Heidi Küster ließ das Thema schon länger keine Ruhe. Irgendwie beschlich sie seit geraumer Zeit das Gefühl, dass mit dem Altar irgendetwas nicht stimmen konnte. Nach Abschluss der dreijährigen Renovierungsarbeiten der Pfarrkirche St. Clemens im vergangenen November stellt die langjährige Küsterin, die zugleich auch die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates am Ort ist, dann in der Tat fest, dass in die Mitte des Altares aus den 70er Jahren – damals entsprechend den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils als Volksaltar zusätzlich zum Hochaltar errichtet – überhaupt keine Reliquien, wie sonst üblich bei Altarweihen, eingelassen worden waren.
Erst sucht sie im eigenen Pfarrarchiv nach einem belastbaren Beweis, dass sie sich irrt. Doch ihre Nachforschungen ergeben keinerlei Nachweis über eine amtliche Beurkundung. Auch fragen kann sie niemanden mehr. Die meisten Zeitzeugen von damals sind bereits verstorben, andere können sich an einen festlichen Weiheakt nicht erinnern.
Es existiert rein gar nichts, was Licht in dieses dunkle Kapitel bringen könnte. Heidi Küster schreibt nach Köln und stellt einen Antrag auf Prüfung. Aber auch dort: Ergebnis negativ. Vielmehr bestätigt sich der Verdacht: Der neue Altar ist – warum auch immer – nie konsekriert worden. Die bischöflichen Akten in der Verwaltung des Generalvikariates bescheinigen lediglich "keinerlei Hinweise auf eine vorgenommene Altarweihe".
Handlungen trotz fehlender Jurisdiktion gültig
Ein Versäumnis? Pfarrer Lambert Schäfer, seit über acht Jahren leitender Pfarrer in Wipperfürth und verantwortlich für insgesamt 9.400 Seelen in zehn Kirchen, kann nur mutmaßen, "dass es schlicht vergessen worden sei". Gleichzeitig beschwichtigt der Seelsorger: "Menschen machen Fehler", und fügt hinzu, "ecclesia supplet."
Womit er einen Grundsatz des Kirchenrechts benennt, der bedeutet, dass nach kirchlichem Verständnis eine Handlung im Namen der Kirche trotz fehlender Jurisdiktion unter bestimmten Umständen dennoch Gültigkeit erlangen kann, weil die Kirche als Ganzes das ergänzt, woran es dem Handelnden mangelt.
Mit anderen Worten: Ein nicht geweihter Altar ist in der katholischen Kirche gültig benutzbar, aber nicht ideal. Also selbst wenn der Altar nicht geweiht ist, kann dort trotzdem eine gültige Messe gefeiert werden. Schließlich gibt es genügend Bespiele für provisorische Altäre zum Beispiel bei Jugendlagern oder vergleichbaren Anlässen.
Die Weihe aber mache grundsätzlich sichtbar, so ist per definitionem nachzulesen, dass der Altar nicht einfach ein Tisch ist, sondern ein heiliger Ort des Opfers und der Begegnung mit Christus.
Ein "Dorf voller Leben"
Eine Altarweihe ist ein feierlicher liturgischer Akt, bei dem der Altar dauerhaft Gott gewidmet wird. Mehr noch: Christus selbst ist der eigentliche Altar. Das erläuterte jetzt anschaulich auch Erzbischof Kardinal Woelki, der den Fehler von damals korrigierte, die Einladung von Pfarrer Schäfer ins Bergische Land ohne Zögern angenommen hatte und mit allen "ausdeutenden Riten und Zeichen" die Altarweihe vornahm – mit 50-jähriger Verspätung.
In Zeiten, in denen Kirchen eher abgebaut würden, so Schäfer bei der Begrüßung in der in frischem Glanz erstrahlenden Kirche, "ein seltenes und besonderes Ereignis", das man – wenn überhaupt – meist nur einmal erlebe.
