Kirchenaustritt
Kirchenaustritt

07.02.2015

Evangelische Kirche verliert deutlich mehr als 200.000 Mitglieder Höchste Steigerung seit zwei Jahrzehnten

Im vergangenen Jahr haben so viele deutsche Protestanten ihre Kirche verlassen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Zahl der Austritte stieg 2014 auf deutlich mehr als 200.000. Ursache ist ein Irrtum.

Wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) in den Landeskirchen ergab, gelten als wichtigster Grund für die Austrittswelle die Änderungen bei der Erhebung der Kirchensteuer auf die Kapitalertragsteuer. In manchen Regionen verdreifachten sich der Umfrage zufolge die Austrittszahlen gegenüber dem Vorjahr. Zwar gibt es noch nicht aus allen 20 Landeskirchen genaue Statistiken, doch die Gesamtzahl der Kirchenaustritte könnte sogar bei mehr als einer Viertelmillion liegen.

In Bayern, der drittgrößten deutschen Landeskirche, traten im vergangenen Jahr über 30.000 Menschen aus, 2013 waren es 19.000 - eine Zunahme um 62 Prozent. Die Evangelische Kirche im Rheinland rechnet mit einem Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber 19.000 im Jahr zuvor. Noch keine Zahlen gibt es aus Hannover, der mit rund 2,8 Millionen Christen größten Landeskirche, sowie aus der Nordkirche, zu der Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gehören. Doch dürften auch hier die Kirchenaustritte um mindestens die Hälfte gestiegen sein, wie es hieß.

Keine neue oder höhere Steuer

Auch in der westfälischen und der württembergischen Landeskirche, die beide mehr als zwei Millionen Gläubige zählen, zeichnen sich sprunghaft erhöhte Austrittszahlen ab. Die Evangelische Landeskirche in Baden muss mit 16.200 fast doppelt so viele Austritte verkraften wie 2013. Auch in der mitteldeutschen Kirche, zu der weite Teile Thüringens und Sachsen-Anhalts gehören, stieg die Zahl von 5.000 auf 10.000. In Sachsen kehrten sogar 12.00 Menschen der Kirche den Rücken, eine Steigerung um 140 Prozent. Den Negativ-Rekord hält die Evangelische Landeskirche Anhalts, mit knapp 40.000 Mitgliedern die kleinste deutsche Landeskirche: Hier traten 660 Menschen aus, mehr als drei Mal so viel wie 2013 mit 179.

Seit Jahresbeginn 2015 werden die Kirchensteuern auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an die Finanzämter weitergeleitet. Die Banken informierten ihre Kunden seit Anfang 2014 über die Änderung. Viele Menschen verstanden aber offenbar nicht, dass sich an der Steuerhöhe nichts ändern und auch keine neue Steuer erhoben wird. Die Zahl der Kirchenaustritte stieg vor allem von Januar bis Juni 2014 deutlich an. Aus der katholischen Kirche gibt es für das vergangene Jahr noch keine abschließenden Zahlen, doch die Austrittsquoten dürften ähnlich hoch liegen.

Die Gesamtzahl der evangelischen Christen in der Bundesrepublik lag Ende 2012 bei knapp 23,4 Millionen. Damals lag die Zahl der Austritte bei 138.000. Offizielle Zahlen für das Jahr 2013 gibt es noch nicht. Mehr als 200.000 Kirchenaustritte in der Evangelischen Kirche in Deutschland gab es zuletzt in den 1990er Jahren. 1996 hatten 226.000 Christen die evangelische Kirche verlassen, im Jahr zuvor waren es sogar 297.000.

Noch keine offiziellen Zahlen der katholischen Kirche

Die Deutsche Bischofskonferenz will die Austrittszahlen erst zur Jahresmitte vorlegen. Dennoch lassen die Angaben der Amtsgerichte und Standesämter auf eine ähnliche Entwicklung in der katholischen Kirche schließen. 2013 hatte sie 179.000 Austritte registriert - 2014 könnte somit der Höchststand von 2010 mit 181.193 Austritten noch übertroffen werden. Im überwiegend katholisch geprägten München etwa erklärten 12 674 katholische und evangelische Christen ihren Austritt, das sind 19 Prozent mehr als 2013. Im bayerischen Regensburg mit seinem starken katholischen Milieu verzeichnete das Standesamt 2014 rund 1200 Austritte nach knapp 950 im Jahr zuvor.

In Köln wird die Zahl der Austritte aus katholischer und evangelischer Kirche zusammen auf etwa 7500 geschätzt. Das sind laut Amtsgericht etwa 1000 mehr als 2013. Eine Einschätzung wagen auch einige Bistümer. "Wir rechnen mit mehr Austritten", sagte ein Sprecher des Bistums Fulda. Auch er nannte die Umstellung beim Kirchensteuereinzug als Hauptgrund: "Das hat Missverständnisse verursacht und ist es sehr ärgerlich. Offenbar dachten viele Menschen, es gebe eine neue Steuer."

Ähnlich sieht es ein Sprecher des Erzbistums Bamberg: "Es ist bekannt, dass viele Kirchenmitglieder wegen der steuerlichen Neuregelung verunsichert waren." Das hat auch Hannovers Stadtsprecher Udo Möller beobachtet. Er verweist darauf, dass sich an der Steuerpflicht selbst dadurch nichts geändert hat. Zuletzt hatten katholische und evangelische Kirche in Deutschland zusammen rund 48 Millionen Mitglieder.

(epd, dpa)