Theologe Remenyi weist Abgesänge auf die Theologie zurück

"Theologie kommt eine Wächterrolle zu"

Matthias Remenyi wurde beim katholisch-theologischen Fakultätentag am Wochenende in Fulda zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er erklärt, warum gerade jetzt eine kritische Theologie für Kirche und Gesellschaft unverzichtbar ist.

Autor/in:
Benedikt Heider
Symbolbild Studierende der Theologie in einem Hörsaal / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (KNA)
Symbolbild Studierende der Theologie in einem Hörsaal / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani ( KNA )

KNA: Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die wichtigsten hochschul- und kirchenpolitischen Debatten rund um die katholische Theologie?

Matthias Remenyi / © Claudia Mecker (KNA)
Matthias Remenyi / © Claudia Mecker ( KNA )

Matthias Remenyi (Würzburger Fundamentaltheologe): Was uns in allen Fakultäten, Instituten und Ausbildungseinrichtungen beschäftigt, sind die tiefgreifenden gesellschaftlichen und kirchlichen Transformationsprozesse, in die wir hineingestellt sind. Diese tangieren uns unmittelbar. 

Zum einen verändern sich die Studierendenzahlen. Es gibt positive Entwicklungen, aber insgesamt sind sie rückläufig - mit weitreichenden Folgen. Zum anderen verändern gesellschaftliche und mediale Entwicklungen die Bedingungen, unter denen Studierende heute an die Universität kommen.

Wichtige Stichworte sind hier unter anderem KI und Lesekompetenz. Das stellt neue Anforderungen an die Lehre. Auch die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein zentrales Thema. In vielem teilen wir diese Herausforderungen mit anderen geisteswissenschaftlichen Fächern.

Die Theologie steht jedoch zusätzlich vor spezifisch kirchlichen Herausforderungen: einer schwindenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Kirche als gesellschaftlichem Akteur, einer zunehmenden politischen Indienstnahme von Religion – Stichworte: Fundamentalismen, integralistische Strömungen – sowie einer mancherorts zu beobachtenden Deintellektualisierung und Eventisierung von Religion. In diesen Kontexten muss sich katholische Theologie heute zugleich akademisch, gesellschaftlich und kirchlich positionieren.

Matthias Remenyi

"Ich möchte dafür werben, diese Prozesse fair, transparent und offen zu gestalten und die Beteiligten wirklich mitzunehmen."

KNA: Wie wollen Sie sich vor diesem Hintergrund als Vorsitzender des Fakultätentags positionieren?

Remenyi: Der Fakultätentag vertritt die Interessen der katholisch-theologischen Fakultäten, Institute und Ausbildungseinrichtungen gegenüber Staat, Gesellschaft und Kirche. Meine Aufgabe sehe ich darin, in diesen laufenden Prozessen moderierend die Stimme zu erheben und uns als Katholisch-Theologischer Fakultätentag durch klare Wortmeldungen einzubringen.

Ich möchte dafür werben, diese Prozesse fair, transparent und offen zu gestalten und die Beteiligten wirklich mitzunehmen. Mein Anspruch ist es, ehrlicher Kommunikator und Vermittler zwischen unterschiedlichen Interessenlagen auch innerhalb unserer Mitgliedseinrichtungen zu sein - dabei aber kirchlich wie gesellschaftlich hörbar. Der Fakultätentag soll insgesamt für eine Theologie stehen, die kritisch ist, die gesellschaftlich sensibel argumentiert und die wissenschaftlich satisfaktionsfähig bleibt.

Rückblick auf die MHG-Studie

Die MHG-Studie war ein Forschungsprojekt, das die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat, um das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland zu ermitteln. Von 2014 bis 2018 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und des Bereichs Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Universität Gießen die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker untersucht.

MHG-Studie / © Harald Oppitz (KNA)
MHG-Studie / © Harald Oppitz ( KNA )

KNA: Was verstehen Sie unter kritischer Theologie?

Remenyi: Ich möchte ein konkretes Beispiel nennen, das mich auch ganz persönlich zutiefst bewegt: die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt, von spirituellem Missbrauch und Machtmissbrauch im Raum der Kirche. Seit der Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 beschäftigt mich intensiv, was das für meine Rolle als Professor und für mein theologisches Sprechen bedeutet.

