Bethel-Chef Pohl sieht Finanzierung der Angebote in Gefahr

"Trifft auch Behinderte"

Nach achtzehn Jahren an der Spitze von Bethel wird der Vorstandsvorsitzende Ulrich Pohl in den Ruhestand verabschiedet. Die Beteiligung von Menschen mit Einschränkungen werde ihm auch weiterhin eine wichtige Aufgabe bleiben.

Autor/in:
Holger Spierig
Bethel-Chef Ulrich Pohl / © Paul Schulz/Bethel (epd)
Bethel-Chef Ulrich Pohl / © Paul Schulz/Bethel ( epd )

Der scheidende Bethel-Chef Ulrich Pohl sieht angesichts der Spardebatten auch die künftige Finanzierung der Angebote für Menschen mit Einschränkungen in Gefahr. Die finanzielle Ausstattung der Kommunen sei schlecht, das sei ein großes Risiko, sagte der 68-jährige Vorstandsvorsitzende der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel am Freitag in Bielefeld.

In ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, in denen bei den nächsten Landtagswahlen mit einer stärkeren AfD gerechnet wird, werde es auch um die Frage gehen, wie weit Menschen mit Behinderungen unterstützt würden. Der Theologe Pohl wird nach 18 Jahren als Vorstandsvorsitzender am Monatsende in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger, der bisherige stellvertretende Vorsitzende Pastor Bartolt Haase, übernimmt zum 1. Februar den Vorstandsvorsitz.

Für mehr Teilhabe Mentalitätswechsel nötig

Für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen hält Pohl einen Mentalitätswandel für nötig. Es gehe darum, gesellschaftlich ein Bewusstsein zu schaffen, "dass Menschen mit Behinderung genauso ein Recht auf Teilhabe haben wie alle anderen auch".

Das Bundesteilhabegesetz sei nur im Ansatz umgesetzt, und in der Fortführung "aus finanziellen Gründen praktisch gescheitert", monierte Pohl. Deutlich verbessert hätten sich die Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Einschränkungen. Der Wunsch, dass es für die Versorgung dieser Menschen mehr Geld gebe, sei jedoch nicht umgesetzt worden.

Auch beim Übergang von einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen auf den ersten Arbeitsmarkt sieht Pohl noch viel zu tun. Da brauche es Unternehmer, die auch Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen einrichteten. Und die Politik müsse bereit sein, auch die Finanzierung zu verbessern.

"Das hat uns bis ins Mark erschüttert"

Als einschneidendes Ereignis in seiner Amtszeit bezeichnete Pohl die Vergewaltigungsfälle im Evangelischen Klinikum Bethel durch einen damaligen Assistenzarzt. "Das hat uns bis ins Mark erschüttert", sagte Pohl. Er habe sich das erst nicht vorstellen können. "Ich musste dann aber feststellen: doch, es war so. Entsprechend mussten wir uns dazu verhalten." Bethel habe sich bemüht, den Opfern zu helfen. 

Der Mann soll im Jahr 2019 am Klinikum Bethel mehr als 30 Patientinnen betäubt und an ihnen sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Der Angeschuldigte beging später in der Untersuchungshaft offenbar Suizid.

Positiv blickt Pohl auf die Versorgung von Kindern durch Bethel. Als Beispiele nannte der Bethel-Chef die Kinderklinik, die mit einem Großteil von Spenden für 100 Millionen Euro aufgebaut wurde. "Dass Menschen zum Beispiel mit selteneren Erkrankungen im Kinderkrankenhaus einen Ort finden, wo sie auch Hilfe erfahren, das hat mir stark am Herzen gelegen." Pohl hob auch hervor, dass Bethel inzwischen neun Hospize anbieten könne, darunter das Kinder- und Jugendhospiz.

Ohne Spenden könnte die Arbeit nicht getan werden

Wichtig für Bethel seien die vielen Spenden, "ohne die wir die Arbeit gar nicht tun könnten", erklärte Pohl. Im vergangenen Jahr seien rund 75 Millionen Euro gespendet worden. Nach seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender werde er den Spendenbereich zunächst noch weiter betreuen, kündigte Pohl an. Seinen Dank richtete der scheidende Bethel-Chef auch an die inzwischen rund 26.000 Mitarbeitenden.

Der in Essen geborene Pohl trat 2008 sein Amt als neunter Bethel-Leiter an, er folgte damals auf den Theologen Friedrich Schophaus. Davor hatte Pohl in Bethel die Zentrale Öffentlichkeitsarbeit "Dankort" geleitet, die für Spendenwesen, Pressearbeit und Besucherbetreuung zuständig ist.

Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel mit Hauptsitz in Bielefeld sind eines der größten diakonischen Unternehmen Europas. In den Einrichtungen in acht Bundesländern sind fast 25.000 Mitarbeitende für Menschen mit Behinderungen, Seniorinnen und Senioren, in Hospizen oder in der Obdachlosenhilfe im Einsatz.

Quelle:
epd