Aufstand im Warschauer Ghetto am 19. April 1943
Aufstand im Warschauer Ghetto am 19. April 1943

19.04.2013

70 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto Mit dem Mut der Verzweiflung

Das Bild ist zur Ikone geworden: Bundeskanzler Willy Brandt bittet um Vergebung für die deutschen Verbrechen - vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos, dem Symbol für Elend und Vernichtung, aber auch Beweis für den jüdischen Widerstand gegen Hitler.

Vor 70 Jahren, am 19. April 1943, erhoben sich jüdische Ghetto-Bewohner mit dem Mut der Verzweiflung gegen ihre Peiniger. Keinen Tag länger wollten sie sich wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Fast vier Wochen dauerte es, bis die SS den Aufstand endgültig niederschlagen konnte. Polen erinnert mit Gedenkfeiern an den Kampf. Am Freitag wird in Warschau das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden eröffnet. Die katholische Kirche ehrt die Widerstandskämpfer mit dem Geläut aller Kirchenglocken im Erzbistum Warschau.

Es war die Zeit des jüdischen Pessachfestes, als ab vier Uhr morgens die deutschen Truppen das Ghetto umstellten. Ziel Himmlers war es, Warschau zu Hitlers Geburtstag am 20. April "judenfrei" zu präsentieren. Zu dieser Zeit lebten noch rund 60.000 Menschen eingeschlossen hinter den 18 Kilometer langen Mauern.

6.000 Menschen sterben pro Monat

Im November 1940 hatten die Deutschen das Ghetto wegen angeblicher Seuchengefahr errichtet und Juden aus ganz Polen dort zusammengepfercht. Zu Spitzenzeiten waren 445.000 Menschen in dem Gebiet im Stadtzentrum eingeschlossen - unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen und ständiger Angst vor dem Abtransport in die Todeslager. Übervölkerung und Hunger lösten Typhus und Gelbfieber aus. 6.000 Menschen starben pro Monat. Die Straßen waren mit Leichen übersät.

Viele Juden mussten Zwangsarbeit leisten. Die SS zwang den von ihr eingesetzten Judenrat, bei der Auswahl der zu Deportierenden mitzuentscheiden - und machte ihn somit zum Herren über Leben und Tod. Der Historiker Israel Gutman, ein Überlebender aus Warschau, erinnert sich: "Die Judenräte haben gesagt: Für die Deutschen sind wir keine Menschen, aber wenn wir produktiv sind und den Deutschen helfen, können wir vielleicht damit unser Leben retten." - Eine Hoffnung, die schnell zerstob.

Spärlich bewaffnet gegen 2.000 Soldaten

Im Juli 1942 begannen die Nationalsozialisten, das Ghetto zu räumen, bis zum April 1943 wurden 300.000 Menschen in Vernichtungslager deportiert. Am 19. April 1943 sollten die letzten aus dem Ghetto gebracht werden, mit Widerstand rechnete die SS nicht. Doch 750 spärlich bewaffnete Kämpfer aus unterschiedlichen Widerstandsgruppen setzten sich gegen die Übermacht zur Wehr. Sie hatten schon im Vorjahr begonnen, sich Waffen zu besorgen. Mit wenigen Pistolen, Messern, einigen Handgranaten und Molotow-Cocktails sowie etwa 100 Gewehren und einem einzigen Maschinengewehr zogen sie in den Kampf gegen mehr als 2.000 Soldaten, SS und Polizeikräfte, die durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe unterstützt wurden.

Das Überraschungsmoment war auf der Seite der Widerstandskämpfer, 200 SS-Männer wurden getötet, der Rest zog sich zunächst zurück. In den ersten Tagen des Aufstandes konnten die Kämpfer die Angriffe zurückschlagen, doch am Ende hatten sie keine Chance. Die Deutschen begannen unter dem SS-Gruppenführer Jürgen Stroop, das Ghetto systematisch in Brand zu stecken, um die Aufständischen aus ihren Verstecken zu zwingen. Am 8. Mai 1943 umzingelten deutsche und ukrainische Einheiten das Hauptquartier der Aufständischen.

Ein Jahr später Aufstand der Armee

Insgesamt forderten die Kämpfe 12.000 Opfer. Weitere 30.000 Menschen wurden anschließend erschossen, 7.000 in Vernichtungslager transportiert. Wenigen Widerstandskämpfern gelang die Flucht durch die Kanalisation. Am 16. Mai 1943 ließ Stroop als Symbol des deutschen Sieges die Große Synagoge zerstören. "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr", brüstete er sich. Einige Partisanen lieferten allerdings noch Monate Widerstand.

Ein Jahr später, am 1. August 1944, begann der Warschauer Aufstand der Polnischen Heimatarmee gegen die Besatzung. Nach 63 Tagen musste auch sie kapitulieren; die Deutschen reagierten mit brutalen Massakern und der völligen Zerstörung Warschaus. Die Rote Armee, die bereits am Ostufer der Weichsel stand, griff nicht ein.

Christoph Arens
(KNA)