Wer sich ernsthaft und nachhaltig für Frieden stark mache, müsse leidenschaftliches Engagement mitbringen und sich aktiv dafür einsetzen. Wolle er Frieden stiften – im Sinne der Bergpredigt – müsse er an ein "peace building" im umfassenden Sinne denken, das die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden schaffe, indem Konfliktsituationen beseitigt und Interessengegensätze durch aktive Kooperationsvereinbarungen überwunden würden. Friedensstifter, von denen die Seligpreisungen sprechen, seien keine Menschen, die nicht nur keinen Streit mit anderen suchten, sondern die sich durch eigenes Tun um Streitbeilegung bemühten.
Diese Überzeugung formulierte der Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie in Freiburg, Professor Dr. Eberhard Schockenhoff, der zum Jahresbeginn im traditionellen Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Köln sprach. Diesmal stand die ökumenische Feier, zu der die Vorsitzende dieser Arbeitsgemeinschaft, Pfarrerin Susanne Beuth, einige Hundert Gläubige in der Innenstadtkirche St. Gereon begrüßte, unter der Überschrift: "Suche den Frieden und jage ihm nach!" Erklärtes Ziel der Verantwortlichen war es, mit dieser Jahreslosung aus dem 34. Psalm an zahlreiche Veranstaltungen, die im vergangenen Jahr auf Initiative der ACK bereits unter dem Motto "Frieden" stattgefunden hatten, anzuknüpfen und auch in 2019 dieses drängende Thema erneut in den Fokus zu rücken. Dabei gehe es um die Frage, so die evangelische Theologin, welche Alternativen in Kirche und Gesellschaft gelebt werden könnten, um der Spirale der Gewalt etwas entgegen zu setzen.
Uralte Menschheitssehnsucht
Impulse zu möglichen Antworten gab der Theologe Schockenhoff in seiner Predigt. "Die Stunde der Friedensstifter schlägt, wenn es darum geht, einen anfänglichen Friedenszustand, der dem Waffenstillstand folgt, durch aktiven Friedensaufbau langfristig zu sichern. Kurz: Die Friedensstifter sind nicht nur durch das Fehlen von Aggressivität und innerer Feindseligkeit oder ihre Friedensbereitschaft gekennzeichnet", sagte der Universitätsdozent wörtlich. "Sie setzen sich vielmehr durch ihr leidenschaftliches Engagement für die Wiederherstellung und Bewahrung des Friedens ein." In diesem Kontext sei die Übersetzung des griechischen Originals "Eirenopoios" als "der Friedfertige" viel zu blass; vielmehr sei doch der "Friedensmacher" gemeint, so Schockenhoff.
Bei der Ermahnung zum Frieden, die in der antiken Welt und im Judentum sehr verbreitet gewesen sei, gehe es um eine uralte Menschheitssehnsucht. Das zeige, dass der Friede damals als nicht selbstverständlich gegolten habe. "Er ist ein stets gefährdeter labiler Zustand, der jederzeit in Auseinandersetzung, Streit und Krieg umschlagen kann", sagte er mit Blick in die Geschichte. Anders als das griechische Wort für Frieden "Eirene", das mehr den Friedensschluss meine, der als vorübergehender Nicht-Krieg auf den Krieg folge, oder die "Pax romana" als eine den unterdrückten Völkern gewaltsam auferlegte Weltordnung stehe der biblische Begriff "Shalom" für den umfassenden Frieden, der den Krieg verhindere und nicht auf der militärischen Macht eines Weltreiches beruhe, führte Schockenhoff aus. Der Shalom stehe für ein integrales Ganzsein als Gegensatz zu aller Entzweiung und Vereinzelung und entfalte sich in der Unterordnung des Menschen unter Gott, in der daraus folgenden Einheit des Menschen mit sich selbst und schließlich in der auf dieser Grundlage möglichen Einheit der Menschen untereinander.
"Die Losung des Christen im Kampf ist nicht, Gewalt mit Gewalt abzuwehren"
Das Handeln von Friedensstiftern beginne im eigenen Herzen und wende sich dann von innen nach außen, stellte der Hochschulpädagoge fest. Das Suchen nach dem Frieden, das Nachjagen und Sich-ausstrecken nach ihm vollziehe sich im eigenen "Bemühen, Böses in jeder Form zu meiden und allen Menschen Gutes zu tun". Ein anderes Wort für die biblische Kurzformel "Shalom" sei der "Friede Gottes", der sich in der Welt durch gottesfürchtige Menschen ausbreite, betonte Schockenhoff. Als Beispiele führte der Theologe, der auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, zwei Vertreter der christlichen Friedensbewegung an, die sich der Kriegsbegeisterung unter den deutschen Katholiken und Protestanten vor und während der beiden Weltkriege widersetzt hatten: den österreichischen Familienvater Franz Jägerstätter, der als Kriegsdienstverweigerer 1943 hingerichtet und 2007 selig gesprochen worden war, und den Freiburger Diözesanpriester Max Josef Metzger, der wegen seiner pazifistischen Überzeugung vom Volksgerichtshof 1944 zum Tode verurteilt wurde und für den seit 2014 ein Heiligsprechungsverfahren eingeleitet ist.
Für beide habe christliche Gewaltlosigkeit und Feindesliebe nach dem Gebot Jesu keine Kapitulation vor dem Bösen und keine Resignation angesichts seiner Übermacht bedeutet. "Vielmehr", so argumentierte der Gast aus Freiburg, "geht es denen, die der Weisung Jesu folgen und keine Gewalt anwenden, darum, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu beenden, indem sie ihr die Bereitschaft entgegensetzen, die Feinde zu lieben und ihnen Gutes zu tun." Ihr Vertrauen in die Macht des Guten dürfe nicht mit einer passiven Hinnahme des Bösen verwechselt werden, sondern erfordere eine besondere Aktivität des Durchleidens und Ertragens in der Konfrontation mit Gewalt, Aggression und Hass. "Die Losung des Christen im Kampf ist nicht, Gewalt mit Gewalt abzuwehren", zitierte er einen Tagebucheintrag Jägerstätters, "sondern Geduld und Ausharren im Glauben." Auch Metzger habe oft zur Weisung Jesu, die Feinde zu lieben, sich für Gewaltlosigkeit einzusetzen und Vergebungsbereitschaft zu üben, öffentlich Stellung bezogen. "Er beklagte, dass die Bergpredigt nicht mehr als die Magna Charta der christlichen Friedensbereitschaft ernst genommen, sondern durch ein Moratorium außer Kraft gesetzt wurde."
Dauerhafter Frieden könne nur auf der Basis von Gerechtigkeit aufgebaut werden, unterstrich der Moraltheologe abschließend. Für das Konzept eines solchen Friedens nannte er vier Säulen: den Einsatz für Menschenrechte überall auf der Welt – aktuell vor allem auch für die von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten – die Forderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, einen gerechten Welthandel – die europäische Union nannte er in diesem Kontext das größte Friedensprojekt der jüngeren Geschichte, das sich dafür einsetze, westlichen Wohlstand nicht auf dem Rücken armer Länder auszutragen – und den Ausbau internationaler Organisationen mit einer Rechtsordnung. "Die Vorstellung eines gerechten Friedens ist der messianischen Botschaft vom Frieden Gottes entlehnt." Am Frieden müsse sich jeder Einzelne beteiligen, lautete das Credo des Gastredners. Denn Frieden zu stiften geschehe nur durch aktives Handeln.