Umso dankbarer zeigte er sich angesichts des hohen Besuches aus Köln, der in dieses kleine Dorf – "aber ein Dorf voller Leben", wie Schäfer mit Nachdruck betonte – eigens gekommen sei, um diesen Akt nun nachzuholen. Auch Woelki seinerseits würdigte das neue Erscheinungsbild dieses schmucken Kleinods auf dem Berg und freute sich sichtlich, zu diesem außergewöhnlichen Anlass von den Wipperfeldern willkommen geheißen zu sein.
"So etwas erlebt man nicht alle Tage"
Diese hatten wahrlich an diesem Festtag alle Register gezogen. "Das volle Programm zu einem einzigartigen Erlebnis", schwärmt Gemeindemitglied Peter Wasserfuhr, der in Wipperfeld aufgewachsen ist.
Er meint damit das große Aufgebot an Mitgliedern der St. Sebastianus Schützenbruderschaft, die Wipperfelder Schützenkapelle, die den Gottesdienst musikalisch gestaltet, aber auch die vielen Messdiener, den Kirchenchor, das feierliche Glockengeläut und die im Wind wehenden Banner und Fahnen.
"So etwas erlebt man nicht alle Tage", findet der 63-Jährige, für den es die erste Altarweihe seines Lebens ist. Die Sache mit dem Altar sei eine große Überraschung gewesen, sagt er, und dass der Kölner Erzbischof aus diesem Grund den Weg nach Wipperfeld gefunden habe, findet er persönlich "sehr bewegend".
"Danke, dass Sie gekommen sind", ruft er ihm herzlich entgegen, als dieser zunächst auf dem Kirchplatz und später beim anschließenden Empfang im Pfarrheim die Begegnung mit der Gemeinde sucht und viel Zeit für Austausch und Gespräche mitgebracht hat.
Die Stimmung ist heiter und gelöst, der Pastor bringt den Ehrengast mit der Bürgermeisterin in Kontakt, aber auch mit der Architektin Alexandra Flosbach, die für ihre Arbeit an dem Gotteshaus viel Lob erntet. Schäfer hat zu den Menschen in seinem Sprengel einen guten Draht und ist leutselig. Das macht es auch dem Kardinal leicht. Es wird viel gescherzt.
Hier freut man sich, wenn Kirche mal was los macht, die Menschen zusammenbringt, alle an einem Strang ziehen. Strukturdebatten stehen nicht im Vordergrund. Auf dem Dorf mahlen die Mühlen anders. Und überhaupt: Noch ist die Pastorale Einheit in weiter Ferne. Trotzdem übt man sich in kleinen Schritten schon mal ein und schimpft weniger über das, was woanders als überwiegend defizitär wahrgenommen wird. In Wipperfeld scheint die Welt noch in Ordnung.
Altarweihe trägt zu Zusammengehörigkeitsgefühl bei
Das bestätigt auch Wasserfuhr. Er lobt den großen Zusammenhalt der Ortsvereine in dem Kirchdorf, als das Wipperfeld offiziell bezeichnet wird, und macht sich ebenfalls nicht bang vor der künftigen Zusammenlegung der umliegenden Gemeinden und Seelsorgebereiche zur Pastoralen Einheit Oberberg Nord im Jahr 2030 mit dann 32.000 Katholiken.
"Wir tun alles dafür, dass das gelingt", unterstreicht er. Dabei helfe, dass jeder eine überschaubare Aufgabe übernehme. So organisiere er zum Beispiel gerade die Jubelkommunion, die für Pfingsten geplant sei.
Auch ein solches Fest der Altarweihe mit dem Kardinal, das er wie eine Art Einweihung der rundum erneuerten Kirche nach einer langen Sanierungsphase betrachte und zu dem schließlich alle zusammenkämen, würde zum Zusammengehörigkeitsgefühl beitragen, meint er. Ja, die Titulierung "eines Dorfes voller Leben" würde das Selbstverständnis von Wipperfeld genau auf den Punkt bringen.
