Reformationsbotschafterin betont internationale Seite des Gedenkens

Käßmann: Luther wäre heute nicht "still"

"Die Christen wissen heute wieder, dass sie doch mehr verbindet als sie trennt", sagt Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland), im domradio.de-Interview.

Margot Käßmann / © Jürgen Blume (epd)
Margot Käßmann / © Jürgen Blume ( epd )

domradio.de: Der Spiegel titelt, Luther wäre Deutschlands erster Wutbürger gewesen. Wenn Luther heute leben würde: Wäre er still? 

Margot Käßmann (Reformationsbotschafterin): Ich kann mir nicht vorstellen, dass er heute still wäre. Er würde zum einen die Deutschen fragen, ob sie eigentlich noch ernst nehmen, dass er die Bibel in deutsche Sprache übersetzt hat, damit sie jeder selbst lesen kann - und heute so viele Menschen in unserem Land gar keinen Schimmer mehr haben, was in dieser Bibel steht.

Ich glaube, da würde er ordentlich wettern und auffordern, nochmal zu schauen, wo du eigentlich Wurzeln und Haltung findest, um im Leben zu bestehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass er sich ärgern würde, dass ausgerechnet am Jahrestag seines Thesenanschlags ein Geisterkult in Deutschland gefeiert wird. Er hat ja gesagt, wir brauchen keine Angst mehr vor Teufeln, Geistern und Hexen zu haben. 

domradio.de: Die Reformation hatte einen beispiellosen Einfluss auf die europäische Geschichte. Wo begegnet uns Martin Luther heute noch im Alltag? Und wo fehlt er vielleicht?

Käßmann: Er begegnet uns da, wo wir unsere Glaubens- und Gewissensfreiheit kennen. In diesen Fragen ist jeder Mensch frei. Das hat Luther erfochten vor Kaiser und Reich, beim Reichstag zu Worms 1521. Er begegnet uns dort, wo jedes Kind zur Schule gehen kann. Er hat gefordert, dass jeder Junge und jedes Mädchen - gleich welcher sozialen Herkunft - zur Schule gehen könne.

Er würde heute wieder anfragen, warum eigentlich soziale Herkunft und Bildungsabschluss in unserem Land zusammenhängen. Er würde uns dort begegnen, wo Menschen Sinnfragen haben. Luther war auch ein großer Seelsorger. Er hat viele Briefe an Menschen in Not geschrieben und da hin zu schauen und zu fragen: Wo brauchen Menschen eigentlich die Unterstützung anderer und Begleitung - da wäre er sehr dabei. 

domradio.de: Zum Reformationsjubiläum sind Sie auch auf Reisen gegangen. Sie waren beispielsweise in Asien unterwegs. Wie wird die Reformation außerhalb von Deutschland und Europa aufgenommen?

Käßmann: Ich finde es schon spannend, dass wir wirklich international feiern, nicht nur deutsch-nationalistisch. Und in Asien ist mir aufgefallen, wie wichtig Luthers Lehre davon ist, dass jeder Mensch auch Schattenseiten hat und gute Seiten. Das fand ich interessant an der lutherischen Hochschule in Hongkong, dass die Studierenden sagten, sie hätten das Gefühl: Du kannst nur entweder ganz toll sein in allem. Oder du bist ein Totalversager. Es gibt nichts dazwischen.

Und da hat Luther doch sehr hilfreich gesagt: Jeder Mensch hat seine starken Seiten, wo er gerecht und gut sein will, aber er ist immer auch Versager. Und das dürfen wir für Gott auch sein. Kein Mensch ist perfekt. Das kann ungeheuer entlastend sein in einer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. 

domradio.de: Das Festjahr startet heute und geht ein Jahr. Was wird sich bis dahin tun? Sie sind jetzt als Botschafterin ein Jahr unterwegs im Namen der Reformation....

Käßmann: Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich zeigen kann, wie sich die Ökumene entwickelt hat. Sie haben schon den Papst in Lund erwähnt. Heute ist Erzbischof Heiner Koch beim Gottesdienst in Berlin dabei. Die Christen wissen heute wieder, dass sie doch mehr verbindet, als sie trennt. Und ich freue mich besonders auf die Weltausstellung Reformation, die von Mai bis September in Wittenberg stattfindet. Da kann jeder Mensch kommen, gucken und mitdiskutieren.

Wo brauchen wir eigentlich heute Reform und Reformation in unserem Land, auch in Hinblick auf Reformation und Frieden und Blick auf den Dialog der Religionen? Ich hoffe, dass wir am Ende dann Thesen haben, wo wir sagen können: So können wir nach vorne gehen als Kirche und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. 

Das Interview führte Tobias Fricke. 


Quelle:
DR