Warum die heilige Agnes bei uns keinen gebotenen Gedenktag hat

Möglichkeit der Wahl

Der 21. Januar ist der Gedenktag der heiligen Agnes. Ihre Verehrung ist nicht nur in Rom bedeutend. Doch anders als dort ist ihr Gedenktag im deutschsprachigen Raum nicht geboten. Das hängt mit einer regionalen Besonderheit zusammen.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Altarraum der Basilika Sant’Agnese fuori le mura in Rom / © NICOLA MESSANA PHOTOS (shutterstock)
Altarraum der Basilika Sant’Agnese fuori le mura in Rom / © NICOLA MESSANA PHOTOS ( shutterstock )

Sie gilt als Patronin der Jungfrauen, Verlobten, Kinder, Blumenbinder und Gärtner sowie der Keuschheit. Unter den jungfräulichen Märtyrerinnen gibt es keine, die schon zu frühen Zeiten so sehr verehrt wurde wie die heilige Agnes von Rom. Dabei gelten Zeit und Art ihres Martyriums als unsicher. Ambrosius von Mailand beschreibt ihre Hinrichtung in seinem Buch über die Jungfrauen mit geradezu heldenhaften Zügen, als wäre es ein Drehbuch für "Quo vadis?": "Da stand sie, betete und beugte den Nacken. Da konntest du den Scharfrichter zittern sehen, als sei er der Verurteilte. Seine Rechte schwankte, sein Gesicht wurde blass."

Statue der heiligen Agnes von Rom in der Kirche St. Felizitas in Lüdinghausen / © Harald Oppitz (KNA)
Statue der heiligen Agnes von Rom in der Kirche St. Felizitas in Lüdinghausen / © Harald Oppitz ( KNA )

Agnes, das war wohl weniger der wirkliche Name der Heiligen, sondern mehr eine Beschreibung ihres Wesens und bedeutet "die Reine". Dargestellt wird sie daher mit einem Lamm ("Agnus"), langem Haar und einem Schwert, durch das sie zu Tode gekommen sein soll.

Legendäre Züge des Martyriums

Die legendären Züge des Martyriums der heiligen Agnes, die niemanden heiraten wollte, da Christus ihr Verlobter sei, führten vor allem in der frühen römischen Kirche zu einer starken Verehrung. Ihr Name wird im Römischen Messkanon (Erstes Hochgebet) neben denen anderer römischer Stadtheiliger genannt.

Über ihrem mutmaßlichen Grab in einer Katakombe an der Via Nomentana, einer nordöstlichen Ausfallstraße der Stadt, steht heute die Basilika und Pfarrkirche Sant’Agnese fuori le mura. Dort werden am Gedenktag der heiligen Agnes, dem 21. Januar, jedes Jahr zwei Lämmer gesegnet, aus deren Wolle das Pallium hergestellt wird, welches der Papst am Peter-und-Paul-Tag an die diözesanen Erzbischöfe übergibt. Am überlieferten Ort ihres Martyriums, dem Stadion des Domitian, der heutigen Piazza Navona, steht die monumentale Kirche Sant’Agnese in Agone, Titelkirche des deutschen Kardinals Gerhard Ludwig Müller.

Sant'Agnese in Agone / © Wolfgang Radtke (KNA)
Sant'Agnese in Agone / © Wolfgang Radtke ( KNA )

In der Liturgie fällt auf, dass vor allem im Stundengebet der heiligen Agnes viele Eigentexte zugeordnet sind, wie die Antiphonen in Laudes und Vesper. Dennoch wurde der 21. Januar bis zur Liturgiereform nur als Fest III. Klasse gefeiert, was heute einem gebotenen Gedenktag entspricht. In diesem Rang wurde dann auch das Gedenken der heiligen Agnes von Rom in den Römischen Generalkalender von 1969/70 übernommen, der heute weltweit gilt.

Schaut man aber im deutschsprachigen Raum in den Kalender und die Direktorien – die liturgischen Fahrpläne für die jeweiligen Diözesen –, dann fällt auf, dass die populäre römische Heilige hier nur als nichtgebotener Gedenktag verzeichnet ist. Während ein gebotenes Gedenken in der Liturgie verpflichtend ist, sofern es nicht durch einen höherrangigen Anlass wie ein Fest oder den Sonntag verdrängt wird, steht ein nichtgebotenes Gedenken zur Auswahl und lässt weitere Optionen offen.

Kalender mit regionalen Besonderheiten

Der Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet ist eine Erweiterung bzw. Modifizierung des Römischen Generalkalenders. Er berücksichtigt neben den allgemeinen Festen und Hochfesten Heilige, die in der Region gewirkt haben und daher hierzulande besonders verehrt werden. Dabei kann es durchaus zu Kollisionen mit den im Generalkalender verzeichneten Einträgen kommen. Eine solche Kollision ist der Gedenktag der heiligen Agnes von Rom.

Klosterplatz in Einsiedeln / © Olgysha (shutterstock)

Am selben Tag wurde im Jahr 861 der Legende nach der Eremit Meinrad von Einsiedeln von zwei Landstreichern erschlagen. Aus seiner Zelle ging später das bedeutende Kloster Einsiedeln in der Schweiz hervor. Bekanntlich ist gerade bei Märtyrern der Todestag der Tag ihres Gedenkens. Denn nach christlichem Verständnis ist dies der Übergang ins ewige Leben oder der Geburtstag für den Himmel. Um der Verehrung des heiligen Meinrad vor allem um Einsiedeln herum und auf der Reichenau gerecht zu werden, bedurfte es also einer Veränderung im liturgischen Kalender.

Wahl zwischen Rot, Rot und Grün

Aus diesem Grund wird die heilige Agnes im deutschsprachigen Raum nicht mit einem gebotenen Gedenktag, sondern nur mit einem nichtgebotenen bedacht. Ähnliches muss am 13. Dezember auch die heilige Luzia erdulden, um im deutschen Sprachraum die liturgische Verehrung der heiligen Odilia zu ermöglichen.

So besteht also am 21. Januar hierzulande die Möglichkeit, zwischen zwei bedeutenden Heiligen zu wählen, deren Viten jeweils von Legenden durchdrungen sind. In der Praxis gilt wegen des Martyriums in beiden Fällen die liturgische Farbe Rot. Und wem das wiederum alles zu legendär ist, kann die Liturgie vom Tag feiern und bleibt bei Grün.

Heiligenverehrung in der Kirche

Nach katholischem Verständnis sind die Heiligen Fürsprecher vor Gott, die von den Gläubigen angerufen werden können. Die evangelische Kirche kennt keine Heiligenverehrung in diesem Sinne. Für sie sind die Heiligen Vorbilder im Glauben.

Der Gedenktag jeder und jedes Heiligen ist der Todestag, nicht etwa der Geburtstag. Man "feiert" das Ende eines irdischen Lebens und den Übergang in das ewige Leben. Zusätzlich gedenkt die katholische Kirche all ihrer Heiligen am Fest Allerheiligen, am 1. November. (DR)

Eine Frau im Gebet / © Jantanee Runpranomkorn (shutterstock)
Eine Frau im Gebet / © Jantanee Runpranomkorn ( shutterstock )
Quelle:
DR

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