Verschwörungstheorien um Journalisten

Borgia-Intrigen im Vatikan?

Verschwörungstheorien um den Sturz des katholischen Journalisten Dino Boffo ziehen in Italien weitere Kreise. Jetzt haben sich sogar hohe Kurienkardinäle in die Debatte um den durch ein kompromittierendes Dossier ausgelösten Rücktritt des "Avvenire"-Chefredakteurs eingeschaltet.

Autor/in:
Johannes Schidelko
 (DR)

Während der Vatikan solche Spekulationen normalerweise noch nicht einmal mit einem "no comment" würdigt, weist die Kurie diesmal wortreich eine angebliche Verwicklung in ein Komplott zurück.

Nach "Personalchef" Giovanni Battista Re, dem Kardinal-Präfekten der Bischofskongregation, hat nun auch der deutsche Ökumeneminister Kardinal Walter Kasper eine derartige Verschwörung als Medienerfindung bezeichnet. Vittorio Feltri, Chefredakteur der Tageszeitung "Il Giornale", hatte im Sommer behauptet, sein Kollege Boffo vom bischofseigenen "Avvenire" sei wegen Nötigung in einer Homosexuellen-Affäre juristisch belangt worden. Das brachte den Stein ins Rollen.

Bei einem Versöhnungsessen vergangenen Montag soll Feltri nun behauptet haben, das belastende Dossier stamme von kompetenter Stelle im Vatikan - woraus italienische Medien bald auf drei Drahtzieher und Akteure schlossen: Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone als "Auftraggeber", "Osservatore Romano"-Chefredakteur Giovanni Maria Vian als Ausführender und der vatikanische Gendarmeriechef Domenico Giani als Postbote.

"Eine absolut undenkbare Hypothese", dass das anonyme Schreiben gegen Boffo aus dem Vatikan gekommen sein könne, reagierte Kardinal Re. Sein Kollege Kardinal Kasper betonte, man ziehe die "lächerliche Theorie" eines derartigen Komplotts nicht einmal in Erwägung. Wenn das Staatssekretariat eine Situation bereinigen, einen Kurs ändern oder eine Person entlassen wolle, tue es dies direkt. Offenbar sei einigen Medien Harmonie zu langweilig, sagte Kasper am Donnerstag in der Turiner Tageszeitung "La Stampa".

"Gott sei Dank bin ich Atheist"
Unterdessen stellte Feltri klar, weder habe er Namen genannt, noch kenne er Bertone oder Vian persönlich. "Gott sei Dank bin ich Atheist", meinte er in "La Stampa". Er habe das Material "von einer verstrauenswürdigen Person der katholischen Welt" erhalten.

Unterdessen bleiben die Hintergründe des "Falles Boffo" im Dunklen.
Unklar ist, ob jemand eine private Rechnung mit dem "Avvenire"-Chef offen hatte. Jüngste Facette der Legendenbildung ist eine
"Opfertheorie": Boffo habe einen unbekannten Dritten schützen wollen; er habe daher auf eine Aufklärung verzichtet und sei freiwillig zurückgetreten.

Bei allem Zweifel an einer Verschwörungstheorie scheint zutreffend, dass Boffo und der "Avvenire" nicht mehr ganz die Linie des Staatssekretariats vertraten - wie auch das katholische Medien-Flaggschiff "Famiglia Cristiana". Seit längerem fällt eine strikte Zurückhaltung des Vatikan und seiner Organe gegenüber der italienischen Politik und ihren Akteuren auf. Mit keinem Wort gingen "Osservatore" oder Radio Vatikan im Frühsommer auf die "Enthüllungen" italienischer Medien über das Privatleben von Ministerpräsident Silvio Berlusconi ein. Dagegen stiegen "Avvenire" und "Famiglia Cristiana" durchaus ein - wozu Vians "Osservatore" offen Unverständnis äußerte.

Fantasy-Szenario eines Dan Brown
Die neue vatikanische Italienkurs dürfte auch mit Verschiebungen an der Spitze der nationalen Bischofskonferenz zu tun haben. Während der frühere Vorsitzende Kardinal Camillo Ruini weitgehend eigenständig die Kirchenlinie gegenüber Staat und Politik bestimmte, hat unter dessen weniger starkem Nachfolger Angelo Bagnasco zunehmend das vatikanische Kardinalstaatssekretariat diesen Part übernommen. Und anders als Ruini mischt sich Bertone weniger in tagesaktuelle Belange ein. Er pflegt den engen Draht insbesondere zu Berlusconis Staatsminister Gianni Letta, und erwartet sich offenbar auf diskretem Weg mehr Einfluss in Grundsatzlinien.

In diesem Kurs störte Boffo. Dass der Vatikan jedoch anonyme Verleumdungsschreiben in Umlauf setzt, um Kurskorrekturen einzuleiten, gehört - wie Kardinal Kasper meint - eher ins Reich von Borgia-Intrigen oder von Fantasy-Szenarien eines Dan Brown.