"Der Altar ist das Sinnbild für Christus in unserer Mitte"
Die Bedeutung einer lebendigen Gemeinde hatte zuvor auch Kardinal Woelki in seiner Predigt angesprochen, als er den Altar als Herzstück der Kirche ins Zentrum seiner Ausführungen stellte.
Er betont: "Der Altar ist das Sinnbild für Christus in unserer Mitte. Er führt uns zusammen zur Gemeinschaft des Glaubens, in die jeder durch die Sakramente Taufe, Kommunion und Firmung eingegliedert ist, somit Anteil an der göttlichen Natur hat und zum Tempel des Heiligen Geistes geworden ist."
Was an Heiligung am Tag der Taufe geschehen sei, werde heute auch an diesem Altar vollzogen. Er werde mit Weihwasser besprengt, abgewaschen und mit Chrisam gesalbt, erklärt Woelki. "Wir taufen ihn und entziehen ihn damit jeder Profanität." Da er für Christus stehe, müsse ihm auch in Ehrfurcht begegnet werden, was der Priester mit dem Kuss – dem Bruderkuss für Christus zu Begrüßung und zum Abschied – zum Ausdruck bringe. "Er küsst nicht toten Stein, er küsst den Herrn selbst."
Woelki fährt fort: "Auf dem Altar sammeln wir die Gaben von Brot und Wein, empfangen von Christus selbst aber seinen Leib und sein Blut als Stärkung für unseren Lebensweg. Die Wandlung von Brot und Wein soll auch uns verwandeln." Weiter erklärt der Erzbischof:
"Jesus Christus will in uns sein, will mit uns leben, will durch uns in der Welt handeln und gegenwärtig sein. Nun dürfen wir ihn als seine Boten in der Welt präsent machen." Mit dem vom Altar aufsteigenden Weihrauch werde augenscheinlich, "wie Christus in seiner Liebe für uns brennt, unser Herz erwärmen will".
Jede Feier an diesem Altar sei Ausdruck der Hingabe an Gott. Woelki mahnt aber auch: "Es ist an uns, ihn gegenwärtig machen." Das bedeute, die Messe nicht nur zu feiern, sondern sie zu leben. "Vom Altar her werden wir mit Gottes Leben beschenkt." Denn dieser werde zum Ort der Gegenwart Gottes in unserer Mitte.
Er wünscht der Gemeinde, sich immer um den Altar zu versammeln, um sich gemeinsam an Jesus Christus zu erinnern, sich als seine Kirche auferbauen zu lassen und von hier Trost und Leben zu erfahren. Abschließend dankt er allen, die zur Mitfeier gekommen sind und damit zeigen, "dass hier der Glaube an die Gegenwart Gottes lebendig ist, sie dem Evangelium lebendigen Ausdruck verleihen und als Zeugen Jesu Christi im Alltag leben".
"Ich bin einfach nur glücklich, dass dieser Altar jetzt geweiht ist"
Heidi Küster fällt nach dieser feierlichen Liturgie ein Stein vom Herzen. "Ich bin einfach nur glücklich, dass dieser Altar jetzt geweiht ist", strahlt sie. "Bei meinem ausgeprägten Sinn für Liturgie war der ungeweihte Altar für mich zuletzt wie eine Art Hindernis."
Nun habe endlich alles seine Ordnung und sie könne ruhigen Gewissens den Altar demnächst auch in die Erstkommunionvorbereitung einbeziehen. Denn die hauptamtliche Kirchenangestellte erteilt seit 20 Jahren auch ehrenamtlich den Kommunionunterricht in Wipperfeld.
Von nun an wird sie den Kindern zusätzlich erklären können, was es mit den Reliquien der Heiligen Ursula, die Kardinal Woelki in den Altar eingelassen hat und die von einem Maurer vor den Augen der Gemeinde versiegelt wurden, auf sich hat. Eine offizielle Urkunde dazu fürs Pfarrarchiv gibt es nun auch.