das man – wenn überhaupt – meist nur einmal erlebe, wie Pfarrer Lambert Schäfer erklärte, feierte am Wochenende die Gemeinde St. Clemens in Wipperfürth-Wipperfeld: nämlich die Weihe ihres Altares. Und das mit 50-jähriger Verspätung. Erzbischof Kardinal Woelki war aus Köln ins Bergische gekommen, um ein Versäumnis nachzuholen, das fünf Jahrzehnte zurückliegt, aber erst jetzt bekannt geworden war.
Im Zuge der dreijährigen Sanierung der Kirche hatte sich herausgestellt, dass der Altar aus den 70er Jahren nie geweiht worden war. Eine Recherche im Wipperfürther Pfarrarchiv, aber auch eine offizielle Anfrage ans Erzbistum, bestätigten schließlich den Verdacht, zumal keinerlei Hinweise auf eine offizielle Beurkundung dieses Weiheaktes gefunden werden konnten.
Schäfer, seit über acht Jahren leitender Pfarrer in Wipperfürth und verantwortlich für insgesamt 9.400 Seelen in zehn Kirchen, kann nur mutmaßen, "dass es schlicht vergessen worden sei", als dieser Altar damals gemäß den geänderten Vorschriften des Zweiten Vatikanischen Konzils als Volksaltar errichtet worden war. Gleichzeitig beschwichtigt der Seelsorger: "Menschen machen Fehler", und fügt hinzu: "Ecclesia supplet."
Damit benennt er einen Grundsatz des Kirchenrechts, der bedeutet, dass nach kirchlichem Verständnis eine Handlung im Namen der Kirche trotz fehlender Jurisdiktion unter bestimmten Umständen dennoch Gültigkeit erlangen kann, weil die Kirche als Ganzes das ergänzt, woran es dem Handelnden mangelt. Mit anderen Worten: Ein nicht geweihter Altar ist in der katholischen Kirche gültig benutzbar, aber nicht ideal.
Also selbst wenn der Altar nicht geweiht ist, kann dort trotzdem eine gültige Messe gefeiert werden. Schließlich gibt es genügend Beispiele für provisorische Altäre zum Beispiel bei Jugendlagern oder vergleichbaren Anlässen. Die Weihe aber mache grundsätzlich sichtbar, so ist per Definition nachzulesen, dass der Altar nicht einfach ein Tisch ist, sondern ein heiliger Ort des Opfers und der Begegnung mit Christus.
Ein "Dorf voller Leben"
Eine Altarweihe ist ein feierlicher, liturgischer Akt, bei dem der Altar dauerhaft Gott gewidmet wird. Mehr noch: Christus selbst ist der eigentliche Altar. Das erläuterte anschaulich auch Erzbischof Kardinal Woelki, der die Einladung von Pfarrer Schäfer ins Bergische Land ohne Zögern angenommen hatte und mit allen "ausdeutenden Riten und Zeichen" die Altarweihe vornahm, um die kirchliche Ordnung wieder herzustellen und den Fehler von damals zu korrigieren.
Schäfer dankte dem Gast aus Köln, dass dieser den Termin trotz vieler, auch weltkirchlicher, Verpflichtungen möglich gemacht hätte und in dieses kleine Dorf – "aber ein Dorf voller Leben", wie Schäfer mit Nachdruck betonte – eigens gekommen sei, um diesen Weiheakt nun nachzuholen. Und auch Woelki seinerseits würdigte das neue Erscheinungsbild dieser in frischem Glanz erstrahlenden Kirche auf dem Berg und freute sich sichtlich, zu diesem außergewöhnlichen Anlass von den Wipperfeldern willkommen geheißen zu sein.
Diese hatten wahrlich an diesem Festtag alle Register gezogen. "Das volle Programm, zu einem einzigartigen Erlebnis", schwärmt Gemeindemitglied Peter Wasserfuhr, der in Wipperfeld aufgewachsen ist, und meint damit das große Aufgebot an Mitgliedern der St. Sebastianus Schützenbruderschaft, die Wipperfelder Schützenkapelle, die den Gottesdienst gemeinsam mit dem Kirchenchor musikalisch gestaltete, aber auch die vielen Messdiener, das feierliche Glockengeläut und die im Wind wehenden Banner und Fahnen. "So etwas erlebt man nicht alle Tage", findet der 63-Jährige, für den es die erste Altarweihe seines Lebens ist.
Die Sache mit dem Altar sei eine große Überraschung gewesen, lacht er, und dass der Kölner Erzbischof aus diesem Grund den Weg nach Wipperfeld gefunden habe, findet er persönlich "sehr bewegend". "Danke, dass Sie gekommen sind", ruft er ihm denn auch herzlich entgegen, als dieser zunächst auf dem Kirchplatz und später beim anschließenden Empfang im Pfarrheim die Begegnung mit der Gemeinde sucht und viel Zeit für Austausch und Gespräche mitgebracht hat.
