Warum manchen bei der Begegnung mit Obdachlosen mulmig wird

Wer nichts gibt, ist herzlos?

Es ist eine Alltagssituation. Eine offensichtlich obdachlose Frau bettelt in der Straßenbahn. Viele haben Mitleid, gleichzeitig aber auch Unbehagen. Am Ende bleibt bei vielen ein betretenes Gefühl zurück. Wie geht man damit um?

Obdachloser Mann / © AndriiKoval (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Warum berühren solche Begegnungen emotional oft so stark, selbst wenn man in dem Moment gar nicht direkt helfen kann?

Nora Klar (katholische Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in Wuppertal): Das ist eine ganz natürliche Reaktion, denn wir sind schließlich alle soziale Wesen. Wenn wir Menschen beobachten, die in Not sind, aktivieren sich automatisch moralische und empathische Reaktionen. Daraus entsteht gleich so eine Mischung aus Unsicherheit, Mitgefühl und auch dem Wunsch, richtig handeln zu wollen. 

DOMRADIO.DE: Viele fragen sich, ob die Obdachlosen Alkohol kaufen, wenn man ihnen Geld gibt. Oder sie fühlen sich schlecht, wenn sie nichts geben, und sagen, dass sie zuletzt schon etwas gespendet haben. Wie handelt man richtig? 

Klar: Mein Rat ist, eine persönliche Linie für sich selbst zu finden. Das kann hilfreich sein. 

Man sollte sich vorab überlegen, wann man etwas gibt und wann nicht, sowie in welcher Form. Da muss man nicht jedes Mal in jeder Situation neu mit sich ringen. 

Eine obdachlose Frau schiebt ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen / © Arne Dedert (dpa)
Eine obdachlose Frau schiebt ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen / © Arne Dedert ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was kann helfen, dieses unangenehme Gefühl danach loszuwerden, ohne einfach wegzuschauen oder abzustumpfen? 

Klar: Da hilft es, sich richtig bewusst zu machen, dass diese Gefühle sein dürfen. Man darf das fühlen, schließlich zeigen Mitleid und auch Betroffenheit, dass einem das Leid der anderen nicht egal ist. Also, man sollte sich bewusst machen, dass man mitfühlend sein darf, ohne sich zu überfordern, und man darf auch Grenzen aufzeigen, ohne gleich herzlos zu sein.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR

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