Theologische Narrative haben zu einer sakralen Überhöhung klerikaler Täter beigetragen und damit Machtmissbrauch legitimiert. Eine kritische Theologie muss daher zweierlei leisten. Sie muss selbstkritisch prüfen, wo ihre eigenen Modelle, Theoreme und Sprachspiele anfällig für ideologische Indienstnahmen sind. Und sie muss sich mutig als kritische Stimme innerhalb der kirchlichen Öffentlichkeit äußern.

Gerade angesichts erkennbarer Demokratiedefizite in unseren kirchlichen Strukturen kommt der Theologie hier eine gewisse Wächterrolle zu. Zugleich beobachten wir einen Rollback, eine Müdigkeit gegenüber dem Thema Missbrauch. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass Studien instrumentalisiert werden, um unter Verweis auf Präventions- und Interventionsanstrengungen das Thema abzumoderieren und den Status quo zu stabilisieren. Das darf nicht geschehen, um der Betroffenen willen.

Matthias Remenyi

"Die Theologie ist leistungsfähig und forschungsstark."

KNA: Wie steht es jenseits dieser Debatte um die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Theologie?

Remenyi: Die Kolleginnen und Kollegen sind anerkannte wissenschaftliche Gesprächspartner, an ihren jeweiligen Universitäten akzeptiert und fest auch in standortübergreifende Forschungsverbünde eingebunden. Die Erfolge sind beachtlich. Ich greife willkürlich heraus: der Leibniz-Preis für Michael Seewald, das neue Leibniz-Institut in Münster zur religionsbezogenen Forschung oder die Langzeitförderung zur Auswertung der Briefe jüdischer Menschen an Papst Pius XII. durch Hubert Wolf.

Auch an meiner eigenen Universität wurde gerade ein interdisziplinäres Großprojekt unter Beteiligung der Theologie mit mehreren Millionen Euro Fördersumme bewilligt. Diese und viele andere Beispiele zeigen: Die Theologie ist leistungsfähig und forschungsstark. 

Wir brauchen uns, was unsere wissenschaftliche Leistungsfähigkeit angeht, vor den anderen geisteswissenschaftlichen Fächern nicht zu verstecken. Abgesänge auf die wissenschaftliche Relevanz der Theologie sind sachlich nicht haltbar und nicht selten interessengeleitet.

Matthias Remenyi

"Die wissenschaftliche Anerkennung eines Faches hängt nicht an seiner gesellschaftlichen Breitenwirkung."

KNA: Und wie steht es um die gesellschaftliche Relevanz der Theologie?

Remenyi: Die politische Indienstnahme von Religion macht die gesellschaftliche Relevanz der Theologie besonders deutlich - in den USA, in Ungarn, in Russland, aber auch bei uns. Rechtsautoritäre Kräfte versuchen, über katholische Identitätsmarker gesellschaftliche Akzeptanz zu gewinnen, etwa im Bereich des Lebensschutzes.

Hier ist Wachsamkeit geboten. Klassische Säkularisierungstheorien werden neu diskutiert, die Rede von der postsäkularen Gesellschaft gewinnt diagnostisch an Gewicht. Gerade deshalb ist wissenschaftliche Theologie eine so wichtige gesellschaftliche Stimme.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Universalität der christlichen Botschaft, ihres Menschenbildes und ihrer Heilshoffnung, ideologisch verengt wird. Die akademische Theologie muss fundamentalistische Vereinnahmungen kritisch analysieren. Zugleich gilt: 

Die wissenschaftliche Anerkennung eines Faches hängt nicht an seiner gesellschaftlichen Breitenwirkung. Entscheidend sind vielmehr Qualität und Validität der Forschungsleistungen.

KNA: Ist also alles gut oder muss sich die Theologie neu aufstellen?

Remenyi: "Gut" im Sinne von perfekt oder nicht mehr verbesserungswürdig ist es vor dem Eschaton nie. Wir stehen in schmerzhaften Umstrukturierungs- und Transformationsprozessen, das muss man in aller Offenheit und Klarheit so benennen. 

Zugleich entstehen neue Studiengänge und Bildungsangebote. Entscheidend ist, Bestehendes und Neues so zu verbinden, dass beides gemeinsam wachsen kann.

KNA: Sehen Sie Risiken?