Die Stimmung ist heiter und gelöst. Pfarrer Schäfer bringt den Ehrengast mit der Bürgermeisterin in Kontakt, aber auch mit der Architektin Alexandra Flosbach, die für ihre Arbeit an dem Gotteshaus viel Lob erntet. Schäfer hat zu den Menschen in seinem Sprengel einen guten Draht und ist leutselig. Das macht es auch dem Kardinal leicht. Es wird viel gescherzt.
Hier freut man sich, wenn Kirche mal was los macht und die Menschen zusammenbringt. Strukturdebatten stehen nicht im Vordergrund. Auf dem Dorf mahlen die Mühlen anders. Und überhaupt: Noch ist die Pastorale Einheit in weiter Ferne. Trotzdem übt man sich in kleinen Schritten, schon mal ein und schimpft weniger über das, was woanders als überwiegend defizitär oder gar Bedrohung wahrgenommen wird. In Wipperfeld scheint die Welt noch in Ordnung.
Altarweihe trägt zu Zusammengehörigkeitsgefühl bei
Das bestätigt auch Wasserfuhr. Er lobt den großen Zusammenhalt der Ortsvereine, in dem das Kirchdorf offiziell bezeichnet wird, und macht sich ebenfalls nicht bang vor der künftigen Zusammenlegung der umliegenden Gemeinden und Seelsorgebereiche zur Pastoralen Einheit Oberberg Nord im Jahr 2030 mit dann 32.000 Katholiken. "Wir tun alles dafür, dass das gelingt", unterstreicht er. Dabei helfe, dass jeder eine überschaubare Aufgabe übernehme.
So organisiere er zum Beispiel gerade die Jubelkommunion, die für Pfingsten geplant sei. Auch ein solches Fest der Altarweihe mit dem Kardinal, das er wie eine Art Einweihung des rundum erneuerten Gotteshauses nach einer langen Sanierungsphase betrachte und zu dem schließlich alle zusammenkämen, würde zum Zusammengehörigkeitsgefühl beitragen, meint er. Ja, die Titulierung "Ein Dorf voller Leben" würde das Selbstverständnis von Wipperfeld genau auf den Punkt bringen.
Die Bedeutung einer lebendigen Gemeinde hatte zuvor auch Kardinal Woelki in seiner Predigt angesprochen, als er den Altar als Herzstück der Kirche ins Zentrum seiner Ausführungen stellte. Er betonte: "Der Altar ist das Sinnbild für Christus in unserer Mitte. Er führt uns zusammen, zur Gemeinschaft des Glaubens, in die jeder durch die Sakramente Taufe, Kommunion und Firmung eingegliedert ist, somit Anteil an der göttlichen Natur hat und zum Tempel des Heiligen Geistes geworden ist."
Und was an Heiligung am Tag der Taufe geschehen sei, werde heute auch an diesem Altar vollzogen. Er werde mit Weihwasser besprengt, abgewaschen und mit Chrisam gesalbt, erklärt Woelki. "Wir taufen ihn und entziehen ihn damit jeder Profanität." Da er für Christus stehe, müsse ihm auch in Ehrfurcht begegnet werden, was der Priester mit dem Kuss – dem Bruderkuss für Christus zur Begrüßung und zum Abschied – zum Ausdruck bringe. "Er küsst nicht toten Stein, er küsst den Herrn selbst."
Woelki fährt fort: "Auf dem Altar sammeln wir die Gaben von Brot und Wein, empfangen von Christus selbst aber seinen Leib und sein Blut als Stärkung für unseren Lebensweg. Die Wandlung von Brot und Wein soll auch uns verwandeln." Weiter erklärt der Erzbischof: "Jesus Christus will in uns sein, will mit uns leben, will durch uns in der Welt handeln und gegenwärtig sein. Nun dürfen wir ihn als seine Boten in der Welt präsent machen." Mit dem vom Altar aufsteigenden Weihrauch werde augenscheinlich, "wie Christus in seiner Liebe für uns brennt, unser Herz erwärmen will".
Jede Feier an diesem Altar sei Ausdruck der Hingabe an Gott. Woelki mahnt aber auch: "Es ist an uns, ihn gegenwärtig zu machen." Das bedeute, die Messe nicht nur zu feiern, sondern sie zu leben. Denn der Altar werde zum Ort der Gegenwart Gottes, mitten unter den Menschen. Abschließend wünscht er der Gemeinde, sich stets um den Altar zu versammeln, um sich gemeinsam an Jesus Christus zu erinnern, sich als seine Kirche aufbauen zu lassen und von hier Trost und Leben zu erfahren. Ausdrücklich dankt er allen, die zur Mitfeier gekommen sind und damit zeigen, "dass hier der Glaube an die Gegenwart Gottes lebendig ist, sie dem Evangelium lebendigen Ausdruck verleihen und als Zeugen Jesu Christi im Alltag leben".
Redaktioneller Hinweis: Der Artikel wurde am 4. Februar um 10 Uhr aktualisiert.