Weltweit erstes Frauenmuseum vor 40 Jahren in Bonn eröffnet

Bei den rheinischen Göttinnen kommt keine Langeweile auf

So etwas gab es noch nie: Im Mai 1981 lud das erste Frauenmuseum der Welt zu einer Ausstellung ein. Vierzig Jahre später blickt es auf eine ereignisreiche Geschichte zurück.

 (DR)

Michelangelo, Rembrandt, Picasso, Caravaggio, van Gogh, Monet, Rubens, Dali, Da Vinci, Renoir, Warhol - die Liste berühmter Künstler könnte ewig fortgeführt werden. Ihre Werke lassen sich auf der ganzen Welt in Museen und Kirchen bestaunen. Wer hingegen nach Frauen in der Kunst Ausschau hält, muss mitunter lange suchen. Abhilfe schaffen wollte die Künstlerin Marianna Pitzen. Sie gründete zusammen mit einer Gruppe von interdisziplinär arbeitenden Frauen vor 40 Jahren das weltweit erste Frauenmuseum.

Seitdem haben die Räume eines ehemaligen Kaufhauses in der Bonner Nordstadt einiges gesehen. Mehr als 3.000 Künstlerinnen waren auf ebenso vielen Quadratmetern an Projekten und Ausstellungen beteiligt. Insgesamt seien es an die 900 gewesen, erzählt Pitzen. Die erste Schau ab dem 23. Mai 1981 hieß "Wo Außenseiterinnen wohnen" und thematisierte nicht nur die Künstlerinnen selbst. Um Frauen generell ging es, um Obdachlose, um alle Gruppen der Gesellschaft, die Ausgrenzung erfahren.

Bewegung der Frauenmuseen ist global

Pitzen bezeichnet das Museumsprogramm als "vielspurig". Die großen Bereiche seien die Bildende Kunst, die Geschichte der Frauen und der Blick auf die globale Welt. Global ist auch die Bewegung der Frauenmuseen geworden: Mittlerweile finden sie sich, vernetzt von einem internationale Dachverband, nicht nur überall in Europa, sondern auch in Lateinamerika, Afrika, Asien und den USA bis hin nach Australien.

Doch für die Gruppe von Frauen rund um Pitzen verlief die Gründung des Museums, die auf den 2. Mai 1981 datiert wird, nicht reibungsfrei. "Die Kunstszene war gegen uns", sagt die Direktorin. Die Räume waren begehrt. Bis 2018 finanzierte die Stadt Bonn die Miete, dann ging das Gebäude dank einer Großspende in den Besitz des Museums über.

Schon immer sei es ihr darum gegangen, die Welt der Frauen zu zeigen, sagt Pitzen. "Der Ansatz war immer, die Geschichte und die Kunst der Frauen zusammenzubringen." Als Jugendliche habe sie Bahnfahrkarten über ihren Vater erhalten, der im Verkehrsministerium arbeitete. Sie reiste umher und besuchte Ausstellungen. Alle kamen sie ihr trostlos und dunkel vor; bis auf Käthe Kollwitz war selten das Werk einer Frau zu sehen. Pitzen träumte von großen Ausstellungsflächen, die raumgreifende Installationen gestatteten.

An Figur Marias abarbeiten

Im Bonner Museum stehen neben solchen Installationen vor allem die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Debatten im Fokus, die das Leben von Frauen beeinflussen. Ende der 90er Jahre beleuchteten Kunstwerke die deutsche Nachkriegsgeschichte aus weiblicher Perspektive. "Weiblichkeitsbilder" aus Ost und West stimmten nur selten mit der Selbstwahrnehmung der Frauen überein, hieß es damals. 2014 drehte sich eine Schau um "Single Moms", also alleinstehende Mütter. Ein Jahr zuvor widmeten sich die Künstlerinnen der Rolle von Frauen in den Weltreligionen.

Überhaupt ziehe sich das Religiöse durch die Geschichte der Ausstellungen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich sei, sagt Pitzen. Die Auseinandersetzung mit Religion, mit Glaube, mit religiösen Systemen bewege die Menschen. Vor allem an der "Lieblingserscheinung", der Figur Mariens, werde dies deutlich. Mit ihr könnten Frauen sich identifizieren, sich auch an ihr abarbeiten.

Auch eine Kapelle gehört zum Gebäudekomplex des Museums. Laut Pitzen wurde sie von einem altkatholischen, einem evangelischen und einem katholischen Geistlichen gesegnet. Von überall brachten Besucher Kreuze und religiöse Andenken mit, um den Raum auszugestalten. Heute wird er für Veranstaltungen genutzt, aber auch für Andachten und Gottesdienste. Pitzen möchte, dass sich hier ein Ort entwickelt, an dem vor allem lesbische Paare jenen Segen erhalten können, der ihnen andernorts verwehrt wird.

"Langeweile im Paradies"

Zum Jubiläum zeigt das Museum gleich zwei Ausstellungen - "Göttinnen im Rheinland" und "Langeweile im Paradies". Viele der Künstlerinnen aus den vergangenen Jahrzehnten beteiligen sich daran. Hätte Eva dereinst im Paradies den Apfel nicht gegessen, wer weiß, sagt Pitzen in einem Video zur Schau, vielleicht wäre es dem göttlichen Wesen dann langweilig geworden. "Ohne Stoff, ohne Zoff, ohne Provokation wäre doch eigentlich gar nichts mehr passiert."

Von Annika Schmitz


Quelle:
KNA
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