Remenyi: Ja. Wir müssen auch weiterhin konsequent auf Qualitätsstandards achten. Gerade seelsorgliches Leitungspersonal braucht eine fundierte theologische Ausbildung. Verkürzte oder verschlankte Modelle werfen hier berechtigte Fragen auf.

KNA: Welche Bedeutung hat die Priesterausbildung für die Fakultäten?

Remenyi: Faktisch ist ihre Bedeutung zurückgegangen, da an unseren Fakultäten, bedingt durch den massiven Priestermangel beziehungsweise den Mangel an Interessenten, nur noch wenige Priesteramtskandidaten studieren. Der Fokus liegt stärker auf der Ausbildung von Seelsorgepersonal und Religionslehrkräften, was legitim ist.

Politisch bleibt die Priesterausbildung jedoch hoch relevant, da sie in den Konkordaten verankert ist. Diese sichern die Existenz katholisch-theologischer Fakultäten an staatlichen Universitäten – ein weltweit einzigartiges Modell. Das ist ein Schatz, den wir nicht leichtfertig aus der Hand geben dürfen. Deshalb müssen die Konkordate von Kirche und Staat gleichermaßen geachtet und geschützt werden.

Matthias Remenyi

"Trotz aller erfreulicher Initiativen und Neuaufbrüche, werden wir die Zahlen nicht beliebig steigern können."

KNA: Überhaupt sind Studierendenzahlen ein zentraler Maßstab hochschulpolitischer Entscheidungen. Was bedeutet das für kleine Fächer wie die Theologie?

Remenyi: Trotz aller erfreulicher Initiativen und Neuaufbrüche, werden wir die Zahlen nicht beliebig steigern können. Das sind gesamtgesellschaftliche Prozesse, die wir nicht steuern können, sondern denen wir uns ausgesetzt sehen. 

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen müssen wir jedoch Akzente setzen: durch neue Angebote, kluge Nutzung vorhandener Instrumente und stärkere Vernetzung innerhalb der Universitäten.

KNA: Wie kann diese Vernetzung konkret aussehen?

Remenyi: Etwa in interdisziplinären Projekten. Die Theologie ist vergleichsweise kostengünstig und arbeitet hermeneutisch und kulturwissenschaftlich mit Texten, Traditionen und Sinnhorizonten. Ihre historische, systematische, praktische und exegetische Breite ist ein großes Potenzial, das wir stärker in akademische und gesellschaftliche Debatten einbringen sollten. 

Eine noch intensivere internationale Vernetzung wäre wünschenswert. An vielen Stellen gibt es das schon heute sehr erfolgreich.

KNA: Wie steht es um die ökumenische Zusammenarbeit?

Remenyi: Ökumenische Kooperation ist ausdrücklich zu begrüßen und längst Realität, etwa in der Religionspädagogik, in den konfessionskundlichen Einrichtungen oder auch im konfessionell-kooperativen Religionsunterricht. Auch fachwissenschaftlich wird dieser Austausch seit Jahrzehnten gepflegt. 

Die entscheidenden wissenschaftlichen Diskurslinien verlaufen heute meist quer zu den Konfessionen. Unbeschadet dessen ist es gut, dass es katholische und evangelische Fakultäten gibt. Zwei starke konfessionelle Akteure sind in einem religiös pluraler werdenden Feld ein Gewinn.

Das Interview führte Benedikt Heider.

Katholisch-Theologischer Fakultätentag

Der Katholisch-Theologische Fakultätentag (KThF) repräsentiert rund 50 Fakultäten und Institute in der Bundesrepublik.

Zu den Gästen gehören deutschsprachige Ausbildungsstätten für katholische Theologiestudierende aus der Schweiz, Österreich und Italien.

Als wichtigste Aufgabe gilt, gemeinsame Interessen der wissenschaftlichen Einrichtungen gegenüber Staat und Kirche wahrzunehmen sowie die hochschulpolitischen Aufgaben der Fakultäten und Institute zu koordinieren. Enge Verbindungen bestehen zum Evangelisch-Theologischen und zum Philosophischen Fakultätentag.

Eine Studentin blättert in einem Buch im Lesesaal einer theologischen Fakultät / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Eine Studentin blättert in einem Buch im Lesesaal einer theologischen Fakultät / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
KNA