Südafrikanische Stadt Gqeberha steht vor dem Austrocknen

"Politische Spielchen mit Wasser"

Der Stadt Gqeberha droht in diesen Tagen das Trinkwasser auszugehen. Die Dämme, die knapp eine Million Einwohner versorgen, sind nur noch zu drei Prozent gefüllt. Gelingt es der Bevölkerung und den Behörden "Day Zero" abzuwenden?

Autor/in:
Markus Schönherr
Trockenheit / © MD_Photography (shutterstock)

KNA (Katholische Nachrichten-Agentur): Pfarrer Jayiya, wie ist die aktuelle Situation in Gqeberha?

Ludwe Jayiya (katholischer Pfarrer in Gqeberha, ehemals Port Elizabeth): Wir nähern uns mit Riesenschritten Day Zero, dem Tag, an dem der letzte Tropfen durch die Leitungen fließt. Vor einem Monat sagte man uns, wir hätten noch zwei Wochen, dann fiel glücklicherweise etwas Regen. Jetzt haben wir noch drei Prozent nutzbares Wasser, aber die Lage ist ernst. Ich fürchte, Day Zero kommt schneller als wir uns vorstellen können.

KNA: Wie erleben die Mitglieder Ihrer Gemeinde die Krise?

Jayiya: Unsere Pfarrei befindet sich in der Stadt, die Gläubigen dort sind Mittelständler. Sie kaufen Wassertanks, schließen sie an das Leitungssystem ihrer Häuser an und lassen Wagenladungen voll Wasser heranschaffen. 5.000 Liter kosten etwa 750 Rand (44 Euro). Andere sammeln Regenwasser.

Hafenstadt Gqeberha im August 2019 / © MD_Photography (shutterstock)
Hafenstadt Gqeberha im August 2019 / © MD_Photography ( shutterstock )

KNA: Südafrika gilt als ungleichste Nation der Welt, was die Vermögensverteilung betrifft. Wird das während der Wasserknappheit sichtbar?

Jayiya: Die aktuelle Wassersituation hat gezeigt, wer etwas hat und wer nicht. Arme Gemeinden sind gänzlich auf die Gemeinschaftshähne angewiesen, die die Behörden auf öffentlichen Plätzen aufgestellt haben. Wer dort hingeht, hat keinerlei finanziellen Rückhalt.

KNA: Ist Ihre Kirche betroffen?

Jayiya: Ich wohne hier auf dem Kirchengelände von Mater Dei und die Wassernot wirkt sich auch auf meine Arbeit aus. Dasselbe gilt für die Gemeinden: Viele Menschen wollen keine Pastoralbesuche erhalten, wenn sie kein fließendes Wasser haben. Geplante Programme mussten wir verschieben, da wir hierfür funktionierende Sanitärräume bräuchten. Eine Woche lang saßen wir bereits auf dem Trockenen, als die Behörden eigenen Angaben nach die Lecks in den Rohren reparierten.

KNA: Während der Wasserkrise 2017 in Kapstadt kam es zu Panikkäufen in Supermärkten, Menschen bunkerten Wasser. Auch bei Ihnen?

Jayiya: Einige Leute machen das tatsächlich. Es ist wieder eine Frage von Vermögen. Wohlhabende schaffen sich eine Reserve an, während die Armen von Tag zu Tag leben.

KNA: Was sind die Ursachen der Krise?

Jayiya: Das größte Problem ist Missmanagement. In unserem Land herrscht viel Korruption und auch die gegenwärtige Wasserkrise wurde durch die Misswirtschaft von Ressourcen verursacht. Inkompetente Leute werden mit Projekten beauftragt. Es herrscht politische Einmischung. Hier werden politische Spielchen mit Wasser betrieben.

Unsere Lokalregierung ist seit Jahren instabil, weshalb in puncto Infrastruktur keine wirkliche Entwicklung stattfindet. Hinzu kommt, dass Gemeindearbeiter keine Verpflichtung den Bewohnern gegenüber verspüren. In ihren Augen ist ein Job bloß eine Einkommensquelle, kein Dienst an den Menschen. Manche erscheinen gar nicht zur Arbeit und werden nicht einmal zur Rechenschaft gezogen.

Port Elizabeth heißt seit dem 23. Februar 2021 Gqeberha / © A G Baxter (shutterstock)
Port Elizabeth heißt seit dem 23. Februar 2021 Gqeberha / © A G Baxter ( shutterstock )

KNA: Vor kurzem wurde Port Elizabeth in Gqeberha umbenannt, um das Erbe von Kolonialismus und Apartheid auszulöschen. Dachte man, dass dadurch alle Probleme gelöst werden?

Jayiya: Einen Namen ändern, aber nicht die Denkweise der Menschen - das bringt nichts. Die Namensänderung hätte Aufklärung und eine Vision mit sich bringen müssen. Wir haben heute einen neuen Namen, aber keinerlei Sichtweite.

KNA: Day Zero konnte in Kapstadt durch strenge Gesetze und konsequentes Wassersparen verhindert werden. Sind Sie optimistisch, dass dies auch in Gqeberha gelingt?

Jayiya: Unsere politischen Führer haben kein Interesse, das Problem anzupacken. Nach dem Besuch des zuständigen Ministers hofften wir, dass es Projekte und Bewusstseinskampagnen wie einst in Kapstadt geben würde. Auf irgendeinen Fortschritt diesbezüglich warten wir bis heute aber vergebens.

KNA: Und die Folgen?

Jayiya: Wenn Day Zero eintritt, werden wir nicht vorbereitet sein. Demnach zu urteilen, wie Südafrikaner in der Vergangenheit auf ähnliche Situationen reagierten, könnte das in Gewalt ausarten. Es könnte zu Unruhen und Protesten, auch einer Revolte kommen. Ich fürchte, dass unsere Stadt auf eine derartige Panik nicht vorbereitet ist.

KNA: Was empfehlen Sie den Verantwortlichen?

Jayiya: Lasst uns Bewusstsein für etwas schaffen, was uns allen gehört. Und das wiederum ist nicht nur Aufgabe der Regierung, es liegt auch in der Verantwortung von religiösen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wir Religionsführer kritisieren gerne, aber selbst schaffen wir kaum Bewusstsein bei den Menschen, zum Beispiel für die Notwendigkeit, Wasser zu sparen. Es ist ein gesellschaftliches Problem, weshalb Kirchen und soziale Einrichtungen an einer Lösung mitwirken sollten. In unserer Kirche haben wir zwar eine Aufklärungskampagne gestartet, aber es gibt noch so viel, was wir tun können.

Apartheid in Südafrika

Das System der Rassentrennung diskriminierte die schwarze Bevölkerungsmehrheit und andere Bürger dunkler Hautfarbe massiv. Sie blieben von grundlegenden Rechten und wichtigen staatlichen Leistungen ausgeschlossen. Die Rassentrennung hatte über Jahrzehnte die Politik Südafrikas geprägt und die Gesellschaft gespalten. Das Wort Apartheid stammt aus dem Afrikaans, der Sprache der weißen Buren, und steht für "Getrenntheit". 

Kindheit in Südafrika am Ende der Apartheid / © privat (ak)
Kindheit in Südafrika am Ende der Apartheid / © privat ( ak )

 

Quelle:
KNA