Laut Theologin behandeln viele KI wie personale Religion

Bedrohlich statt kuschelig?

Kann hoch technisierte KI bei der Sinnsuche helfen? Oder eine Transzendenz vermitteln, die religiöse Menschen in Zusammenhang mit Gott verspüren? Die Philosophin und Theologin Claudia Paganini sucht Antworten.

Mensch und Künstliche Intelligenz / © Stock-Asso (shutterstock)
Mensch und Künstliche Intelligenz / © Stock-Asso ( shutterstock )

Die in Innsbruck lehrende Philosophin und Theologin Claudia Paganini sieht im Umgang von Menschen mit Künstlicher Intelligenz (KI) viele Parallelen zum Religiösen. 

Immer mehr Menschen trauten der KI zu, allmächtig zu sein - ohne dass sie das tatsächlich sein müsse, sagte Paganini am Montagabend im Interview des Schweizer Rundfunks. Wenn man schaue, wie sich Menschen Götter vorstellten, könne man "all die göttlichen Attribute sehr wohl auch der KI zusprechen".

Medienethikerin Claudia Paganini (privat)
Medienethikerin Claudia Paganini / ( privat )

Ob KI die alten Götter ablösen werde, traue sie sich nicht zu beantworten, so die Philosophin in SRF News. Mit Blick auf die Religionsgeschichte wäre es allerdings naiv, zu denken, dass "das Christentum die erste Religion wäre, die nicht durch eine andere abgelöst wird". Und wenn man bedenkt, wie sehr KI "auf spezifische Bedürfnisse unserer Zeit reagiert – stetige Verfügbarkeit, unmittelbare spirituelle Antworten auf Knopfdruck in Echtzeit –, dann könnte in der Tat ein Ablösungsprozess begonnen haben".

"Vorstellung von Gerechtigkeit"

Es sei auch zu beobachten, dass wir der KI zutrauten, gerecht zu sein, erklärte die Theologin; das sei ebenfalls eines der Gott zugeschriebenen Attribute. So führten etwa immer mehr Firmen ihre Bewerbungsprozesse KI-unterstützt durch. Offenbar gehe man dort davon aus, dass KI die besseren Entscheidungen treffe. Es gebe auch die Hoffnung, dass KI-Systeme helfen könnten, Zielkonflikte auf der Erde stark zu reduzieren und Kriege abzuschaffen. "Das sind schon Vorstellungen von Gerechtigkeit - vom Aufrechterhalten oder Wiederherstellen einer sinnvollen Ordnung; etwas, das man klassischerweise den Göttern zugesprochen hat", so Paganini.

Grundsätzlich tauge KI zu einem personalen Gott, bestätigte die Philosophin; "denn Menschen haben das Gefühl, dass sie mit der KI Beziehungen eingehen können, dass die KI sich wirklich für sie interessiert". Viele Befragte gäben an, sich lieber mit ChatGPT zu unterhalten als mit einem Freund oder einer Psychotherapeutin.

Bedrohlich statt kuschelig

Zu den der KI zugeschriebenen Risiken und deren religiöser Zuschreibung sagte Paganini, die Angst vor einem strafenden, die Menschheit potenziell vernichtenden Gott sei grundsätzlich etwas typisch Religiöses. Sie beobachtet: "Je mehr eine Religion an Bedeutung verliert, desto kuscheliger, sanfter und weniger böse oder gefährlich werden die Götter." Auch im Christentum könne man feststellen, dass wir "inzwischen an einen gütigen und lieben Gott glauben".

Typisch für das Erstarken einer Religion sei dagegen eine Angst vor der Vernichtung durch die Gottheit. Das finde sich auch bei der KI. Selbst Entwickler oder Menschen, die viel Geld in KI investieren, warnten davor und forderten "teils sogar, dass man die Forschung stoppen müsse, weil sonst die Vernichtung der Menschheit drohe". Das seien schon sehr tiefe religiöse Bilder und Vorstellungen, bekräftigte Paganini.

Was ist Künstliche Intelligenz?

Der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) wurde vor mehr als 60 Jahren geprägt durch den US-Informatiker John McCarthy. Er stellte einen Antrag für ein Forschungsprojekt zu Maschinen, die Schach spielten, mathematische Probleme lösten und selbstständig lernten. Im Sommer 1956 stellte er seine Erkenntnisse anderen Wissenschaftlern vor. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte sechs Jahre zuvor bereits den "Turing Test" entwickelt, der bestimmen kann, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder eine Maschine, die sich als Mensch ausgibt.

Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser (shutterstock)
Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser ( shutterstock )
Quelle:
KNA