Wozu ist Künstliche Intelligenz imstande? Ist sie wirklich die Problemlöserin der Zukunft? Oder werden die Möglichkeiten der neuen Technik weit überschätzt - und KI sogar religiös überhöht?
Diese Überhöhungsthese vertritt die Heidelberger Religionswissenschaftlerin und Japanologin Inken Prohl. "KI gilt als neue Hoffnungsträgerin. Bei Medizin, im Kampf gegen die Klimakrise, bei effizienter Steuerung von Verkehr und Ressourcen - die alltäglichen Erwartungen an Künstliche Intelligenz sind groß und stabilisieren die Annahme, dass sie Lösungen gibt, damit wir eine glückliche Zukunft haben", sagte die Wissenschaftlerin am Montagabend in der Universität Heidelberg.
Schon der Sprachgebrauch im Zusammenhang mit KI hat sich nach ihrer Auffassung von technischen Beschreibungen entfernt, was KI ist und sein soll. Prohl verwies auf Aussagen von US-amerikanischen KI-Entwicklern wie OpenAI-Chef Sam Altman, der das Ziel formuliert hat, "magische Intelligenz im Himmel zu schaffen". Erzählungen über KI wiesen damit gleiche Strukturen auf wie religiöse Erzählungen, Praktiken und Erwartungen. Es gehe um die Überwindung menschlicher Grenzen, angestrebt werde eine Superintelligenz, die menschliche Intelligenz nicht nur ergänze, sondern übertreffe.
KI gibt Hoffnung auf Heil
"Die Haltung gegenüber KI lässt sich als Glaube charakterisieren, eine Hoffnung auf Heil, die über empirisch nachweisbare Fähigkeiten hinausgeht", sagte die Forscherin. Zugleich weite sich der Einsatz von KI immer mehr aus, und diese Ausbreitung werde befördert durch die "Religionisierung der KI", ist Prohl überzeugt. Es habe sich ein spezieller Glaube an Künstliche Intelligenz herausgebildet, KI werde im Alltag als wirkmächtig empfunden und dadurch verstärke sich die religiöse Aufladung. "Wir erfahren, dass KI uns hilft."
Wie aber kommt KI als Glaube in unser Leben? Als kuscheliger Begleitroboter mit großen Augen (wie das Modell "Lovot"), der so liebenswert daherkommt, dass die Menschen ihre Angst vor KI verlören und sie in ihr Leben ließen. Oder als Astrologie-App, die auf Algorithmen beruhende Botschaften an Nutzer senden, die diese dann als Fügung und kosmische Ordnung interpretierten. Als große Sprachmodelle, die nicht als Wissensquelle, sondern als dialogischer Resonanzraum, als "spiritueller Guru" genutzt würden.
KI: "Alles, was du machst, ist toll!"
So entstehe eine enge Bindung, und die Menschen machten die Erfahrung, dass da kein Widerspruch kommt, keine Enttäuschung zu erwarten ist, sagte Prohl. "Egal, was man tut, einen Vortrag gliedern oder fragen, ob man Honig oder Marmelade essen solle, für die KI ist alles eine mega Idee." Die Wissenschaftlerin hält diese Schmeichelei - "AI Flattery" genannt - für eines der größten Probleme: "Die folgenreichste Wirkung zeigt sich im Selbst: die fortlaufende Interaktion mit Systemen, die mir zustimmen, mir sagen, wie toll ich bin."
Prohl formulierte einen skeptischen Religionsbegriff: Sowohl Religion als auch KI seien menschengemacht. Ihr Unterschied liege in der Wirksamkeit. Religiöse Instanzen wie Götter, Geister und Engel entfalteten ihre Wirkung über Zuschreibungen. "Götter und Geister handeln nicht selbst, ihre Wirkmacht entsteht, indem Menschen ihnen Orientierung zuschreiben." KI antworte, empfehle, filtere, baue eine emotionale Beziehung auf, Relevanz werde nicht nur zugeschrieben, sondern technisch hergestellt. "So entsteht eine künstliche Religion, eine Alien Religion."
Prohl mahnt deshalb: Künstliche Intelligenz dürfe nicht allein etwas machen, sie müsse überwacht werden. "Ich bin keine Maschinenzerstörerin, aber wir brauchen die Entscheidungssouveränität, die Chatsouveränität, die Kontrollsouveränität", sagte sie in der Alten Aula der Universität Heidelberg. Ihr Vortrag war Teil einer Veranstaltungsreihe zum Thema "Mensch und Algorithmus - wem gehört die Zukunft?".