Seit fünf Jahren unterrichtet die Islamwissenschaftlerin Kaddor Yasemin, Cigdem und ihre Mitschüler an der Dinslakener Hauptschule im Fach Islamkunde und sorgt dafür, dass die Schüler ihre eigene Religion besser verstehen. Es handle sich jedoch nicht um klassischen Religionsunterricht, sondern um «informierenden Islamkundeunterricht in deutscher Sprache», erläutert die 30-jährige Muslimin syrischer Abstammung.
Obwohl es die Islamkunde als Schulversuch bereits seit 1986 in NRW gibt, ist erst jetzt ein entsprechendes Schulbuch zum Unterricht auf den Markt gekommen. «Endlich brauche ich nicht mehr auf lose Blattsammlungen zurückgreifen, sondern habe ein Buch, mit dem ich arbeiten kann», sagt Kaddor, die Mitherausgeberin des Werks «Saphir» ist. «Wie ein glänzender Edelstein, der sehr viele Seiten hat, soll das Buch das facettenreiche Leben der Muslime in Deutschland widerspiegeln», sagt die Duisburgerin.
Den Koran verstehen lernen
15 Themen werden in dem im Münchner Kösel Verlag erschienenen Buch auf insgesamt rund 200 Seiten behandelt. Neben islamrelevanten Themen wie Koran und Prophet Mohammed gibt es unter anderem Kapitel zum Thema Gott und Engel sowie zum Alltag der Muslime in Deutschland. Außerdem werden Rituale und wichtige Begrifflichkeiten erklärt. Neben Texten bietet das Buch zum besseren Verständnis zahlreiche Bilder, Fotos und Grafiken. Weil «Saphir» ab diesem Schuljahr in den vier Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern, Bremen und Niedersachsen eingesetzt werden darf, habe das Konzept allen vier Lehrplänen entsprechen müssen, sagt Kaddor. So sei letztlich die Zusammenstellung entstanden.
Kaddors Schüler sind begeistert. «Ich finde das Buch schön, weil wir darin verschiedene Dinge lernen», sagt Yasemin. «In der Moschee lesen wir den Koran nur, aber verstehen die Inhalte nicht immer. Hier erklärt uns Frau Kaddor mit dem Buch, was im Koran steht.» Einige ihrer Mitschüler freuen sich zudem, dass es statt «langweiliger Schwarz-Weiß-Kopien» bunte Bilder und Grafiken gibt, die ihnen die Zusammenhänge besser veranschaulichen.
Für Kaddor selbst ist das Buch nicht irgendein Schulbuch, das sie mit herausgegeben hat. «Mein Wunsch ist, dass das Buch nur der erste Schritt zu einem flächendeckenden muslimischen Religionsunterricht in Deutschland sein wird», sagt sie. Als Kind habe es sie auch gestört, dass es keinen Religionsunterricht in deutscher Sprache für ihren Glauben gegeben habe. Und als Lehrerin stelle sie nun fest, «wie wenig die Schüler über ihre eigene Religion wissen».
Zeichen der Anerkennung
Mit einem expliziten Religionsunterricht für muslimische Schüler würde nicht nur ein Zeichen gesetzt, dass muslimische Menschen in Deutschland mit ihrer Religion anerkannt würden. Das würde laut Kaddor auch zum gegenseitigen Verständnis der unterschiedlichen Glaubensrichtungen in Deutschland beitragen.
Nach Angaben von Jörg Harm vom nordrhein-westfälischen Schulministerium laufen derzeit Gespräche mit islamischen Religionsgemeinschaften, um eine «möglichst schnelle Einführung von islamischem Religionsunterricht zu ermöglichen». In der Erteilung von Islamkunde gilt NRW bislang als Vorreiter. Seit 1999 ist der Unterricht eigenständiges Unterrichtsfach im Rahmen eines zeitlich nicht befristeten Schulversuchs. Rund 85 Lehrer und Islamwissenschaftler unterrichten derzeit nach Angaben des Ministeriums etwa 10 900 Schüler an 140 Schulen aller Schulformen.
"Saphir" - Erstes Buch für Islamkunde an deutschen Schulen
Durchbruch für islamischen Religionsunterricht?
Aufgeregt diskutieren die Schüler der achten Klasse an der Glückauf Hauptschule in Dinslaken-Lohberg. "Was sollte ein Muslim tun, wenn er ein Problem hat?", fragt Lehrerin Lamya Kaddor in die Runde der 14 Schüler. Die 13-jährige Yasemin meldet sich und sagt: "In den Koran schauen." "Das stimmt", sagt Kaddor und fragt: "Und wenn dort keine Antwort steht?" "Dann guckt man in die 'Sira', die Lebensgeschichte des Propheten Mohammed", sagt Yasemins Mitschülerin Cigdem. Kaddor stimmt ihnen zu.
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