"Beide Päpste mussten sich mit Spannungen und Gegensätzen auseinandersetzen, die die Einheit der Kirche bedrohten", sagte der ehemalige Präsident der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) am Samstag im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Il Giornale".
Ruini sieht die Evangelisierung aktuell als dringlichste und wichtigste Frage an. "In unserer Welt sind die Grundlagen des Glaubens selbst in Gefahr, angefangen bei der Existenz Gottes und der Göttlichkeit Jesu Christi, unseres einzigen Erlösers", sagte er.
Den italienischen Bischöfen empfahl er, zu den "großen Fragen der öffentlichen Ethik", wie etwa zur Sterbehilfe, Stellung zu beziehen. Das werde zwar auf viel Kritik stoßen, doch es sei besser, kritisiert zu werden, als irrelevant zu sein.
Meloni habe Mut und Weitsicht
Ruini bescheinigte Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, sie habe "Mut und Weitsicht bewiesen", indem sie auf die "italienische Ausnahme" Bezug genommen habe. Der Begriff "italienische Ausnahme" bezeichne Italien als Vorzeigeland, das in der Lage sei, die katholische Kultur angesichts der fortschreitenden Säkularisierung zu bewahren.
Diese "italienische Ausnahme" hat laut dem emeritierten Kardinalvikar den Päpsten Johannes Paul II. und auch Benedikt XVI. sehr am Herzen gelegen. "Leider ist es heute nicht möglich, sie vollständig zu bewahren", sagte Ruini. Der Druck, die italienische Gesetzgebung an die in Europa vorherrschenden Vorschriften zur öffentlichen Ethik anzupassen, sei zu stark.