Papst Franziskus
Papst Franziskus
Prof. Ulrich Hemel
Prof. Ulrich Hemel

04.12.2020

BKU zu Papst-Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen Wirtschaftlich unrealistisch?

In seinem neuen Buch wünscht sich Papst Franziskus ein Grundeinkommen für alle. Gut gemeint, aber nicht durchdacht, findet der Bund Katholischer Unternehmer - und würdigt gleichzeitig viele wichtige Impulse des neuen Papst-Buches.

DOMRADIO.DE: "Mit Zuversicht aus der Krise" lautet der Untertitel des neuen Papst-Buchs. Und da geht's schon in Richtung Ratgeber. Wie ist denn die Vorstellung des Papstes, wie das Leben nach der Krise aussieht?

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel (Vorsitzender Bund Katholischer Unternehmer): Er hat keine genaue Vorstellung über das Leben nach der Krise, sondern eine Idee, wie wir unser menschliches Zusammenleben nach der Krise besser gestalten können.

Dabei greift er Ideen auf, die heute weit verbreitet sind, die aber auch notwendig sind, nämlich ein besseres soziales Zusammenleben, eine nachhaltigere Form des Wirtschaftens und eine gute Form des politischen Miteinanders.

DOMRADIO.DE: Franziskus spricht in dem Buch auch ganz persönliche Krisen an. Welche Inspirationen gibt er den Lesern hier mit auf den Weg?

Hemel: Zunächst einmal, dass man sich nicht entmutigen lassen soll und dass es auch in Krisenzeiten nicht nur auf einen Pragmatismus ankommt, der nur den nächsten Schritt kennt, sondern auch darum, dass man ein weit gestecktes Ziel hat und sich nicht entmutigen lässt von Rückschlägen.

DOMRADIO.DE: Ein bedingungsloses Grundeinkommen bringt das Oberhaupt der katholischen Kirche zur Sprache. Wie realistisch finden Sie das, was Papst Franziskus da für Ideen hat?

Hemel: Die Frage ist, wie ein solches Grundeinkommen auszugestalten ist. Persönlich fordere ich seit über zehn Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber in einer Höhe von zwei Euro pro Tag, pro Person, das hört sich in Deutschland lächerlich an. Aber es würde die Lebenssituation von heute über 700 Millionen Menschen verbessern. Und das ist aber auch die Schwierigkeit.

Stellen Sie sich vor, Luxemburg würde ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 10.000 Euro einführen. dann würde ich mir schon überlegen, ob ich vielleicht nach Luxemburg ziehe. Und genau das ist das Problem. Die Lebensbedingungen in den einzelnen Ländern sind enorm unterschiedlich. Das, was im eigenen Land als angemessen gelten kann, ist im anderen Land eben nicht angemessen.

Wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer Höhe von - jetzt sage ich mal - 1.000 Euro hätten und jemand in einem anderen Land vielleicht 100 Euro pro Monat zur Verfügung hat, dann ist das die gleiche Situation wie für uns, wenn wir sagen "Luxemburg, 10.000 Euro bedingungsloses Grundeinkommen, da gehe ich hin".

Das bedeutet: Manchmal sind gut gemeinte Aussagen Anlass für nicht gewollte Nebenwirkungen, in diesem Fall beispielsweise eine Verstärkung von Migration in einer Art und Weise, wie wir sie nicht unbedingt wünschen wollen. Denn wir haben jetzt noch zu kämpfen mit den Nachwirkungen einer sehr großen und großzügigen Aufnahme von geflüchteten Menschen 2015.

An dieser Stelle wünsche ich mir manchmal ein wenig mehr wirtschaftlichen Realismus von unserem Papst.

DOMRADIO.DE: Welche Sorgen machen Sie sich, wenn Sie auf die Zeit nach Corona schauen?

Hemel: Wir haben ein Thema im gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Corona-Krise betrifft vom Einkommen her deutlich stärker diejenigen Menschen, die eh schon wenig haben, also die Menschen im unteren Fünftel, bei den unteren 20 Prozent der Einkommensgruppen. Die haben am meisten verloren, wenn man das in Prozent ausdrückt.

Das ist eine Herausforderung an die gesamte Gesellschaft. Wie können wir es bewältigen, sozialen Zusammenhalt zu schaffen, wenn diejenigen Menschen, die eh schon fast nichts haben, die nichts zurücklegen können, noch stärker gebeutelt werden?

DOMRADIO.DE: Der Papst setzt den Fokus ja immer auf den Menschen. Also wir müssen die Menschen retten, nicht zuerst die Wirtschaft. Kann man das denn so unabhängig voneinander betrachten?

Hemel: Die beiden Sachen gehören ja zusammen. Die Wirtschaft wird von Menschen gemacht und für Menschen gemacht. Die Wirtschaft hat aber auch Nebenfolgen, die natürlich einzudämmen sind. Wir brauchen schon auch einen Staat, der Spielregeln setzt und Spielregeln durchsetzt. Das sind zwei Seiten einer Medaille. Insofern kann man das nicht ohne weiteres auseinanderdividieren.

Was wir erleben, sind Nachwirkungen einer ungehemmten Form neoliberalen Wirtschaftens, wie wir sie in Deutschland in dieser Form gar nicht haben. Das ist eine Schwierigkeit und da brauchen wir schon gute Impulse für eine bessere und auch eine solidarischere Welt. Insofern begrüße ich auch diesen neuen Schritt unseres Papstes Franziskus.

Das Gespräch führte Tobias Fricke.

(DR)

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