Vertrauliche Vorlagen des Kardinalstreffens in Rom tauchen im Netz auf

Kritik an Synodalität unter Papst Franziskus

Anfang des Jahres haben im Vatikan auf Einladung des Papstes rund 170 Kardinäle getagt. Aus den vertraulichen Beratungen sind nun mehrere Vorlagen im Internet aufgetaucht. Sie geben spannende Einblicke in kirchliche Debatten.

Kardinäle beim außerordentlichen Konsistorium mit Papst Leo XIV. am 7. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Kardinäle beim außerordentlichen Konsistorium mit Papst Leo XIV. am 7. Januar 2026 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Aus den jüngsten Beratungen des Kardinalskollegiums mit dem Papst sind in Medien wichtige Textvorlagen im Wortlaut veröffentlicht worden. Als eine der ersten hatte die Tageszeitung "Il Giornale" ausführlich über die Debattenvorlage zum Thema Liturgie informiert. Später brachte der konservative Blog "Messa in latino" (Messe auf Latein) am Dienstagnachmittag drei der vier Texte im Wortlaut, die beim Auftakt des Treffens zur Abstimmung über die Tagesordnung vorgelegt worden waren.

Im Einzelnen handelt es sich um den Einführungsvortrag des vatikanischen Liturgie-Präfekten, Kardinal Arthur Roche, zum Thema Liturgiereform und um den Text des Glaubenspräfekten Kardinal Victor Fernández zur programmatischen Schrift "Evangelii gaudium". Ferner um die Einführung von Kardinal Fabio Baggio über die neue Verfassung der Römischen Kurie.

Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, emeritierter Bischof von Hong Kong (China), beim Eintritt zum Gottesdienst in die Saint Vincent Ferrer Church am 15. Februar 2020 in New York. / © Gregory A. Shemitz (KNA)
Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, emeritierter Bischof von Hong Kong (China), beim Eintritt zum Gottesdienst in die Saint Vincent Ferrer Church am 15. Februar 2020 in New York. / © Gregory A. Shemitz ( KNA )

Der vierte Vortrag, in dem Kardinal Mario Grech über das Thema "Synode und Synodalität" sprach, fehlt bislang. Zu diesem Punkt wurden jedoch in anderen Medien kritische Reaktionen einzelner Kardinäle bekannt. Insbesondere soll Kardinal Joseph Zen aus Hongkong in einem Redebeitrag beklagt haben, dass die Anwendung von "Synodalität" unter Papst Franziskus ausgeufert sei, ohne klar die Entscheidungs-Kompetenzen von Bischöfen und anderen abzugrenzen.

Roche verteidigte Papst Franziskus

Kardinal Arthur Roche, Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung / © Massimiliano Migliorato (KNA)
Kardinal Arthur Roche, Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung / © Massimiliano Migliorato ( KNA )

In dem nun im Wortlaut vorliegenden Vortrag zur Liturgie erinnerte der zuständige Kardinal Roche daran, dass die Liturgie der katholischen Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer wieder reformiert worden sei. Er verteidigte den Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Liturgie und die nach dem Konzil realisierte Liturgiereform. Zugleich erkannte er an, dass es bei deren Umsetzung Probleme gab und gibt, führte diese allerdings nur auf "Mängel in der Priesterausbildung" zurück.

Roche verteidigte ferner die Entscheidungen von Papst Franziskus zum Zurückdrängen der alten Form der lateinischen Messe und sagte: "Die Einheit der Kirche wird nicht erreicht, indem man die Spaltung einfriert." Die Toleranz der Päpste seit Johannes Paul II. für den Gebrauch älterer Messbücher sei lediglich ein Zugeständnis an eine Minderheit gewesen und nicht in der Absicht erfolgt, die Ausbreitung der alten Messformulare zu propagieren.

Fernández offen für Veränderungen

Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, bei der Vorstellung des Dokuments "Königin des Friedens" zur Marienverehrung in Medjugorje (Bosnien und Herzegowina), am 19. September 2024 im Vatikan / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, bei der Vorstellung des Dokuments "Königin des Friedens" zur Marienverehrung in Medjugorje (Bosnien und Herzegowina), am 19. September 2024 im Vatikan / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Auch der Text von Kardinal Fernández zu "Evangelii gaudium" enthält spannende Passagen. So erklärt der einstige theologische Intimus von Papst Franziskus, dass der jetzige Papst "uns anzeigt, dass es sicherlich Änderungen im Vergleich zum Vorgängerpontifikat geben kann, aber dass die Herausforderung, die von Evangelii gaudium vorgebracht wurde, nicht begraben werden kann."

Vor allem zwei Thesen der päpstlichen Programmschrift von 2013 erklärte Fernández in seinem Vortrag für unverändert aktuell: Zum einen, dass die Kirche offen dafür bleiben müsse, ihre "Praktiken, Stile und Organisationen zu reformieren", damit sie auch künftig dem Auftrag der Verkündigung entsprechen. Eng damit zusammen hängt die zweite Forderung, dass die Kirche die Inhalte ihrer Predigten und Stellungnahmen immer wieder dahingehend überprüfen müsse, ob die den Kern der christlichen Botschaft treffen.

Rom muss zuhören

Auch das von Kardinal Baggio vorgetragene Papier über das Zusammenspiel von Römischer Kurie und Weltkirche enthält interessante Punkte. Er betont in einem Atemzug die völlige Abhängigkeit der Zentralverwaltung der katholischen Weltkirche vom Papst und gleichzeitig deren Daseinszweck, den einzelnen Bischöfen und dem Bischofskollegium in seiner Gesamtheit zu dienen. Diesen "doppelten Dienst" fordere die von Franziskus in Kraft gesetzte neue Kurienverfassung ein.

Dass es zwischen beiden Dienst-Perspektiven mitunter Spannungen gibt, deutet das Papier nur indirekt an. Zugleich macht es sich unter Verwendung früherer Franziskus-Zitate dafür stark, noch stärker in Richtung Dezentralisierung zu gehen und den Bischöfen vor Ort viele Entscheidungen zu überlassen. Und da, wo die Zentrale in Rom in Prozesse eingebunden sei, sollten diese "synodal" fallen - also nicht per Anordnung von oben, sondern in einem gemeinsamen Prozess des "Zuhörens und Unterscheidens".

Konsistorium

Die Kardinäle sind die engsten Mitarbeiter und Berater des Papstes in seiner Aufgabe als Oberhaupt der Weltkirche. Diese kollegiale Unterstützung erfolgt offiziell in Konsistorien (von lateinisch "consistorium" für Versammlung oder Versammlungsort), die der Papst zu besonderen Anlässen einberuft und leitet. Es gibt ordentliche und außerordentliche Konsistorien.

Kardinal Tarcisio Bertone (sitzend) nimmt mit weiteren Kardinälen am Konsistorium im Petersdom teil / © Andrew Medichini (dpa)
Kardinal Tarcisio Bertone (sitzend) nimmt mit weiteren Kardinälen am Konsistorium im Petersdom teil / © Andrew Medichini ( dpa )
Quelle:
KNA