Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger
Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger

04.10.2010

Katholisches Ethikrat-Mitglied Losinger kritisiert Nobelpreis für Edwards Eine "Art Heiligsprechung"

Die katholische Kirche hält an ihrer Kritik an der Vergabe des Medizinnobelpreises an den britischen Forscher Robert Edwards fest. Ein "Auseinanderdriften von technischer Möglichkeit und ethischer Verantwortbarkeit" erkennt der Augsburger Weihbischof, Anton Losinger. Im Interview mit domradio.de betont das Ethikrat-Mitglied den Lebensschutz als christliches Leitmotiv.

domradio.de: Wie bewerten Sie die Vergabe des Nobelpreises an Robert Edwards?
Losinger: Ich kann die Kritik, die sowohl von den Ärzteverbänden wie aus dem Vatikan kommt, nachvollziehen. Ich halte sie für plausibel. Vor allem, weil die Dialektik, die in diesem Prozess steckt, auf den ersten Blick nicht genau wahrgenommen wird. Natürlich sagt das menschliche Gefühl: Es ist schön, wenn kinderlosen Paaren geholfen werden kann, und das auch in dieser großen Zahl. Aber, so wie das auf jedem Beipackzettel eines Medikaments steht, müssen die Risiken und die Folgewirkungen dieses Tuns bedacht werden. Und das vor allem deswegen, weil es um nicht mehr und nicht weniger geht als um das Lebensrecht von Embryonen, von menschlichem Leben. Und hier sind in der Tat alle diese Elemente zu benennen, die in diesem technischem Verfahren potentielle und reale Gefahren für das Lebensrecht von menschlichen Embryonen bedeuten.

domradio.de: Welche Risiken und Folgen meinen Sie konkret?
Losinger: Zunächst einmal muss klar sein: Überall, wo In-Vitro-Fertilisation, also Befruchtung im Reagenzglas, erfolgt, da ist PID, als Prämimplantationsdiagnostik, eine logische Folge. Es wird in einem Verfahren, das inzwischen auch genetisch sehr klar läuft, nachgeschaut, wie ein solcher einzelner befruchteter Embryo ausschaut. Die Folge, die derzeit bereits erkennbar ist - neben der Tatsache, dass eine Reihe solcher Embryonen im technischen Verfahren bereits absterben - die Frage der Selektion. Zum Beispiel: Was ist, wenn ein gendefekter Embryo darunter ist? Muss der eingepflanzt werden oder nicht? Und hier sind wir bereits auf der schiefen Ebene, die durch das PID-Urteil des Fünften Senats des Bundesverwaltungsgerichts gegeben wurde, dass uns ja erst vor 14 Tagen beschert wurde. Haben Menschen das Recht, Embryonen auszuwählen, die einen zu nehmen und die anderen schlichtweg dem Tod anheim zu geben? Nach welchen Kriterien sollen Menschen das dürfen? Und wenn wir zum Beispiel in einem solchen PID-Verfahren etwa gendefekte Embryonen nicht zum Leben kommen lassen wollen, dann stellt sich ja die logische Frage, welches Menschenbild von Behinderten generieren wir, wenn wir behinderte Embryonen etwa auf Grund eines festgestellten Gendefekts aussortieren?

domradio.de: Einmal ist es die Auslese, die dem christlichen Menschenbild nicht entspricht. Was ist es noch?
Losinger: Das nächste Problem, das damit einhergeht, ist die Frage, wie wollen wir eigentlich, dass Kinder entstehen? Sind wir dafür, dass eine komplette Entkoppelung etwa von Liebe und Zeugung eines Menschen stattfindet? Wir haben natürlich auch gerade im Deutschen Ethikrat, der sich ja auch mit dem Thema Fortpflanzungsmedizin in absehbarer Zeit in einer Arbeitsgruppe beschäftigt, unlängst die Thematik Babyklappe gehabt. Dort war eines der zentralen Themen, darf einem Kind, das in einer Babyklappe gefunden wird, zugemutet werden, dass es seine Eltern nicht kennt? Jetzt, bei dieser Frage etwa, künstlicher Zeugung von Menschen, scheint diese Frage gar keine Rolle mehr zu spielen. Wenn es um heterologe Insemination geht und damit Kinder etwa gar keine Chance haben, jemals ihre Eltern kennen zu lernen.

domradio.de: Künstliche Befruchtung vom christlichen Menschenbild her generell negativ zu beurteilen oder gibt es auch Bedingungen unter denen die künstliche Befruchtung befürwortet werden könnte?
Losinger: Die kirchliche Ethik hat unlängst in einem Dokument im Vatikan der Glaubenskongregation mit dem Titel "Dignitas persone", also die Würde der menschlichen Person, zum Ausdruck gebracht, dass in der Tat das Lebensrecht jedes einzelnen Menschen von seiner Zeugung an bis zu einem friedlichen Tod im Mittelpunkt steht. Deshalb muss uns klar sein, dass die Frage der künstlichen Zeugung von Menschen auch die Frage des "Status Embryones" aufweist, auf Deutsch: Was ist der menschliche Embryo? Wir müssen in aller Klarheit sagen, und das ist der zentrale Kritikpunkt des vatikanischen Papiers, jeder einzelne Mensch ist ab dem Augenblick seiner Zeugung ein Mensch mit Lebensrecht und Würde und ist damit im Schutz auch einer rechtsstaatlichen Ordnung anzusiedeln. Und hier sehen wir alle die Kritikpunkte, die als negative Elemente eines solchen technischen Verfahrens angesiedelt sind, wie es jetzt durch den Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

domradio.de: Die meisten Stimmen würdigen hauptsächlich die Leistung Edwards", kinderlosen Paaren Hilfe gebracht zu haben. Warum glauben Sie findet die andere Seite so wenig Gehör?
Losinger: Dieser Nobelpreis könnte unter ungünstigen Bedingungen eine Art Heiligsprechung einer technischen Methode der Befruchtung im Reagenzglas bedeuten, die mit dem Namen Edwards verbunden ist. Ich glaube, dass Menschen immer in einem Fortschrittsoptimismus in den Naturwissenschaften zunächst einmal gelandet sind. Das war auch bei der Frage der friedlichen Nutzung der Kernkraft so. Aber jeder erinnert sich wahrscheinlich an das Wort von Albert Einstein: Wir leben heute technisch im Atomzeitalter, aber ethisch in der Steinzeit. Und dieses Auseinanderdriften von technischer Möglichkeit und ethischer Verantwortbarkeit im Sinne eines Lebensschutzes unter Geltung des Lebensrechtes - das scheint das entscheidende Problem zu sein.
--Das Gespräch führte Heike Sicconi.

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