Ob die Tat einen politischen oder kriminellen Hintergrund hat, sei völlig unklar, sagte Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Simone Pott: "Wir tappen völlig im Dunkeln." Erigavo habe bisher als relativ sicher gegolten. Der Ort liegt in Somaliland, das sich von Somalia losgelöst hat, aber international nicht anerkannt wurde. In der Region kommt es aber zu Kämpfen mit Verbänden aus Puntland, das sich ebenfalls für unabhängig erklärt hat.
Das Fahrzeug wurde den Angaben zufolge 64 Kilometer nördlich der Stadt Erigavo von bewaffneten Männern angehalten. Der Projektleiter wurde gekidnappt. Bei einem Schusswechsel wurde der Fahrer leicht verletzt. Er konnte den Angaben zufolge aber zusammen mit der deutschen Entwicklungshelferin und einem somalischen Mitarbeiter zurückkehren.
Der entführte Mitarbeiter, der Mitte 30 ist, gilt als erfahrener Entwicklungshelfer, der seit fast zwei Jahren für die Welthungerhilfe in der Region am Horn von Afrika arbeitet. Er betreut in Erigavo ein großes Projekt zur Ernährungssicherung. Die lokalen Behörden bemühen sich laut Welthungerhilfe intensiv um seine Freilassung. Auch die deutsche Kollegin will sich über ihre Kontakte zu den Clan-Strukturen in die Aufklärung des Falls einschalten. Die Polizei fahnde nach den Tätern.
Ende vergangenen Jahres waren in derselben Region zwei Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" entführt worden. Anfang Januar kamen sie frei, angeblich nach Zahlung von Lösegeld. Das gesamte Somalia zählt zu den ärmsten Regionen der Welt.
Somalia - Kämpfe und Chaos
Die Entführung eines Mitarbeiters der Deutschen Welthungerhilfe im Norden Somalias wirft ein Schlaglicht auf die unsichere Lage am Horn von Afrika. Mehr als 17 Jahre ist es her, dass Somalias Diktator Siad Barre aus der Hauptstadt Mogadischu floh.
Seitdem wird das Land immer wieder von Kämpfen und Chaos heimgesucht.
Eine Regierung, die das gesetzlose Land befrieden könnte, ist nicht in Sicht: Die derzeit mit äthiopischer Militärhilfe herrschende, unter internationaler Vermittlung eingesetzte Übergangsregierung muss sich seit ihrem Einzug in Mogadischu vor mehr als einem Jahr gegen ständige Angriffe islamistischer Milizen zur Wehr setzen.
Aus der vom jahrzehntelangen Krieg weitgehend zerstörten somalischen Hauptstadt sind Hunderttausende Einwohner geflohen. Selbst unter der Herrschaft von Warlords, brutalen Geschäftsleute mit Privatarmeen, und der «Union Islamischer Gerichtshöfe» war die humanitäre Situation im Land besser, urteilt der humanitäre Koordinator der UN, John
Holmes: «Die internationale Reaktion auf das Leid ist vollkommen unzureichend.» Private Hilfswerke schätzen die Zahl der Opfer in der Zivilbevölkerung alleine im vergangenen Jahr auf mehr als 6.000.
Die wenigen Organisationen, die in Somalia die Gesundheitsversorgung, die Versorgung von Flüchtlingen und andere staatliche Aufgaben wahrnehmen, arbeiten vor allem mit einheimischen Kräften. Die UN etwa entsenden seit mehr als zehn Jahren keine internationalen Mitarbeiter mehr nach Mogadischu. «Ärzte ohne Grenzen» zog erst vor kurzem alle Ausländer aus Somalia ab, nachdem drei Mitarbeiter bei einem Bombenattentat in Kismayo im Süden Somalias ermordet worden waren.
Der Norden Somalias - die selbsterklärten und von niemandem anerkannten Staaten Somaliland und Puntland - galt im Gegensatz zum anarchischen Süden jahrelang als sicher. Doch das änderte sich im vergangenen Jahr, als Truppen aus beiden Landesteilen einen bewaffneten Kampf über den Grenzverlauf begannen. Die Gefechte haben auch einen politischen Hintergrund: Somalias Übergangspräsident Abdullahi Yusuf, der aus Puntland stammt, hatte schon länger angekündigt, Somaliland mit dem Süden Somalias vereinigen zu wollen.
Seitdem ist auch der Norden Somalias ein gefährliches Pflaster. Im vergangenen Jahr wurden zwei Mitarbeiterinnen von «Ärzte ohne Grenzen», eine spanische Ärztin und eine argentinische Krankenschwester entführt und nach zwei Wochen wieder freigelassen - angeblich gegen Lösegeld.
Auch ein französischer Journalist, der in der Hafenstadt Bosasso über die Flüchtlingsströme Richtung Osten berichten wollte, wurde gekidnappt. Jüngstes Entführungsopfer ist der Mitarbeiter der Welthungerhilfe. Die Stadt Erigavo, in deren Nähe die Entführung stattfand, galt im Gegensatz zum Umland bisher als sicher.
Deutscher Mitarbeiter der Welthungerhilfe wurde in Somalia gekidnappt
Entwicklungshelfer entführt
Im Norden Somalias ist ein Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe entführt worden. Wie die Organisation am Dienstag in Bonn mitteilte, war der Projektleiter zusammen mit seiner deutschen Kollegin auf dem Weg von Erigavo an die Küste, um an einem Treffen mit Fischern teilzunehmen. Über eventuelle Lösegeldforderungen wurde nichts mitgeteilt.
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