Studie zeigt Medikamentenmissbrauch in einem Nachkriegsheim

Zur Strafe eine "Kotzspritze"

​Eine achttägige "Dämmerschlafbehandlung" oder eine Spritze mit Kotzeffekt - Historiker arbeiten die Methoden eines Arztes des Essener Behindertenheims Franz Sales Haus in der Nachkriegszeit auf.

Symbolbild: Kind mit Tabletten / © Daniel Jedzura (shutterstock)
Symbolbild: Kind mit Tabletten / © Daniel Jedzura ( shutterstock )

Einem früheren Bewohner gehen die "Kotz- und Betonspritzen" nicht aus dem Kopf. Wenn Kinder im Essener Franz Sales Haus nicht spurten, bekamen sie zur Strafe eine Injektion, die dann zum Erbrechen oder zur Bewegungsunfähigkeit führte. Andere Bewohner des katholischen Heims erhielten gegen die "Unruhe" Beruhigungsmittel - und schliefen im Unterricht ein.

Über den missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten in Heimen der Nachkriegszeit haben der Historiker Uwe Kaminsky und die Ethikerin Katharina Klöcker von der Ruhr-Universität Bochum am Donnerstag eine Studie veröffentlicht. Am Beispiel des Franz Sales Hauses zeichnen sie nach, wie in den 1950er und 1960er Jahren die Bewohner mit Medikamenten diszipliniert wurden. Damit nicht genug: Der damalige Anstaltsarzt Waldemar Strehl testete an den Minderjährigen neue Präparate - in Überdosis.

Forschung in Büchern, Archiven und Akten

Bereits 2012 und 2016 fanden Wissenschaftler Hinweise auf die Missstände in dem Heim. Kaminsky und Klöcker bohrten - auch mit finanzieller Beteiligung des Franz Sales Hauses - weiter nach. Sie forschten in Büchern, Archiven und über 100 Bewohnerakten, werteten mehr als 120 Berichte von ehemaligen Heimkindern aus, interviewten Betroffene und einen ehemaligen Mitarbeiter. Heraus kam ein düsteres Bild der Heimpädagogik.

Das Franz Sales Haus wurde 1884 als "Verein zur Erziehung und Pflege katholischer idiotischer Kinder aus der Rheinprovinz" gegründet. 1959 lebten dort rund 700 Minderjährige. Die Hälfte davon waren unehelich geboren und wurden als "Kinder der Sünde" diffamiert. Die meisten Bewohner erhielten die falsche Diagnose "Schwachsinn". Betreut wurden sie in Gruppen von 30 Personen, weil das Personal - überwiegend Ordensschwestern - knapp war.

Medikamente als "Hilfsmittel für die Erziehung"

Eine zentrale Rolle im Franz Sales Hauses spielte laut Studie der Mediziner Strehl (1916-1988), der im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht gedient hatte und von 1955 bis 1969 im Heim tätig war. Er habe die Medikamente als "Hilfsmittel für die Erzieher" gesehen und zugleich großes Interesse an neuen Präparaten gehabt. Die früheren Bewohner erinnern sich an einen strengen Arzt mit militärischem Tonfall.

Von ihm bekamen nach den Recherchen 58 Prozent der Heimkinder Psychopharmaka: Neuroleptika wie Resperin und Esucos, Antidepressiva oder Tranquilizer. Etwa jeder dritte Bewohner musste zusätzlich ein starkes Beruhigungsmittel, ein Sedativum, einnehmen. Jeder Zehnte erhielt ein Mittel gegen Epilepsie, obwohl nicht in allen Fällen eine entsprechende Diagnose vorgelegen habe - ebenfalls nur um Kinder ruhig zu stellen.

Diese Form des Medikamenteneinsatzes gehörte laut Klöcker und Kaminsky neben Schlägen zum Alltag eines Heimes mit mangelndem und überfordertem Personal. Tobende Kinder wurden mit dem Narkotikum SEE in einen Tiefschlaf versetzt oder erfuhren eine achttägige "Dämmerschlafbehandlung". Manche Ehemalige berichteten auch darüber, dass sie Tabletten und Spritzen erhielten, wenn sie sexuelle Dienstleistungen verweigerten.

Tests neuer Medikamente

Strehl testete nach den Erkenntnissen der Studienautoren auch neue Medikamente, so das Neuroleptikum Decentan. In einem Bericht an die Herstellerfirma Merck berichtet er von heftigen Nebenwirkungen wie Schrei- und Blickkrämpfen, Lähmungen, schiefem Mund oder Nackenstarre. Dabei hatte er die erlaubte Dosis teils um mehr als das Dreifache erhöht. Als Firmenvertreter ihn darauf ansprachen, gab er zur Antwort, "dass er mit niedrigeren Dosen keinen Effekt sehe".

Laut der Studie "Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz Sales Hauses" spielten sich die damaligen Medikamententests in Heimen in einem Graubereich ab, da diese an Minderjährigen nicht generell verboten gewesen seien und Erziehungsberechtigte auch nur mündlich hätten einwilligen können.

Aber auch unter Berücksichtigung des zeitgeschichtlichen Kontextes sei eine Rechtfertigung der Medikamentengaben nicht haltbar, so Klöcker. Strehl sei in hohem Maße mitverantwortlich dafür, dass den Heimkindern "durch moralisch nicht zu rechtfertigende Medikamentengaben großes Leid widerfuhr". Erst ab den 1970er Jahren setzte ein Umdenken ein.

Frau in einem Rollstuhl / © Paul Zinken (dpa)
Frau in einem Rollstuhl / © Paul Zinken ( dpa )
Das Franz Sales Haus in Essen / © Wolfram Kastl (dpa)
Das Franz Sales Haus in Essen / © Wolfram Kastl ( dpa )
Autor/in:
Andreas Otto
Quelle:
KNA