Die Bedeutung von Priester Camilo Torres für Kolumbiens Guerilla

Kirche und Staat müssen Grundsatzentscheidung fällen

In Kolumbien sind mutmaßliche Überreste des legendären Guerilla-Priesters Camilo Torres entdeckt worden. Spannend wird nun, wie Regierung und Kirche mit dem Geistlichen umgehen, der sich für den Weg der Gewalt entschied.

Autor/in:
Tobias Käufer
Menschen begrüßen Priester Camillo Torres am 5. Juli 1965 am Flughafen von Bogota (Kolumbien) / © Copyright 1965, PubliKath GmbH, www.kna.de (KNA)
Menschen begrüßen Priester Camillo Torres am 5. Juli 1965 am Flughafen von Bogota (Kolumbien) / © Copyright 1965, PubliKath GmbH, www.kna.de ( KNA )

In diesen Tagen werden aus der kolumbianischen Provinz Catatumbo im Grenzgebiet zu Venezuela wieder einmal Kämpfe zwischen der Armee und der marxistischen ELN-Guerilla gemeldet. Die Unruheregion gilt als strategisch wichtig im Kampf um die Vormachtstellung im Drogenhandel und im illegalen Bergbau.

Opfer der Kämpfe ist – wie seit Jahrzehnten – die unschuldige Zivilbevölkerung. Kinder und Jugendliche werden von der Guerilla an die Waffen gezwungen und sterben anschließend bei Bombardements der Armee. Zehntausende wurden vertrieben. Die Kirche schlägt seit Monaten Alarm; zwecklos.

Nach Angaben der Behörde zur Registrierung von Opfern wurden im vergangenen Jahr 101.587 Menschen als Vertriebene, Opfer von Drohungen (7.777), Freiheitsberaubung (3.772) und gewaltsamer Enteignung von Land (2.948) registriert. Ein wesentlicher Treiber dieser Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist die ELN-Guerilla, die ein Schlüsselakteur im Drogenhandel ist.

Arztsohn und Befreiungstheologe

In dieser Gemengelage trifft Kolumbien nun die Meldung, dass die sterblichen Überreste des "Guerilla-Priesters" Camilo Torres Restrepo (1929-1966) entdeckt wurden. Der aus einer angesehenen Arztfamilie stammende katholische Geistliche und Befreiungstheologe ist eine Ikone der marxistischen ELN, die 1964 aus Protest gegen die Armut der Kleinbauern gegründet wurde.

Camilo Torres als Studentenpfarrer (KNA)
Camilo Torres als Studentenpfarrer / ( KNA )

Camilo Torres starb fast genau vor 60 Jahren, am 15. Februar 1966, bei Kämpfen mit Regierungstruppen. Es war laut kolumbianischen Quellen sein erster Kampfeinsatz. Der Verbleib der Leiche war lange unklar. Das Verhältnis von Marxismus und Christentum kommentierte Torres einst mit dem Satz: "Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist?"

Moralischer Niedergang

Ähnlich wie die FARC-Guerilla war auch die ELN in den Anfangsjahren bei der Landbevölkerung populär – weil sie die Benachteiligung der Kleinbauern offensichtlich machte und die Politik unter Druck setzte. Im Lauf der Jahre aber setzte ein Prozess moralischen Niedergangs ein. 

Der Kampf gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit blieb zwar nach außen offizielles Ziel der Guerilla; tatsächlich aber glitten die Rebellen tief in die Abgründe der organisierten Kriminalität ab. Opfer sind ausgerechnet jene, für die sie zu kämpfen vorgeben: die arme Landbevölkerung.

Kolumbiens Präsident Gustavo Petro forderte die ELN Anfang 2023 während der immer wieder unterbrochenen Friedensgespräche auf, sich zu entscheiden: ob sie den Weg von Camilo Torres oder des legendären Drogenbarons Pablo Escobar (1949-1993) beschreiten wolle.

Gustavo Petro, Präsident von Kolumbien, und Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Gustavo Petro, Präsident von Kolumbien, und Papst Leo XIV. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Sowohl für die katholische Kirche als auch für den Staat Kolumbien stellt sich nun die Frage: Wie umgehen mit einem Geistlichen, der offenbar den Weg des Wortes verließ und sich entschied, Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anzuwenden oder zumindest zu tolerieren?

Grab als Pilgerstätte?

Petro kündigte an, der Leichnam des Priesters Camilo Torres Restrepo werde mit Respekt und Ehren beigesetzt werden; als Gründer der Fakultät für Soziologie der Nationaluniversität und als Begründer der Befreiungstheologie in der Welt. Torres sei Priester und Revolutionär gewesen.

Darién-Dschungel an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama / © UrbanUnique (shutterstock)
Darién-Dschungel an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama / © UrbanUnique ( shutterstock )

Für die ELN-Guerilla bietet sich nun die Chance, ihren bewaffneten Kampf moralisch neu zu legitimieren. "Das kolumbianische Volk, für das er gekämpft und sein Leben geopfert hat, hofft, dass seine sterblichen Überreste respektiert und auf dem Campus der Nationalen Universität bestattet werden", schrieben die Widerstandskämpfer. Die öffentliche Nationale Universität in Bogota gilt wiederum als Hochburg der linken Bewegungen in Kolumbien. Sollte Torres dort tatsächlich beerdigt werden, dürfte sein Grab zu einer Pilgerstätte werden.

Von der Kirche in Kolumbien gibt es bislang keine Stellungnahme. Sie rief die ELN-Guerilla in den vergangenen Jahren immer wieder auf, die Waffen niederzulegen und sich friedlich für die Umsetzung ihrer politischen Ziele einzusetzen. Der revolutionäre Priester Camilo Torres setzt nun einen neuen Move, weit über seinen gewaltsamen Tod vor 60 Jahren hinaus.

Quelle:
KNA